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Moorhuhn auf Russisch

Von Mathias Brüggmann, Handelsblatt
Der Mann, der die russische Variante des einst beliebten Moorhuhn-Spiels vermarktet, sieht aus wie ein westlicher Banker oder Konzernvorstand. Seine Hamburger Firma betreibt seit drei Monaten, begleitet vom Medienpartner Bild.T-Online.de, die Plattform ?deutschlandspielt.de".
KALININGRAD. Der Mann, der die russische Variante des einst beliebten Moorhuhn-Spiels vermarktet, sieht aus wie ein westlicher Banker oder Konzernvorstand. Konstantin Nikulin trägt kurzes Haar, eine eckige, randlose Brille und einen dunklen Anzug. Seine Hamburger Firma Intenium GmbH betreibt seit drei Monaten, begleitet vom Medienpartner Bild.T-Online.de, die Plattform ?deutschlandspielt.de?, wo sich Billigspiele herunterladen lassen, die er mit seiner Firma Oxxo Media in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, entwickelt.Die Firmen sind klein. ?Abgesehen von meinem Nadelstreifenanzug und der Krawatte sind wir immer noch eine Garagenfirma, die sich in der Zeit der Internetkrise gesund geschrumpft hat?, räumt Nikulin in seinem Kaliningrader Büro ein.

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Als Garage dienen zwei frühere Wohnungen in typischen sowjetischen Plattenbauten. Die Wände sind voll gestellt mit Computerkartons, der Tisch mit Teetassen und CDs überladen. Mitten in dem von zwei Plattenradiatoren beheizten Chaos stehen zwei Rechner und eine CAD-Designstation, an der gerade die Menschenfresser gezeichnet werden. In der anderen Wohnung mit schmucklosen Schreibtischen auf ausgetretenem Parkettboden wird die Internetsite ?deutschland-spielt.de? immer auf neuestem Stand gehalten. Nikulin machte sich 1997 mit ein paar Freunden selbstständig. Aufträge holte der Gauloises-Raucher schon bald auch in Deutschland. So betreute er für den deutschen Internetdienstleister Me, Myself & Eye (MMECC) den Internetauftritt der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover. Später schuf er Computerspiele für den Süßwarenkonzern Ferrero. Inzwischen ist der frühere MMECC-Generalmanager Thorsten Kolisch als Partner bei Nikulin eingestiegen.Anfangs arbeitete Nikulin noch von Kaliningrad aus. Doch deutsche Kunden wollten es mit einem deutschen Auftragnehmer zu tun haben. So beschloss er im Jahr 2000, die Intenium GmbH in Hamburg zu gründen. Die Suche nach einem geeigneten Büro geriet für ihn zum Hürdenlauf. Trotz Empfehlungsschreiben der Hanseatischen Handelskammer, die auch Kaliningrad unter ihren Fittichen hat, gab es nur mangelhafte Angebote.?Immer wenn ich sagte, ich sei Russe, wurde ich weggeschickt. Obwohl ich im Anzug erschien ? rasiert, ohne Turban, Pelzmütze oder Beil?, erinnert sich Nikulin an seine Ansiedlungsversuche in ?Hamburch?, wie er die Hansestadt schon ganz norddeutsch ausspricht. Nur für den Steindamm am Hauptbahnhof erhielt er ein Angebot. Aber die Adresse kam aus Imagegründen nicht in Frage. ?Das setzt bei meinen Kunden doch die ganze Kette der Vorurteile gegen Russen in Gang: Mafia, Frauenhandel, Drogen ...? So zahlte er eine doppelte Kaution und viel Geld für heruntergekommene Möbel und kommt mit der Intenium GmbH bei fünf kleinen Firmen auf einer Etage am Berliner Tor unter.Der 33-Jährige mit den sich ausbreitenden Geheimratsecken ist jemand, der nicht so schnell aufgibt. ?Das ist einer, der sich reinbeißt und Sachen durchzieht?, lobt Stephan Stein, Leiter der für St. Petersburg und Kaliningrad zuständigen Außenstelle der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Russland. Nikulin sei ?super zuverlässig, seriös und engagiert?, meint Klaus Täubrich, Produkt-Vorstand von Bild.T-Online. Aber er sei russisch geblieben: ?Er bringt zu Terminen schon mal eine Flasche Wodka mit.?Nikulin hat noch viel vor. Er will aus der deutschen ?Vertriebsplattform eine Marke machen?. Später will er Spiele auch in anderen EU-Ländern verkaufen. Das sind äußerst ehrgeizige Pläne. Schon heute kann er mit sieben Festangestellten und einem weiteren Dutzend freischaffenden Programmierern nur ein Fünftel der Spiele für den deutschen Markt selbst entwickeln. Den großen Rest kauft er bei anderen russischen Firmen ein oder er passt amerikanische und skandinavische Internetspiele für den deutschen Markt an. Und im lukrativen Geschäft mit Spielen für Handys ist er nicht vertreten.Doch Nikulin verkündet, seine Verkäufe lägen weit über Plan. Genaue Zahlen will der studierte Raumfahrtingenieur aber nicht nennen. Nur so viel: Fast 54 Prozent des nicht genannten Umsatzes mache er mit Stammkunden, die schon mehrfach Spiele gekauft hätten.Aber er lässt keinen Zweifel daran, wer Herr im Hause ist. Er spricht immer von ?meinen Jungs?. Dabei schwingt Stolz mit. ?Mit einer deutschen Mannschaft hätten wir nicht durchgehalten?, behauptet Nikulin. ?Wir entstammen der Wendegeneration, die etwas anpackt und durchzieht und dabei nie ihren Glauben verliert. Denn wir haben schon viel Schlimmeres durchlebt.?
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2004