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Mit zweierlei Maß

Von Dieter Fockenbrock und Torsten Riecke
Deutsche Top-Manager rechtfertigen ihre hohen Bezüge gerne mit dem Hinweis auf teure US-Kollegen. Noch gibt es aber gar keinen internationalen Markt für Führungskräfte. Langfristig wird sich das zwar ändern. Doch dann müssen sich die Chefs auch mit den asiatischen Kollegen vergleichen lassen ? und die sind um ein vielfaches billiger.
Als Big Boss hat Rainer Calmund in der gleichnamigen RTL-Serie junge Leute auf ihre Managerqualitäten hin abgeklopft. Der beste bekam einen Top-Job in einem Unternehmen - oder 250 000 Euro Startkapital für eine eigene Firma. Foto: RTL
DÜSSELDORF/TORSTEN RIECKE. ?Siemens spielt in der Champions League, nicht in der bayerischen Landesliga?, verteidigte unlängst Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer die kräftige Gehaltserhöhung für Siemens-Vorstände. ?Und wie bei Bayern München kriegen wir nur dann die Spitzenleute, wenn wir sie angemessen bezahlen.? Auch Deutschlands Spitzenverdiener unter den Top-Managern, Josef Ackermann, nimmt für sich und seine Vorstandskollegen bei der Deutschen Bank nur die weltweite Crème de la Crème der Geldbranche als Maßstab.


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Dabei gibt es ? von wenigen Ausnahmen abgesehen ? gar keinen internationalen Markt für Führungskräfte, sagen Experten. ?Wenn es einen weltweiten Markt für Vorstände gäbe, dann wären die deutschen Vorstandsetagen schon längst entvölkert?, sagt Michael Kramarsch, Deutschland-Chef der US-Beratungsfirma Towers Perrin. Kramarsch verweist dabei auf die erheblich attraktiveren Vergütungen in den USA. Maßstab für die Bezahlung von 90 Prozent aller Führungskräfte sei Deutschland, vielleicht noch Europa.
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Gewerkschaftern treibt dieses internationale Benchmarking ohnehin den Zorn ins Gesicht. Denn Arbeitnehmer und Angestellte werden mit demselben Argument zu Lohnverzicht und längeren Arbeitszeiten ohne Ausgleich gedrängt. Bei Managern, so der Eindruck, geht es dagegen nur aufwärts.Zeiten für Manager werden härterDoch die Zeiten werden auch für Führungskräfte härter, glauben Personalberater. So beobachtet Alexander von Preen, Geschäftsführer bei Kienbaum Consultants, dass schon jetzt der Standortwettbewerb und damit die Höhe des Gehalts nicht nur die Arbeiter im Blaumann, sondern auch Führungskräfte betrifft. ?Bei der Verlagerung ganzer Abteilungen nach Südostasien sind heute bereits Leitungsfunktionen dieser Abteilung betroffen?, sagt von Preen. Und der Chef einer Produktion sei immerhin zweite oder dritte Führungsebene.Steve Gross hält es gar für möglich, dass auch Top-Positionen wie andere Arbeitsplätze in Billiglohnländer verlagert werden können. ?Es gibt keinen Grund, warum das Management eines Herstellers von Elektronikteilen seinen Sitz noch in Amerika hat, wenn die wichtigsten Produktionsstätten und Zukunftsmärkte in Asien liegen?, sagt der Partner der Unternehmensberatung Mercer in Philadelphia.Nach den Beobachtungen des Kienbaum-Beraters von Preen gehen deshalb vor allem junge europäische Führungskräfte beispielsweise nach Südostasien, um dort für längere Zeit zu arbeiten ? und das zu den dortigen Bedingungen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was indische Manager verdienen.Viele Manager blicken in der globalen Gehaltswelt jedoch lieber nach Westen, Richtung Amerika. Selbst mittelgroße Firmen wie der niederländische Lebensmittelhersteller Royal Numico (Umsatz zwei Milliarden Euro) orientierten sich bei den Gehaltsverhandlungen für ihre Top-Manager heute an US-Konzernen wie Bristol-Myers Squibb. Marktforscher in den USA bezweifeln jedoch, dass diese Argumentation richtig ist. ?Die Bezahlung der Führungskräfte hängt in den meisten Fällen von lokalen und regionalen Arbeitsmärkten ab?, sagt Mercer-Fachmann