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Mit Vitamin B zum Job

Sich in Russland zu bewerben, erfordert Hartnäckigkeit ? und oft eine Vor-Ort-Recherche. Denn in russischen Unternehmen gibt es oft nicht mal einen Personalreferenten.
Was hat Mischa Dedio nicht alles getan, um einen Job in Moskau zu finden: hat mit seiner russischen Frau seinen Lebenslauf übersetzt, hat zahlreiche Bewerbungen verschickt, sich als Deutschlehrer in Moskau behauptet und seine Sprachkenntnisse verbessert. Trotzdem war seine erfolgreichste Bewerbung ein zwangloses Gespräch bei Wurst und Cola: "Dass die Firma jemanden suchte, wusste ich von einem Kollegen, also habe ich auf einer Messe den Chef angesprochen. Der hat mich beiseite genommen und erst mal getestet, ob ich menschlich dazu passe." Dedio bestand den Test und überzeugte auch beim Vorstellungsgespräch. Seit einem Jahr ist der 32-Jährige nun Sales Manager bei einer Fensterbank-Firma

Dedios Beispiel ist typisch für Russland: Der persönliche Kontakt zählt weitaus mehr als die Formalia der Bewerbung oder gute Noten. "Eine Empfehlung - zum Beispiel von jemandem, der dort schon arbeitet - oder ein guter Draht zu einem der Entscheider erhöht die Chancen deutlich", weiß Stefan Kasperek von der East Personalberatung für Osteuropa. Für die Bewerbung genügen Anschreiben und ein- bis zweiseitiger Lebenslauf, letzterer meist umgekehrt chronologisch. Auf jeden Fall sollten darin Erfahrungen in Russland und die Sprachkenntnisse enthalten sein, denn ohne Russisch kommen ausländische Bewerber nicht weit. Bei internationalen Unternehmen ist in der Regel auch eine Bewerbung auf Englisch möglich. Sicherer ist es aber, alles auch ins Russische zu übersetzen

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Doch wohin soll die Bewerbung überhaupt gehen? "Aus Deutschland an ein russisches Unternehmen - das können Sie vergessen", sagt Stefan Kasperek. "Es gibt ja oft nicht einmal einen Personalreferenten in der Firma." Der Weg führt eher über internationale Unternehmen und deren deutsche Dependance. Dabei zählen die Bewerbungsgepflogenheiten des Mutterlandes. Gleichzeitig lohnt sich aber die Recherche vor Ort

Wer Informationen über rekrutierende Firmen einholen möchte, der wendet sich am besten an die deutschen Vertretungen in Russland. Auch auf Job-Sites im Internet lohnt sich die Recherche - allerdings sind diese überwiegend auf Russisch gehalten. Wer es bis ins Vorstellungsgespräch schafft, der sollte vorher unbedingt Landeskunde und Vokabeln pauken: Personalchefs erwarten, dass ausländische Bewerber mit berufsbezogenen Begriffen auf Russisch umgehen können - selbst wenn sie später nur Englisch sprechen.

Erfahrungsbericht

Hartnäckigkeit siegt

Daniel Breckheimer, 27, lebt und arbeitet seit drei Jahren in St. Petersburg. Seit zwei Jahren ist er Büroleiter des deutschen Beratungsunternehmens Russia Consulting. Wie er dank guter Kontakte seine Stelle gefunden hat, erzählt er hier:

"Normalerweise ist eine Bewerbung ohne gutes Russisch chancenlos. Nicht mal Englisch ist hier Geschäftssprache. Das Problem ist außerdem, dass relativ wenige Stellen ausgeschrieben werden und Initiativbewerbungen aus Deutschland nicht sehr erfolgversprechend sind. Man sollte also bereit sein, für die Suche, auf jeden Fall aber für Vorstellungsgespräche, nach Russland zu kommen.

Ich selbst bin zunächst aus privaten Gründen hierher gezogen, auch weil ich den russischen Markt spannend finde. Ich hatte großes Glück, denn obwohl ich nur Grundkenntnisse in Russisch hatte, habe ich die Chance bekommen, in der Delegation der Deutschen Wirtschaft zu arbeiten.

Dort habe ich den Markt erkundet, Kontakte geknüpft und die Sprache gelernt. Während dieser Zeit habe ich auch den deutschen Gründer meiner aktuellen Firma kennen gelernt. Ein großer Zufall: Er suchte einen Büroleiter, und ich erfüllte das Anforderungsprofil. Es sind solche persönlichen Kontakte, über die hier vieles läuft.

Generell würde ich für eine Bewerbung in Russland eine gesunde Mischung aus Hartnäckigkeit und Geduld empfehlen. Man braucht nicht zu hoffen, auf Faxe oder E-Mails immer eine Antwort zu bekommen. Man muss nachhaken, immer wieder telefonieren und persönlich vorsprechen. Bei Vorstellungsgesprächen ist Selbstvertrauen besser als Understatement. Es gibt hier viele Chancen, vor allem im mittleren und gehobenen Management von internationalen Firmen. Man muss diese allerdings erkennen und nutzen.

Berufsanfängern würde ich allerdings abraten. Ich bekomme viele Blindbewerbungen auf den Schreibtisch, die ich ablehnen muss, weil die Bewerber keine Erfahrung auf dem russischen Markt haben. Es gibt außerdem viele russische Bewerber, die ähnlich qualifiziert sind, aber perfekte Sprach- und Landeskenntnisse mitbringen. Mit denen konkurriert man als Einsteiger zu russischen Gehältern."
Dieser Artikel ist erschienen am 06.09.2007