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Mit Volldampf zurück

Von Markus Hennes und Georg Weishaupt
Gerade erst hat er Siemens verlassen. Schon hat Klaus Kleinfeld einen neuen Top-Job gefunden: Er rückt an die Spitze des Aluminiumriesen Alcoa. Kleinfeld ist für den Konzern ?der richtige Mann?. Und schon bald könnte der Deutsche für eine weitere kleine Sensation sorgen.
Heuert beim Aluminium-Konzerns Alcoa an: Klaus Kleinfeld. Foto: ap
DÜSSELDORF. Eines war allen klar: Ein sportlicher, energiegeladener Mann wie er gibt sich nicht zufrieden mit einem Teilzeitjob an der Spitze eines Verwaltungsrates oder einem der vielen Honoratiorenposten in der Finanzbranche. Nein, für Klaus Kleinfeld kommt nur etwas Handfestes in Frage, ein international tätiges Unternehmen, wo er wirklich mitmischen kann.Aber dass es so schnell gehen würde, überrascht dann doch: Jetzt, wenige Wochen nach seinem Abgang als Siemens-Chef, meldet sich der groß gewachsene 49-Jährige zurück. Kleinfeld wird ab 1. Oktober neuer President und Chief Operating Officer (COO) des US-Aluminiumriesen Alcoa in Pittsburgh. Der Konzern erzielte im vergangenen Jahr mit 116 000 Mitarbeitern einen Umsatz von umgerechnet 23 Milliarden Euro. Siemens ist mit 475 000 Mitarbeitern und 87 Milliarden Euro Umsatz fast viermal so groß.

Die besten Jobs von allen

Kleinfeld kennt den bislang noch weltgrößten Aluminiumkonzern bereits gut. Seit vier Jahren gehört er dem Board of Directors an, eine Art Aufsichtsrat von Alcoa. Trotzdem gilt Kleinfelds Ernennung zum neuen COO und damit designierten Nachfolger von Konzernchef Alain Belda in Finanzkreisen als kleine Sensation. Denn der frühere Siemens-Chef wäre, falls er im nächsten Jahr tatsächlich den 64-jährigen Belda beerbt, der erste Deutsche an der Spitze eines großen US-Konzerns.Alcoa steht vor einer gewaltigen Herausforderung: Nach der fehlgeschlagenen Übernahme des kanadischen Konkurrenten Alcan droht Alcoa bei der fortschreitenden Konsolidierung in der Branche nun selbst zum Übernahmeziel zu werden. Belda wollte Alcan für 28 Milliarden Dollar übernehmen, wurde dann aber vom australisch-britischen Rohstoffgiganten Rio Tinto überboten.Nun setzt Alcoa also auf Kleinfeld. Dass der sich so schnell wieder zurückmeldet ? schneller als viele andere Top-Manager ?, passt zu seiner für deutsche Verhältnisse hochbeschleunigten Karriere, die Ende Juni bei Siemens so abrupt abbrach. Kleinfeld, der aus einfachen Verhältnissen kommt, ist ehrgeizig und gewohnt, schnell voranzukommen. Vielleicht ist er deshalb so ungeduldig und braust manchmal auf. Wenn er etwas hasst, dann ?Gelaber?.So startet er vor 30 Jahren nach dem BWL-Studium bei Siemens und arbeitet sich zielstrebig Stück für Stück nach oben ? und beerbt im Januar 2005 Heinrich von Pierer als Konzernchef. Es sieht so aus, als ginge es für Kleinfeld im gleichen Tempo wie bisher von Erfolg zu Erfolg. Er entwickelt die neue Siemens-Story mit den Megatrends: Mit Windrädern und Wasseraufbereitung, Zügen und Gasturbinen will er die Schwellenländer bedienen. Und er räumt auf, bringt die Netzwerksparte in ein Joint Venture mit Nokia ein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Künftiger Dienstsitz kommt Kleinfeld auch privat entgegen.Doch dann gibt es erste Probleme. Es wird bekannt, dass der Aufsichtsrat dem Vorstand, der von den Mitarbeitern der Krisensparten große Opfer verlangt, eine dicke Gehaltserhöhung zuerkannt hat. Dann das Desaster mit dem Verkauf der Handysparte an BenQ, das er durch zwei missratene TV-Auftritte noch verschärft und das er heute einen ?Betriebsunfall? nennt, weil er damals wegen der darbenden Telekommunikationssparte unter enormem Druck stand. Und schließlich kocht die Siemens-Korruptionsaffäre hoch. Er tritt ab, obwohl gegen ihn selbst bis heute nichts vorliegt.Schon allein wegen dieser schwierigen Begleitumstände erfährt Kleinfeld in den USA viel Anerkennung. ?Er hat die Internationalisierung von Siemens mit aller Kraft vorangetrieben?, sagt Mark Templeton, Chef des US-Softwareherstellers Citrix. ?Im Rückblick werden viele erkennen, dass er für den Konzern wirklich Großes geleistet hat.?Deshalb ist auch Personalberater Heiner Thorborg überzeugt, ?dass Kleinfeld für Alcoa der richtige Mann ist?. Er stehe für einen amerikanischen Führungsstil ? kooperativ, aber hart. Er habe Siemens zwar vorzeitig, aber unbeschädigt verlassen. Ex-Kollegen sind zurückhaltender. Das Merkwürdige an Kleinfeld sei, dass seine Außendarstellung und die Wahrnehmung seiner Mitarbeiter sich völlig unterscheiden, heißt es aus München. In der Öffentlichkeit habe er sich stets als Sanierer präsentiert, der neuen Schub bringen könne. Es habe sich aber gezeigt, dass Kleinfeld wenig Interesse an Details habe und wegen mangelnder Sozialkompetenz auch Schwierigkeiten hatte, die Belegschaft hinter sich zu bringen. Er sei deshalb eher dafür geeignet, ein gut laufendes Schiff zu übernehmen und die Taktzahl zu erhöhen.Jedenfalls kommt ihm sein künftiger Dienstsitz New York auch privat entgegen. ?Es war für ihn und seine Familie ein Problem, zurück nach Deutschland zu gehen?, sagt ein Freund. Die Kleinfelds hätten sich in den USA (siehe Kasten) sehr wohl gefühlt und nun Schwierigkeiten, mit der deutschen Mentalität zurechtzukommen. ?In den USA werden Sie bewundert, wenn Sie Erfolg haben?, sagt der Freund. ?In Deutschland warten die Leute nur darauf, dass Sie aufs Gesicht fallen.? Erst in diesem Sommer hat Kleinfeld sich wieder mit seiner Familie in den USA auf Nantucket entspannt. Die herbe Insel vor Neuengland ist zu seiner zweiten Heimat geworden.Mitarbeit von Sönke Iwersen
Dieser Artikel ist erschienen am 15.08.2007