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Mitten ins Herz

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Während die Politiker in Berlin diskutieren, wie man die Kosten des Gesundheitssystems in den Griff bekommt, bläst der weltgrößte Medizintechnikanbieter GE Healthcare in Deutschland zum Angriff auf den Platzhirsch Siemens. Die Tochter des amerikanischen Mischkonzerns General Electric will jährlich um zehn Prozent wachsen.
Während die Politiker in Berlin diskutieren, wie man die Kosten des Gesundheitssystems in den Griff bekommt, bläst der weltgrößte Medizintechnikanbieter GE Healthcare in Deutschland zum Angriff auf den Platzhirsch Siemens. In den kommenden Jahren will die Tochter des amerikanischen Mischkonzerns General Electric jährlich um zehn Prozent wachsen und sucht mindestens 300 neue Mitarbeiter

"Halten Sie sich fest", mahnt eine Frauenstimme auf Englisch. "Ihre Reise hat begonnen!" Einer Achterbahn gleich stürzt sich die Kapsel mit 20 Insassen in die menschliche Blutbahn und rast durch die Kurven einer Arterie. "Wir nähern uns der rechten Herzkammer." Abrupt kommt die Kapsel zum Stehen, um sich danach ruckartig in eine andere Richtung weiterzubewegen. Nach wenigen Sekunden ist die linke Herzkammer erreicht. "Der Patient hat einen Herzinfarkt", klärt die Stimme auf. "Zum Glück wird er mit GE-Technologie überwacht.

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Rund 60.000 Menschen nahm GE Healthcare, die Medizintechniksparte des amerikanischen Mischkonzerns General Electric, in den vergangenen Monaten in einem Flugsimulator mit auf eine Reise in den menschlichen Körper. Im Januar gastierte der riesige Truck auch in München. Dort eröffnete GE Healthcare am gleichen Tag sein Kundenzentrum für Deutschland. Acht Monate zuvor hatte das Unternehmen in der Nähe sein europäisches Forschungszentrum eingeweiht, in dem auch an Technologien für die Medizintechnik gearbeitet wird

Angriff auf Siemens
GE sticht damit mitten ins Herz des Erzkonkurrenten Siemens, der in der bayerischen Landeshauptstadt seine Zentrale hat. Während GE weltweit mit deutlichem Abstand die Nummer eins vor Siemens ist, sieht das Bild auf dem wichtigen deutschen Markt für Medizintechnik genau umgekehrt aus. Um das zu ändern, hat GE-Chef Jeffrey Immelt - Nachfolger des legendären Jack Welch, auch "Neutronen"-Jack genannt - Deutschland zum "Emerging Market" erklärt. Künftig soll der Umsatz jedes Jahr um acht bis zehn Prozent wachsen - und das ohne teure Übernahmen

Parallel baut der zurzeit 1.800 Mitarbeiter starke Medizintechnik-ableger sein Personal aus. "Seit Jahresanfang haben wir rund 200 neue Mitarbeiter eingestellt", sagt Rolf Hannesen, Personalleiter bei GE Healthcare Deutschland. Bis 2009 sind "vorsichtig geschätzt" 300 bis 400 Neueinstellungen geplant, vor allem in Marketing, Vertrieb und Service. Immelt operiert unter erschwerten Bedingungen. Im Gegensatz zu anderen Ländern schrumpft der Markt für Medizintechnik in Deutschland. Und auch wenn Experten erwarten, dass in den kommenden Jahren Investitionen von circa 15 Milliarden Euro nachgeholt werden müssen, dürfte sich daran langfristig wenig ändern. Wenn GE wachsen will, muss es der Konkurrenz Marktanteile wegnehmen

Seine Hoffnungen setzt der Konzern auf den Vormarsch privater Klinikbetreiber wie Asklepios, Rhön-Klinikum oder Helios-Kliniken. "Diese neuen Entscheidungsträger denken eher unternehmerisch. Sie wollen Gebäudemanagement, medizinische Geräte und IT aus einer Hand und nicht mehr mit vielen Partnern verhandeln", sagt Bernd von Polheim, Präsident von GE Healthcare Deutschland

Zunehmend positioniert sich GE daher als Komplettanbieter unter der Dachmarke Healthcare. Bislang agierten die einzelnen Sparten - Diagnostic Imaging (Röntgengeräte, Computertomographen, Magnetresonanz), Clinical Systems (Ultraschall, Patienten-Überwachungssysteme und EKG), Medical Diagnostics (Kontrastmittel), Life Sciences (Protein-Separation, Zulieferer für die Arzneimittelentwicklung) und Integrated IT Solutions (Datenverarbeitung) - weitgehend autark. Das Kundenzentrum soll mittelfristig als eine Art Deutschland-Zentrale fungieren

Ein Amerikaner in München
Wie eine Kampferklärung an Siemens flattert an der GE-Fassade gleich neben der Münchener Stadtautobahn ein fünf Stockwerke hohes Plakat mit dem hellblauen Firmenlogo und dem Healthcare-Slogan "Imagination at work". Im puristisch-weiß gestalteten Empfangsraum zeigen Monitore potenziellen Kunden, wie GE künftig Krankheiten heilen will. "Early Health" heißt eines der Schlagworte im Kampf um Marktanteile. Volkskrankheiten wie Krebs, Parkinson und Herzerkrankungen sollen lange vor ihrem Ausbruch erkannt und behandelt werden. Am besten mit Hilfe von bildgebenden Geräten aus dem Hause GE. Die "Röhren" erlauben Ärzten einen detaillierten Blick in den menschlichen Körper und benötigen dazu immer weniger Zeit

