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Money aus Italy

Mark C. Schneider
Marco Tronchetti Provera hat Deutschland wiederentdeckt und hier zu Lande viel vor: Der Pirelli-Chef will nicht nur in die Produktion von Hochleistungsreifen, sondern auch ganz groß ins Immobiliengeschäft investieren.
Marco Tronchetti Provera ist eine Institution in der italienischen Wirtschaft. Foto: dpa.
BREUBERG. An Tor 31 des Chartersektors am Frankfurter Flughafen steigt der hochgewachsene Mann mit den silberweißen Locken hinten links in die bereitstehende Limousine, eine bronzene S-Klasse von Mercedes-Benz. Das Ziel des italienischen Vorzeigeindustriellen Marco Tronchetti Provera, Präsident des Pirelli-Konzerns und für viele Landsleute die Reinkarnation des legendären Fiat-Patriarchen Gianni Agnelli, liegt in der hessischen Provinz: Es geht nach Breuberg im Odenwald.Vor mehr als zehn Jahren war er zum letzten Mal dort. Bewundernd äußert sich Tronchetti Provera, der fließend Englisch spricht und den Dolmetscher wegschickt, über den Standort Deutschland. ?Wir werden in Deutschland weiter investieren, weil die Qualität der Produkte so hoch ist?, kündigt Provera an. Im Odenwald ist die größte deutsche Reifenfabrik mit einer Jahresproduktion von zehn Millionen Stück, ein Fünftel der vom Konzern hergestellten Reifen.

Die besten Jobs von allen

Die zelebrierte Höflichkeit ist alles andere als Zufall. Pirelli wittert nicht nur im Kerngeschäft viel Profit. Für die börsennotierte Immobilientochter Pirelli Re ist Deutschland mit einem verwalteten Vermögenswert von 3,5 Milliarden Euro ein großer Markt. Fast ein Drittel ihres Geschäftes machen die Italiener zwischen Hamburg und München. ?Wir konzentrieren uns auf Deutschland und wollen unsere Position hier weiter stärken?, sagt Tronchetti Provera dem Handelsblatt. ?Mittelfristig sehen wir große Chancen. Die Immobilienpreise in Deutschland sind niedriger als in anderen Ländern Europas.? Derzeit beteiligt sich Pirelli Re an der Mehrheit der vom Warenhauskonzern Arcandor genutzten Karstadt-Immobilien. Dazu könnten eines Tages die Objekte der Metro-Tochter Kaufhof kommen. ?Momentan ist das keine Perspektive?, sagt Tronchetti Provera. Dementis klingen anders.Italien entdeckt seine neue Liebe zum nördlichen Nachbarn. Antonio Puri Purini, Italiens Botschafter in Deutschland, springt seinem prominenten Landsmann bildreich bei: Italien sei in der Pflicht, ?Anschluss an die deutsche Lokomotive? zu halten. ?Das ist die wichtigste Sauerstoffzufuhr für uns?, sagt der Diplomat. Tronchetti-Provera, dessen Ex-Frau zum Pirelli-Clan gehört, bedankt sich und geleitet ihn zum Dienst-Alfa.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er traut VW eine Menge zu Im vergangenen Jahr erreichte die Pirelli-Fabrik einen Umsatz von 850 Millionen Euro mit High-Tech-Reifen ?made in Germany?. Eine Milliarde Euro soll es in zwei Jahren sein. Das Geschäft lohnt sich: Um 30 Prozent ist der Ertrag nach eigenen Angaben in den vergangenen vier Jahren gestiegen. Seit 2003 fielen zwar 700 Jobs vor allem der Automatisierung zum Opfer, aber noch immer beschäftigt der italienische Konzern 2 600 Mitarbeiter in Breuberg.Vor 45 Jahren übernahm er die dort ansässigen Veith Gummiwerke und baute sie zum Lieferanten von Hochleistungsreifen für die schnellsten Serienautos der Welt aus ? für den Supersportwagen Audi R8, das Coupé Bentley Continental GT oder den Klassiker Porsche 911 Turbo.Das Jubiläum nutzt der Firmenchef zur doppelten Werbetour: Er zollt dem Standort ebenso Respekt wie den lokalen Kunden. ?Die Deutschen haben gezeigt, dass sie die Autobauer schlechthin sind. Das gilt etwa in Bezug auf Innovation, Qualität, Leistung und Sicherheit?, sagt Tronchetti Provera über seine Kunden Audi, BMW, Mercedes, Porsche und Volkswagen. Speziell VW traut er für die Zukunft eine Menge zu. ?Wenn der Konzern jemanden herausfordern will, kann er das schaffen ? auch wenn es nicht einfach wird, weil auch die Japaner vorankommen?, sagt der Branchenkenner über die Ambitionen von VW-Chef Martin Winterkorn, den japanischen Branchenprimus Toyota einzuholen.Schwächt eine solche Konzentration auf Kundenseite die Verhandlungsposition des Zulieferers Pirelli, der im vergangenen Jahr fast vier Millionen seiner in Deutschland hergestellten Reifen zur Erstausrüstung von Neuwagen an die Hersteller geliefert hat? ?Die Autobauer sehen inzwischen die Notwendigkeit starker Lieferanten.Nur die können die hohen Investitionen für die besten Produkte aufbringen?, sagt der Mann im maßgeschneiderten dunklen Anzug, den ein feines Kontrastkaro durchzieht, nachdem er seinen Espresso abgestellt hat.Wie geht das in einem Hochlohnland? Allein 100 Millionen Euro hat Pirelli in den letzten Jahren in ein neues Produktionssystem gesteckt. Die Fabrik benötigt nur noch eine Handvoll menschliche Arbeitskräfte, statt sechs Tagen sind für die Fertigung eines Reifens eine Stunde und zwölf Minuten vonnöten. Das Odenwald-Örtchen, mit dem Taxi gut 100 Euro vom Frankfurter Flughafen entfernt, ist nach der Mailänder Zentrale zudem der wichtigste Forschungsstandort des Konzerns.?Es ist erstaunlich, dass Pirelli im Gegensatz zu anderen Herstellern immer noch in diesem Maße in Deutschland produziert?, wundert sich Frank Schwope, Branchenspezialist der NordLB, und verweist darauf, dass der Konkurrent Continental Fertigung nach Osteuropa verlagert.Aber bei aller Liebe zu Deutschland ? bis Ende 2009 will Tronchetti Provera auch in Russland mit der Produktion von Hochleistungsreifen starten.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Er arbeitet zuerst im Unternehmen seiner Familie Marco Tronchetti Provera 1948Er wird in Mailand geboren. Marco Tronchetti Provera studiert Wirtschaft an der Bocconi-Universität in Mailand. Er arbeitet im Unternehmen seiner Familie.1986Er wechselt zur Pirelli-Gruppe und wird 1992 Chef für das operative Geschäft.1996Provera wird Chairman der Zeitung ?Il Sole 24 Ore?.2001Er wird Chairman der Mailänder Scala (bis 2005) und von Telecom Italia (bis September 2006). 2003Er wird Chairman des Konzerns Pirelli. Außerdem ist er Chairman von Camfin, dem Großaktionär von Pirelli, und Vize-Chef des italienischen Industrieverbandes Confindustria.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.06.2008