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Mitarbeiter müssen Risiken der Betriebsrenten übernehmen

Quelle: Handelsblatt
Bis 23. September 2005 müssen die Mitgliedstaaten der Europäischen Union ihre Gesetze so anpassen, dass Unternehmen kostengünstige pan-europäische Pensionspläne für Mitarbeiter einführen können. Bis dahin sind jedoch noch große Hürden zu überwinden. Andere werden sich kurzfristig kaum überwinden lassen.
HB DÜSSELDORF. In Italien ist die Geburtenrate mit 1,24 Kindern pro Frau noch niedriger als in Deutschland (1,29). Die höchste Erhaltungsquote zählt Frankreich mit 1,9. Das reicht aber auch nicht, um ein Schrumpfen der Gesellschaft zu verhindern. Dafür wären 2,1 Kinder pro Frau nötig.Als Frankreich, Österreich und Italien versuchten, die Zahl der Pflichtjahre für die staatliche Rente zu erhöhen, löste dies in der Bevölkerung riesige Proteststürme aus. Und bei den Politikern Angst um die Wiederwahl.

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In der gesamten EU befinden sich nicht mal mehr die Hälfte (47 Prozent) aller Männer im Alter von 55 bis 65 Jahren in Beschäftigung. Das hat das Französische Institut für Demografie heraus gefunden Bei Frauen dieses Alters liegt die Quote sogar nur bei 27 Prozent. Unabhängig vom Alter liegt die Beschäftigungsquote der Frauen außerhalb des heimischen Haushalts EU-weit bei etwa 50 Prozent. Sie ist damit viel niedriger als in den USA. 21 Mill. EU-Frauen müssten eine sozialversicherungspflichtige Arbeit aufnehmen, damit EU-Kassen an die Einnahmeverhältnisse der amerikanischen Sozialversorgung heran kämen. Die niedrigsten Erwerbsquoten von Frauen melden Italien, Spanien und Griechenland. Deutschland liegt über dem Durchschnitt von 50 Prozent.Mehr Beschäftigung von Frauen ist theoretisch leicht gefordert. In der Praxis fehlt es aber allein in Deutschland jetzt schon an Arbeit für etwa fünf Mill. Menschen. Die Folge sind Kürzungen in der Staatsversorgung.In Deutschland, Belgien, Frankreich und den südeuropäischen Ländern ist das möglich, weil hier die Renten an die Einkommen der Beitragszahler gekoppelt und vergleichsweise hoch sind. Die Niederlande und Irland zahlen Einheitsrenten, was im Übrigen großen Aufwand bei der Einkommenserfassung erspart. In Großbritannien wird der größte Teil der - insgesamt niedrigen - Rente pro Kopf gezahlt.Je niedriger die Staatsrente, desto höher müssen private und betriebliche Anstrengungen für die Altersversorgung sein. Die betriebliche Variante hat allerdings ebenfalls mit zunehmenden Problemen zu kämpfen. Zunächst geht es darum, großzügige Zusagen in so weit zu stoppen, als sie zu Existenz bedrohenden Kostenbelastungen für die Unternehmen führen. Vielfach wurde Mitarbeitern eine bestimmte Rente (Defined Benefit) zugesagt, die in der Regel immer wieder erhöht werden muss. Dieses Versorgungssystem stöhnt genauso unter der zunehmenden Langlebigkeit der Rentner wie das Staatssystem.Statt weiter Defined Benefits zu versprechen, kann das System durch Defined Contributions gesichert werden. Das heißt, Unternehmen zahlen für ihre Mitarbeiter feste Beträge in Pensionskassen ein. Welche Rente die Kassen dann zahlen können, ist allein ihre Sache. Die allgemeinen Rentenrisiken wechseln also von den Unternehmen zu den Mitarbeitern.Der Druck, statt Benefits nur noch Beiträge (Contributions) zu gewähren, wird durch neue Bilanzierungsvorschriften zusätzlich erhöht. Ab 2005 müssen börsennotierte europäische Unternehmen ihre Konzern-Abschlüsse nach Accounting-Regel 19 der International Accounting Standards, IAS, aufstellen. Das hat besonders auf Verpflichtungen aus betrieblichen Rentenzusagen gravierende Auswirkungen; nicht aber auf Zusagen, bestimmte Beiträge (Contributions) in die Pensionskasse zu leisten.Nach IAS 19 sind Pensionszusagen in Form von Rentenversprechen (Benefits) kritischer zu bilanzieren. Das könnte zu wesentlich höheren Rückstellungen in den Bilanzen führen und zu negativer Aufmerksamkeit bei Aktionären und Analysten.In Großbritannien wurde schon 2001 eine IAS-ähnliche Vorschrift eingeführt; mit dem Ergebnis, dass British Airways außerhalb der Bilanz zwei Pensionskassen besaß mit Vermögenswerten von zehn Mrd. Pfund Sterling. Bei einem eigenen Börsenwert von zwei Mrd. Pfund hatte sich die internationale Fluggesellschaft ungewollt in eine Pensionskasse mit angehängtem Flugbetrieb verwandelt. Mit pan-europäischen Pensionsfonds (PEPF) könnten grenzüberschreitend tätige Unternehmen ihre Belastungen senken. Die politischen Voraussetzungen dafür hat die EU am 23. September 2003 geschaffen; mit einer Richtlinie. Ihre Umsetzung könnten den Unternehmen zehn Mrd. Euro an Rückstellungen ersparen, hat die European Federation for Retirement Provision ausgerechnet.Praktiker zweifeln an dieser Zahl. Außerdem ist die Richtlinie noch nicht in nationales Recht umgesetzt. Das muss bis zum 23. September 2005 geschehen. Was jedoch noch schwieriger ist: Beiträge für ausländische Pensionskassen - und solche wären die PEPFs - sind bislang nicht in allen Ländern als steuermindernde Betriebsausgaben anerkannt. Solange die Politiker diese Hürde nicht nehmen, bleiben Einsparungen, die mit PEPFs zu erzielen sind, reine Theorie. Fritz Bolkestein, der zuständige EU-Kommissar, hat wegen der offenen Steuerfrage Klagen gegen acht Mitgliedstaaten der EU eingereicht. Deutschland zählt nicht dazu. Hier sind grenzüberschreitende Beitragszahlungen abzugsfähig.Ruud Kistemaker ist Leiter des Bereichs International Benefits der Aon Consulting Gruppe, Rotterdam/Mühlheim. Der Beitrag ist die Zusammenfassung eines Vortags anlässlich der Handelsblatt-Tagung ?Betriebliche Altersvorsorge? am 9. und 10. März 2004 in Berlin.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2004