An der weiteren Verbesserung solcher Technologien wird im Forschungszentrum, das GE 2004 nur wenige Kilometer vom Kundenzentrum entfernt auf dem Campus der Technischen Universität errichtet hat, gearbeitet. Mit dem 50 Millionen Dollar teuren Bau wollte GE seine Präsenz in Deutschland stärken und zugleich Spitzenkräfte für Forschungsgebiete wie Energie- und Medizintechnik gewinnen. "Denn nicht alle wollen in die USA", sagt Carlos Härtel. Er leitet eine der fünf Abteilungen des Zentrums. Derzeit forschen hier rund 65 Wissenschaftler. "Die größte Minderheit sind Deutsche", erzählt Härtel. Eine Mehrheit gibt es nicht. München ist eingebunden in das internationale Netzwerk.

Nach der Ära Jack Welch hatte sich GE wieder stärker der Grundlagenforschung zugewandt und unterhält mittlerweile vier Forschungszentren in der Nähe von New York, Bangalore, Shanghai und München, die direkt der Zentrale unterstellt sind. Diese deckt 50 Prozent der Kosten, den Rest müssen die Zentren über Forschungsaufträge der einzelnen GE-Geschäftsbereiche einspielen. Mehrmals im Jahr überprüfen die Forscher, ob die Zwischenergebnisse Aussicht auf Erfolg bieten. "Während die Forschungsabteilungen deutscher Unternehmen einmal bewilligte Projekte in der Regel durchziehen, kann es bei uns durchaus sein, dass ein Projekt nach einem halben Jahr abgebrochen wird", sagt Härtel

Extrem Leistungsorientiert
"Dieses Value-Denken ist bei GE wesentlich ausgeprägter als bei deutschen Unternehmen", bestätigt Rudolf Beyenburg, Sprecher von GE Healthcare Deutschland und Mitglied der Geschäftsführung. Auch bei der Ausbildung künftiger Führungskräfte setzt GE dem Credo Jack Welchs entsprechend auf das Leistungsprinzip. Schon für Einsteiger bietet das Unternehmen vier Management-Programme, die deutlich über die üblichen Trainee-Programme hinausgehen. "GE erwartet extrem viel von seinen Mitarbeitern, bietet aber auch Außergewöhnliches", sagt Mark Reschke. Der heute 32-Jährige hatte nach einer Ausbildung und zwei Jahren im Bereich Corporate Finance bei der Deutschen Bank zu GE Healthcare gewechselt und wurde dort 2002 für das Financial Management Program ausgewählt

Wie in allen vier Programmen üblich, arbeitete er in den zwei Jahren an verschiedenen europäischen Standorten, darunter auch Buc bei Paris, dem europäischen Hauptquartier von Healthcare. "An jeder Station betreut man eigene Projekte und schaut nicht nur jemandem über die Schulter", berichtet Reschke. So war er in Solingen, am Sitz der Sparte Diagnostics Imaging in Deutschland, für die Integration von drei kleinen Tochterfirmen zuständig. "Das ging deutlich über die Buchführung hinaus." Zu Beginn jeder Station werden Ziele festgelegt, die danach mehrfach überprüft werden. "Die Vorgaben sind anspruchsvoll, aber man erhält auch viel Unterstützung. Es ist nicht das Ziel, jemanden gegen die Wand laufen zu lassen", ist Reschkes Eindruck

Parallel paukte Reschke zu Hause die theoretischen Grundlagen für seine Arbeit, jeweils mit starkem Bezug zum Alltag, wie etwa die Anwendung internationaler Rechnungslegungsvorschriften bei GE. "Alle drei Monate einen dicken Ordner", erinnert sich Reschke. "Das ist ein kleines nebenberufliches Studium."
Der Stoff wird in Form von Klausuren in so genannten Classrooms abgefragt, zu denen sich die Teilnehmer aus allen GE-Geschäftsbereichen in Europa regelmäßig treffen. Am gleichen Wochenende müssen die Nachwuchsmanager noch eine Präsentation zu Fallstudien der Harvard Business School erarbeiten und vorstellen. "Das waren verdammt kurze Wochenenden, aber eine exzellente Vorbereitung auf den Job, der einen erwartet.

"Wenn man sich auf GE einlässt, dann 150-prozentig", sagt Sprecher Beyenburg, der seit 26 Jahren im Unternehmen arbeitet. Trotz des hohen Einsatzes, den das Unternehmen von seinen Beschäftigten erwartet, ist Reschke GE Healthcare bislang treu geblieben. Nach einem weiteren Nachwuchsprogramm leitet er heute von Solingen aus den Finance-Bereich für Osteuropa, Afrika und den Mittleren Osten. Dort liegen weitere Emerging Markets für den Konzern. Ein Job, der mindestens genauso spannend ist wie eine Achterbahnfahrt durch den menschlichen Körper

Peter Nederstigt

Dieser Artikel ist erschienen am 20.12.2006