Gross.Beispiel Siemens: Von Pierers Berater haben in Gehaltsfragen gar nicht ? wie der Aufsichtsratschef sagt ? auf den Weltmarkt verwiesen: Die durchschnittlich 30 Prozent plus für die Vorstände sind vor allem darauf zurückzuführen, dass Siemens im Vergleich der bundesdeutschen Dax-Werte zurücklag. Einzig die Tatsache, dass der Zuschlag fast komplett aus erfolgsabhängigen Komponenten besteht, ist auf angelsächsische Usancen zurückzuführen.Es geht gar nicht nur bergaufGlaubt man den Personalberatern von Towers Perrin, täuscht der Eindruck, dass die Gehälter deutscher Manager nur noch steigen. Grund seien die besonders guten Geschäftsjahre 2004 beziehungsweise 2005 und der starke Ausbau erfolgsabhängiger Komponenten bei den Vorstandsbezügen.Messen sich europäische Firmen gleichwohl an internationalen Standards, müssten sie nach Meinung von Mercer künftig nicht nur das Gehaltsniveau in den USA oder Großbritannien, sondern auch das in Asien berücksichtigen. Mit anderen Worten: Nicht nur für die Arbeiter, sondern auch für Manager würden im Zuge der Globalisierung Billiglohnländer zur Konkurrenz.Eine derart konsequente Auslegung des Begriffs ?globale Ebene? könnte der Debatte um exzessive Managergehälter eine ganz neue Richtung geben. Nach einer Untersuchung von Mercer verdienen beispielsweise Finanzdirektoren in Amerika mit 325 000 Dollar etwa fünfmal so viel wie ihre Kollegen in Indien (64 000 Dollar). Die deutschen Manager liegen mit 202 000 Dollar im oberen Mittelfeld ? das Gehaltsniveau in Amerika stets im Blick.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Türkischer Manager kann sich mehr leisten als US-Kollege.Allerdings holen die Gehälter der Führungskräfte in den Schwellenländern mächtig auf. Die Personalberatung Hay Group in Philadelphia hat die Lebenshaltungskosten der Manager mitberücksichtigt und kommt zu dem verblüffenden Ergebnis, dass ein Abteilungsleiter in der Türkei mehr Kaufkraft hat als sein Kollege in den USA.Vergleicht man jedoch das Jahresgehalt des indischen Top-Managers Azim Premji (Wipro Software) mit den Bezügen von SAP-Chef Henning Kagermann, bleibt immer noch ein riesiger Abstand: Premji kam im vergangenen Jahr auf knapp 500 000 Euro, Kagermann brachte es dagegen auf eine Gesamtvergütung von sechs Millionen Euro.Die Ansicht vieler Aufsichtsräte europäischer Firmen, dass ?der Markt? eine Anhebung der Managergehälter auf dem Kontinent erfordere, ist jedenfalls nach übereinstimmender Meinung der Experten eine Mär. ?Entscheidend ist, ob europäische Firmen wirklich mit ihren amerikanischen Wettbewerbern um Management-Talente konkurrieren?, sagt Don Lindner von der US-Personalberatung World at Work. Der Wechsel von Top-Managern in andere Regionen auf dem Globus sei jedoch äußerst selten. ?In den meisten Fällen können sich die europäischen Manager deshalb nicht mit ihren amerikanischen Kollegen vergleichen?, sagt Lindner.Von wegen globaler MarktZustimmung kommt auch von wissenschaftlicher Seite. ?Es gibt bislang keinen globalen Arbeitsmarkt für Manager?, sagt Professor Charles Elson, Experte für Unternehmensführung an der University of Delaware. Das hohe Niveau der Managergehälter lasse sich deshalb weniger mit ?Marktkräften? als vielmehr mit der wichtigen Rolle der Personalberater erklären. Nach Meinung von Elson neigen viele Berater dazu, das Gehaltsniveau durch unzulässige Vergleiche nach oben zu schrauben.Nicht ganz einig sind sich die Experten allerdings, ob die Globalisierung das Gehaltsniveau für Führungskräfte nivellieren wird. Berater Kramarsch sieht ?in den nächsten zehn Jahren keinen billigen indischen Manager, der einen deutschen Vorstand verdrängen wird?. Lindner dagegen glaubt: ?Je mehr sich die Unternehmen globalisieren, desto mehr werden sie auch global nach Talenten Ausschau halten.? Die Gehälter in den Regionen würden sich deshalb annähern.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2006