Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Mode mit Macht

Inge Hufschlag
Vves Saint Laurent starb im Alter von 71 Jahren. Er war einer der bedeutendsten Modeschöpfer des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit genialen Ideen und Provokationen sorgte er für Aufsehen in der Branche.
Ein Mann und seine Marke: Yves Saint Laurent.
DÜSSELDORF. Totgesagte leben bekanntlich länger. Yves Saint Laurent überlebte die ersten Berichte über sein vermeintliches Ableben um mehr als 30 Jahre. ?Nein, er ist nicht tot?, dementierte sein einstiger Geliebter und Geschäftspartner Pierre Bergé 1977 und öffnete einen Spalt breit die Tür zum Atelier des Modekönigs: ?Seht, er arbeitet an seiner neuen Kollektion.?Als sich nach 71 Lebensjahren die Tür endgültig schloss, war praktisch schon alles gesagt, geschrieben. Die lebende Legende Yves Saint Laurent starb Sonntagnacht, wie es heißt, an einem Gehirntumor. Er war zweifelsohne einer der bedeutendsten Modeschöpfer des 20. Jahrhunderts.

Die besten Jobs von allen

Und dessen jüngster. Als 17-Jähriger erringt der 1936 in Algerien Geborene den dritten Preis in einem Modewettbewerb des Internationalen Woll-Sekretariats in Paris (den ersten macht ein Deutscher: Karl Lagerfeld).Christian Dior ist begeistert von dem jungen Talent und stellt es 1954 ein. Als der Modezar Dior 1957 einem Herzinfarkt erliegt, tritt ?der kleine Prinz?, wie ihn die Presse damals nennt, mit 21 Jahren dessen Erbe an und schwingt sich mit seiner ersten Kollektion, der Trapezlinie, gleich in den Pariser Modehimmel auf.Jäh unterbrochen wird Laurents himmlische Karriere durch seinen Wehrdienst 1960. Nach mehreren Nervenzusammenbrüchen entlässt ihn die Armee. Da kann die Grande Nation noch nicht ahnen, dass das zart-zähe Bürschchen eines Tages mit Frankreichs höchster Auszeichnung, dem Orden der Ehrenlegion, dekoriert werden würde.Mit einer Abfindung des Hauses Dior und seinem Gefährten Pierre Bergé gründet der junge Couturier die Société Yves Saint Laurent. Das Marketing- und das Modetalent ergänzen sich prächtig, ?Wir sind ein Adler mit zwei Köpfen?, beschreibt Yves Saint Laurent das Erfolgsduo.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Drogen, Depressionen und Exzesse begleiten ihn Der androgyne Stil des Hauses YSL ist in den wilden Siebzigern eine Sensation, die jede Saison von anderen Raffinessen übertroffen wird, inspiriert von russischer, arabischer und chinesischer Kultur oder Künstlern wie Braque oder Picasso.Coco Chanel gibt den Frauen mehr Freiheit, Yves Saint Laurent die Macht und als Erfinder des Damen-Smokings der weiblichen Emanzipation mehr Bewegungsfreiheit. Seine Mode hat Charakter und Stil ? wie seine Muse, der Filmstar Catherine Deneuve, der den Meister bei seinem letzten Defilée 2002 mit einem Liebeslied ehrt ? drei Jahre nachdem Gucci für fast eine Milliarde Dollar die Prêt-à-porter- und die Parfum-Linie des Hauses übernommen hat.Yves Saint-Laurent ist immer auch Schrittmacher seiner Branche, nicht nur 1966 mit seiner Kollektion ?Rive Gauche?. Früher als andere erkennt er, dass Parfums eine dufte Stütze für die alternde Haute Couture sind. Für sein Männerparfum ?Homme? zieht er sich aus bis auf die Haut. Ein Skandal. Ebenso wie später sein Duft namens ?Opium?.Wenn es stimmt, dass Kreativität aus Verzweiflung entsteht, so ist Yves Saint Laurent ein Beispiel dafür. Drogen und Depressionen, Extreme und Exzesse begleiten sein Leben: ?meine Art, der Wirklichkeit auszuweichen?. Die Angst, so gestand er, ?hält sich stets in meiner Nähe auf, dicht hinter mir?. Zum Schluss soll er sich ?zu Tode gelangweilt? haben.Wie sagt Saint Exuperys kleiner Prinz: ?Ich kann diesen Leib da nicht mitnehmen ... Man soll nicht traurig sein um solche alte Hüllen.? Das gilt nicht für Saint Laurents geniale geschneiderte ?Hüllen?. Sie bleiben und machen ihn unsterblich.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.06.2008