Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Moderne Kopfgeldjäger

Von Frank Siering
In den USA buhlen Headhunter aggressiv um die Gunst von Top-Leuten. Ebenso knallhart durchleuchten sie deren Leben. Bei der Kopfgeldjagd auf seltene Spezies ist fast alles erlaubt, solange es zum Erfolg führt.
LOS ANGELES. Joe McCormack ist ein Headhunter mit Herz. Mit Herz fürs Geschäft. Wenn er sich an einem Kandidaten festgebissen hat, ruft er ihn deshalb auch nicht nur dreimal am Tag an, schickt ihm nette Nachrichten aufs Handy und an die persönliche Mail-Adresse. ?Ich versuche auch, so schnell wie möglich ein persönliches Treffen zu organisieren?, so McCormack. Was in Deutschland von manchen als Nötigung abgetan würde, gilt in den USA als tüchtiges Geschäftsgebaren. ?Unser Business ist hart umkämpft, wir müssen der Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein?, sagt der Geschäftsführer von McCormack & Associates, einer der Top-Rekrutierer in Los Angeles.Und tatsächlich, im Land der unbegrenzten Jobmöglichkeiten treiben Headhunter ein anderes, ein wesentlich aggressiveres Spiel mit ihren potenziellen Protagonisten, als es in Deutschland denkbar wäre. Headhunting in den USA verläuft ähnlich wie in James-Bond-Filmen: geheime Treffen am Flughafen, verschlüsselte Botschaften auf dem häuslichen Anrufbeantworter ? falls der Arbeitgeber doch mithört. E-Mails, die als Werbung oder Spam getarnt sind. McCormack: ?Eigentlich ist fast alles erlaubt.?

Die besten Jobs von allen

Anders in Europa: ?Dort werben Personalvermittler überwiegend mit Zeitungsannoncen und verlassen sich darauf, auf diesem Wege Kandidaten zu finden. Das bedeutet, dass der Jobsuchende sich meist bei dem Headhunter meldet ? in den USA ist das umgekehrt?, so McCormack. Auch die Nutzung des Internets ist in dieser Berufssparte in den USA um einiges weiter fortgeschritten als hier zu Lande.Alle Bundesstaaten sind gut miteinander vernetzt, es gibt keine Sprachhindernisse. Dementsprechend sind die Datenbanken mit potenziellen Kandidaten in Amerika wesentlich größer. Hinzu kommt, dass US-Manager sehr mobil sind und meistens kein Problem damit haben, von Texas nach Kalifornien umzuziehen ? ?so sich denn eine Aufstiegsmöglichkeit für den Kandidaten bietet?, berichtet Jay Berger, Chefrekrutierer von Morris & Berger aus Glendale in Kalifornien.Bill Monahan leitete die Marketingabteilung einer Textilfirma in Houston, Texas. ?Eines Tages fand ich auf meinem Anrufbeantworter zu Hause eine Nachricht von einem Headhunter aus Kalifornien vor?, erzählt der 38-jährige Manager. ?Zum einen war ich sehr überrascht, überhaupt einen Anruf zu erhalten von einem Recruiter. Zum anderen war ich beeindruckt, dass sich der Headhunter die Mühe gemacht hatte, meine Privatnummer ausfindig zu machen.? Nach drei Wochen Verhandlungen stand ein Umzug nach Los Angeles an. Heute leitet Monahan die Marketing- und Vertriebsabteilung einer Kaufhauskette, verdient ungefähr 40 Prozent mehr und ?genießt die kalifornische Wintersonne?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das alte Old Boys Network scheint im Internetzeitalter nicht mehr zu funktionieren.Amerikanische Headhunter haben den Ruf, sehr pingelige Background-Recherchen anzustellen. Konkret heißt das: Kandidaten werden ?rauf und runter gegoogelt, um herauszufinden, ob irgendwelche Leichen im Keller? zu finden sind, erzählt Jay Berger. Das US-Gesetz erlaubt sogar Zugriffe von außen auf polizeiliche Führungszeugnisse und Einblicke in Universitätsdatenbanken, um zu überprüfen, ob die angegebenen Referenzen tatsächlich alle so stimmen. Screening nennen das die Personalprofis.Headhunter Berger ist überzeugt, dass die meisten Rekrutierer in den Staaten besser ausgebildet sind als in Europa. Firmen wie Heidrick & Struggles, Spencer Stuart oder Korn/Ferry ? die Big Three ? heuern meist nur solche Rekrutierungsexperten an, die schon selbst in den Branchen gearbeitet haben. Die Headhuntingbranche in den USA erwuchs aus dem Wirtschaftsboom der 50er-Jahre. Heute wird sie von rund 20 großen Firmen dominiert. Die Top 10 davon sind für ein Drittel der weltweiten Vermittlung von Top-Managern verantwortlich, zeigt eine Studie der University of Los Angeles California. Die durchschnittliche Erfolgsprämie für eine Vertragsunterzeichnung beträgt etwa ein Drittel des Netto-Jahresgehalts des Kandidaten.Die Gründe, warum das Headhunting-Business zu einem Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft herangewachsen ist, sind vielschichtig. Zum einen liegt das an der schwindenen Loyalität von Arbeitnehmern gegenüber ihren Unternehmen. Zum anderen scheint das alte Old Boys Network im Internetzeitalter nicht mehr zu funktionieren. ?Wir leben in einer Zeit rasanter technologischer Veränderungen und sehr komplizierter Geschäftsmodelle. Da kann es gefährlich werden, wenn sich ein Boss auf seine alten Freunde beruft, um eine geeignete Führungskraft zu rekrutieren?, weiß Joseph Watson, Chef von Strategic Hire aus Herndon/Virginia.Der dritte Grund für die zunehmende Relevanz von Headhuntern: Der Boom in der Technologie- und Biotechbranche. ?Im Silicon Valley etwa suchen die Unternehmen händeringend Führungskräfte und Experten?, sagt Sharon Hall von Spencer Stuart.Und bei der Kopfgeldjagd auf seltene Spezies ist erlaubt, was zum Erfolg führt. Doch zumindest diesen ethischen Grundsatz beherzigen die meisten Headhunter, betont McCormack: ?Dem Arbeitgeber unseres Kandidaten teilen wir auf keinen Fall mit, dass wir seine Spitzenarbeitskraft abwerben wollen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 07.12.2006