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Mitsubishis letzte Hoffnung

Von Nicole Bastian, Handelsblatt
Zwei Männer sollen Mitsubishi retten: Hideyasu Tagaya ist einer von ihnen ? doch viele zweifeln, ob er der Richtige ist.
TOKIO. Adleraugen könnten nicht härter schauen. Stetig und unablässig geht der Blick von Hideyasu Tagaya unter den dichten, schrägen Augenbrauen geradeaus.Zum ersten Mal sitzt er mit seinen Vorstandskollegen auf dem Podium vor der Presse. Und man sieht ihm an: Blitzlichtgewitter und die bohrenden Fragen der Journalisten, das ist nicht seine Welt, fast läuft er nach der letzten Verbeugung aus dem Saal hinaus, der 56 Jahre alte Manager mit dem strengen Seitenscheitel, den nur die Krise bei Japans Autobauer Mitsubishi Motors (MMC) und der Rückzug von Daimler-Chrysler an die Unternehmensspitze gespült haben.

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Heute werden die enttäuschten MMC-Aktionäre die Berufung von Tagaya als Präsident und Chief Operating Officer absegnen. Tagaya ist auserkoren, gemeinsam mit dem seit wenigen Monaten amtierenden Yoichiro Okazaki den defizitären und hoch verschuldeten Autobauer vor dem Untergang zu retten.Doch Okazaki, der fast 40 Jahre beim Maschinenbauer Mitsubishi Heavy gearbeitet hat, fehlt die direkte Erfahrung in der Autobranche. Diese Fachkenntnisse bringt Tagaya mit, der sein gesamtes Berufsleben bei MMC verbracht hat. Okazaki bleibt weiter Chairman und Chief Executive Officer. Er kümmert sich um Management und Firmenkontrolle ? ein Topthema nach der jahrelangen Vertuschung von Qualitätsmängeln. Tagaya wird das operative Geschäft unter sich haben.Die Berufung des Familienvaters von zwei Kindern war intern nicht unumstritten. ?Wie soll ein MMC-Gewächs den wichtigen Bruch mit der Vergangenheit bewerkstelligen?? fragten zweifelnd die Kritiker. Sie hätten einen Präsidenten von außen bevorzugt.Im Gespann mit Okazaki muss Tagaya nicht nur die Kunden, die derzeit in Japan in Scharen davonlaufen, wieder von MMC überzeugen. Die gesamte Belegschaft muss mündiger und mutiger werden, damit jahrelange Vertuschungen nicht mehr möglich sind. ?Egal, wer an der Spitze steht, wenn sie die Firmenkultur nicht ändern, ändert sich nichts?, meint Analyst Yasuhiro Matsumoto von der Investmentbank BNP Paribas in Tokio.Tagaya wird nicht allein am Karren ziehen müssen, der noch tief im Sumpf feststeckt. Der renommierte Koji Furukawa von der Handelsfirma Mitsubishi Corp. etwa soll sich als neuer Vize-Chairman um Ethik und Kontrolle kümmern. Dennoch wird Tagaya eines beweisen müssen: Führungsstärke. Das Parade-Vorbild wird ihm noch oft genug vor die Nase gehalten werden: Carlos Ghosn, der von Renault entsandte Manager, der Nissan Motor wieder zum Erfolg geführt hat. Ist Tagaya aus solchem oder ähnlichem Holz geschnitzt? Hat er das Zeug zu einem Mann an der Spitze? Niemand weiß dies bisher genau. ?Er ist in Ordnung. Die zweitbeste Wahl vielleicht?, urteilt Analyst Matsumoto: ?MMC hat einfach nicht so einen großen Pool, aus dem man schöpfen kann.?Tagaya hat die Chance, die Zweifler vom Gegenteil zu überzeugen - bei dieser einen, letzten Chance für MMC. Mitarbeiter beschreiben den Hobby-Koch und -Golfer als fair und geradeheraus ? wie sein Adlerblick. Yasuhiro Nomura, Generalsekretär der Mitsubishi-Motors-Arbeitervereinigung, meint: ?Er analysiert gut und nimmt seine Sache ernst.? Ein bisschen steif sei er vielleicht, kein Vergleich mit seinem deutschen Vorgänger Rolf Eckrodt. Und: Tagaya ist unerfahren im Umgang mit Medienvertretern. Doch das will er selbst ändern, ist zu hören.Als Stärke Tagayas gilt seine Erfahrung im Auslandsgeschäft. Mit den USA und Asien hat er sich jahrelang beschäftigt, und diese Regionen werden neben Japan für MMCs Zukunft entscheidend sein: Auf Asien, vor allem China, soll der Fokus künftig liegen. In den USA, der einstigen Gewinnquelle, gilt es, den Absatzrückgang zu stoppen.Zudem kennt Tagaya sich gut mit den Allianz-Projekten aus, die durch die Kooperation mit Daimler-Chrysler entstanden. Die Entscheidung, was mit der weiteren Zusammenarbeit geschieht, steht noch aus. Tagayas Problem wird nicht nur hier sein, dass er und Okazaki nicht wirklich allein das Sagen haben.Yasushi Ando von der Investmentfirma Phoenix Capital, die demnächst die Mehrheit an MMC halten wird, hat angekündigt, dass er mitreden will ? und zwar deutlich.Dabei verfolgt Phoenix Capital, das seinen Anteil in einigen Jahren Gewinn bringend verkaufen will, zum Teil vielleicht kurzfristigere Interessen, als dies Tagaya und Okazaki sowie die Aktionäre der Mitsubishi-Gruppe tun: Richtungsstreits sind programmiert.Vielleicht sei es unter dieser Konstellation gar nicht so schlecht, mit Tagaya jemanden im Top-Management zu haben, der MMC wirklich kennt, meint Gewerkschaftsmann Nomura. Die Schwächen sehe man vielleicht besser von außen: ?Er weiß aber auch um die Stärken unseres Unternehmens.? Zudem habe Tagaya einen tieferen Zugang zu den Menschen im Konzern: ?Das hat den Deutschen vorher vielleicht gefehlt. Sie konnten nicht tief genug eintauchen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 29.06.2004