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Moralprediger im Bordell

Von Katharina Kort
Der bekannte Rechtsanwalt und ehemalige Mailänder Börsenaufseher Guido Rossi soll den italienischen Fußball retten. Der jüngste Skandal, in dem Schiedsrichter bestochen und Spiele gekauft wurden, hat den gesamten Nationalsport in Verruf gebracht.
Guido Rossi soll den italienischen Fußball retten. Foto: ap
MAILAND. Das schüttere Haar fast weiß, der Körperbau grob, die Augen tiefblau ? so sieht er aus, der Zwangsverwalter des italienischen Fußballs. 75 Jahre ist er alt, er hat eine beeindruckende Karriere als Rechtsanwalt und Börsenaufseher hinter sich. Jetzt hat er auf seine alten Tage noch einmal einen Posten angenommen, auf den eine ganze Nation blickt: Guido Rossi ist neuer Chef des Fußballverbands FIGC (Federazione Italiano Giuoco Calcio), der als Teil des größten Skandals der italienischen Fußballgeschichte im Chaos zu versinken droht.Rossi, der in Mailand und Rom als Vordenker des italienischen Kartellrechts gilt, soll dem italienischen Fußball neue Regeln geben ? und, fast genauso wichtig, seine Ehre retten.

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Der jüngste Skandal, in dem Schiedsrichter bestochen und Spiele gekauft wurden, hat den gesamten Nationalsport in Verruf gebracht. Insgesamt vier Staatsanwaltschaften ermitteln. Im Mittelpunkt steht der Sportdirektor von Juventus Turin, Luciano Moggi, der mit mafiösen Methoden für Siege gesorgt haben soll.Moggi kontrolliert indirekt auch die mächtige Marketingagentur Gea, für die außer seinem Sohn auch der Sohn des Nationaltrainers Marcello Lippi arbeitet. 200 Spieler und 20 Trainer der ersten Liga hat die Gea unter Vertrag. Die Agentur kümmerte sich um Spielerverkäufe, Werbeverträge und ganz offenbar auch die Pflege der Schiedsrichter. Diese Woche stolperte sogar der bekannte Sportjournalist Aldo Biscardi über die Affäre. Moggi soll dem Moderator die Kommentierung von Fernsehbildern in Zeitlupe über umstrittene Schiedsrichterentscheidungen diktiert haben.Mit alldem soll Rossi jetzt Schluss machen. ?Ich bin überhaupt nicht beunruhigt?, lässt der Anwalt bei seiner Ernennung wissen. ?Schon als ich damals Präsident der Börsenaufsicht Consob wurde, hat man gescherzt: ,Du gehst als Moralprediger in ein Bordell??, erzählt er über seine Berufung im Februar 1981.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Rossi ist keiner, der sich einschüchtern lässtDie Consob war Mitte der 70er-Jahre als Antwort auf die damaligen Bankenskandale gegründet worden, insbesondere nach dem Zusammenbruch des Finanzimperiums des Vatikan-Vertrauten Michele Sindona. Rossis Aufgabe war es auch 1981 schon, Ordnung in eine korrupte Welt zu bringen. Er hätte die Börsenaufsicht am liebsten nach dem amerikanischen Beispiel der SEC umgebaut. Dass ihm das nicht ganz gelungen ist, das ist wohl der entscheidende Grund, weshalb er das Amt nur 18 Monate ausübte.Die Ausstattung der Consob damals war miserabel, ?es gab einen einzigen Rechner, und der funktionierte meistens nicht?, erinnert sich der Rechtsanwalt Teo Dalavecuras, der damals als Assistent Rossis gearbeitet hat, in einem Artikel für die Wirtschaftszeitschrift ?Il Mondo?. ?Doch Rossi hat der Consob eine Autorität gegeben, die aus ihr eine gefürchtete Institution machte.?Auch diesmal tritt Rossi als Außenseiter an. ?Ich fühle mich wie ein Außerirdischer in dieser Welt?, sagt er. Von Fußball habe er bis auf eine Schwäche für Inter Mailand nicht viel Ahnung. Den Hauptverdächtigen Moggi hat er nach eigenen Aussagen nie getroffen.Aber Rossi ist keiner, der sich einschüchtern lässt. Seine Anwaltskanzlei betreibt er als Jurist weitgehend alleine, nur mit Hilfe seiner Ehefrau und einer Sekretärin. Die Adresse ist allerdings bemerkenswert: Sein Büro liegt in der Via Sant?Andrea 2, nur wenige Schritte von seiner Wohnung auf Mailands Edel-Einkaufsmeile entfernt, der Via Montenapoleone.In Anwaltskreisen hat man Respekt vor Rossi, der als ?einzelgängerischer Bär? mit erheblichem Einfluss gilt. Beim Kampf um die Bankenübernahmen in Italien im vergangenen Jahr war Rossi stets vorne dabei. Ihm haben es die Niederländer von ABN Amro zu verdanken, dass sie bei der Banca Antonveneta doch noch zum Zuge kamen. Auch die Spanier der BBVA haben sich an Rossi gewandt, als sie zum erfolgreichen zweiten Übernahmeversuch für die Banca Nazionale del Lavoro ausholten.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Politisch eher linkem Lager zuzuordnenPolitisch ist Rossi eher dem linken Lager zuzuordnen. Auf Grund seiner Aversion gegen jede Form des Interessenkonflikts bezeichnete er den ehemaligen Premier Silvio Berlusconi als ?Gefahr für eine liberale Demokratie?. 1987 ist er sogar selbst erfolgreich als unabhängiger Kandidat auf der Liste der Kommunisten für den Senat angetreten. Er hatte gehofft, der italienischen Linken eine liberale Wende geben zu können. Umso mehr schmerzte es ihn, als im Folgejahr kein einziger kommunistischer Parlamentarier seinen Gesetzentwurf für das erste italienische Kartellrecht unterschrieb.Wegen seiner politischen Gesinnung ist er auch jetzt als neuer Saubermann des Fußballs nicht unumstritten. Adriano Galliani, der Vize-Präsident des durch den Berlusconi-Clan kontrollierten AC Milan, hat sich gegen den ?Ex-Kommunisten? ausgesprochen.Ein Jahr hat Rossi nun Zeit, um ein neues Regelwerk für den italienischen Fußball zu erarbeiten, das neue Skandale verhindern soll. Bereits am 28. Juli muss er dem europäischen Fußballverband Uefa mitteilen, welche Mannschaften bei der Auslosung für die internationalen Wettbewerbe teilnehmen, also ob die unter Verdacht stehenden Clubs Juventus, Milan, Fiorentina und Lazio überhaupt spielen dürfen.Rossi weiß, dass die Zeit knapp ist. Aber ?Ethik kann man nicht über Nacht einführen?. Und das Hauptproblem hat er längst erkannt. In einem Buch zum Thema Interessenkonflikt zitiert er Martin Luther: ?Geldgier ist die Wurzel allen Übels.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Guido RossiVita von Guido Rossi1931 wird er am 16. März in Mailand geboren.1953 macht er seinen Juraabschluss und schließt einen Master of Law in Harvard an.1963 erhält er eine Professur für Wirtschaftsrecht in Mailand.1981 wird er zum Vorsitzenden der Börsenaufsicht Consob berufen.1987 zieht er als unabhängiger Kandidat auf der Liste der Kommunisten in den Senat ein.1988 präsentiert er das Antitrust-Gesetz.1993 wird er Präsident der Gruppe Ferfin-Montedison.1997 amtiert er für zehn Monate als Präsident der Stet, die später mit Telecom Italia fusioniert.2006 wird er neuer Präsident des Fußballverbands FIGC.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.05.2006