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Mit Vitamin B durch die Krise

Gerda Kneifel
Networking ist der neudeutsche Begriff für das bewusste Knüpfen von Kontakten innerhalb einer Interessengemeinschaft. Seit die Wirtschaft kränkelt, haben insbesondere berufliche Netzwerke Hochkonjunktur. Immer mehr Menschen bauen sich in solchen Gemeinschaften ein karriereförderndes Geflecht von beruflichen und privaten Beziehungen auf, nehmen an Weiterbildungen teil und holen sich bei den Network-Kollegen Insiderwissen und Tipps aller Art.
Vor wenigen Jahren war die Welt in der Boombranche Informationstechnologie noch in Ordnung. Start-ups schossen wie Pilze aus dem Boden, an Venture Capital mangelte es nicht. Als Oliver Tschirdewahn seine IT-Firma im Sommer 2001 gründete, hatte die Krise schon begonnen. Tschirdewahn hat den Absprung trotzdem geschafft und ist heute Geschäftsführer eines aufstrebenden Kleinunternehmens. Dass er es soweit gebracht hat, verdankt er zu einem nicht unwesentlichen Teil dem Faktor Vitamin B. Davon hat Tschirdewahn reichlich, denn er ist ein überzeugter Networker.

Networking ist der neudeutsche Begriff für das bewusste Knüpfen von Kontakten innerhalb einer Interessengemeinschaft. Seit die Wirtschaft kränkelt, haben insbesondere berufliche Netzwerke Hochkonjunktur. Immer mehr Menschen bauen sich in solchen Gemeinschaften ein karriereförderndes Geflecht von beruflichen und privaten Beziehungen auf, nehmen an Weiterbildungen teil und holen sich bei den Network-Kollegen Insiderwissen und Tipps aller Art. "Bevor ich mich vor etwa zwei Jahren dem Bundesverband Junger Unternehmer (BDU) und den Wirtschaftsjunioren Deutschland anschloss, war ich ein Einzelkämpfer. Inzwischen habe ich E-Mail-Kontakte zu 400 Personen aufgebaut", erzählt Tschirdewahn. "Schon damals war es jemand aus diesem Netzwerk und nicht die Industrie- und Handelskammer, der mir den entscheidenden Tipp für die Förderung meines Start-ups gab."

Die besten Jobs von allen


Einzelkämpfer sind out, Networker sind in

Schon Hochschulabgänger schließen sich in sogenannten Alumni-Clubs zu weltweiten Kontaktzirkeln zusammen. Fach- und Führungskräfte organisieren sich in ihren Berufsverbänden, die Plattformen im Internet sowie regelmäßige Stammtische und Info-Veranstaltungen anbieten. Über die Verbände hinaus werden immer mehr Netzwerke für spezifische Berufsgruppen gebildet. Im September letzten Jahres wurde das Netzwerk für Führungskräfte CAPup gegründet und Tschirdewahn beantragte als einer der ersten die Mitgliedschaft indieser neuen Online-Gemeinschaft (www.personalmarkt.de/cu.home.php). "Für Entscheider wird im Internet bislang nicht viel angeboten", weiß Tonio Riederer von Paar, der nach den virtuellen Stellenmärkten Careernet und StepStone nun CAPup aufbaut. "Doch wegen der Wirtschaftskrise herrscht ein großer Bedarf an lebendem Know-how und an nützlichen Kontakten."

Wer früher seine Beziehungen für die berufliche Laufbahn nutzte, wurde schief angeguckt. Heute wird überhaupt erst angeguckt, wer Beziehungen hat. "Über Netzwerke macht man auf sich aufmerksam", erklärt Achim Mollbach, Bereichsleiter Human-Resources-Management bei der Unternehmensberatung Kienbaum. "Wenn sich auf eine Stelle 500 Leute bewerben und einer ist in einem Netzwerk bekannt, dann hat derjenige ein Gesicht." Durch den richtigen Kontakt zu einem Job zu kommen, hat nichts Anrüchiges mehr, denn insbesondere Führungskräfte "stehen permanent auf dem Leistungs-Prüfstand", konstatiert Mollbach. "Und nur wer exzellente Fähigkeiten mitbringt, wird auch empfohlen."

Nehmen und Geben

Der typische Netzwerker ist kommunikationsfreudig und lernbereit. Das Kontakte-Knüpfen ist für ihn eine Lebenseinstellung und er frönt ihm in durchschnittlich drei bis vier Netzwerken. Getreu dem Networking-Prinzip vom gegenseitigen Geben und Nehmen hält er seine Informationen nicht zurück. Der freie Erfahrungsaustausch unter den Mitgliedern kann jedoch nur funktionieren, wenn man sich gegenseitig vertraut. "Je höher Sie etwa im Management kommen, desto mehr herrschen die Prinzipien des Haifischbeckens. Jede gegebene persönliche Information kann gegen Sie verwendet werden. Deswegen müssen Netzwerke ein exklusiver und geschützter Bereich sein", erläutert Mollbach. Neue Mitglieder werden denn auch meistens durch Empfehlung gewonnen.

Seit auch immer mehr Akademiker beim Arbeitsamt vorstellig werden müssen, klopfen viele Interessenten bei den Berufs-Gemeinschaften in der Hoffnung an, sich durch schnell geknüpfte Kontakte aus ihrem Karriereknick herauszumanövrieren. Tatsächlich bieten die Netzwerke Zugang zum verborgenen Stellenmarkt. Jobs, die niemals ausgeschrieben wurden, werden von Netzwerker zu Netzwerker vermittelt. Die Zahl der Stellen, die über Beziehungen vergeben werden, schätzt Herbert Mühlenhoff, Inhaber eines der führenden Outplacement-Beratungsfirmen im deutschsprachigen Raum, sogar auf mehr als die Hälfte aller zu besetzenden Positionen. "Es werden durchaus Jobs unter der Hand vermittelt", bestätigt Riederer von Paar. Wegen der schwierigen Lage am Arbeitsmarkt hat er wie viele andere Netzwerk-Betreiber auch eine Jobbörse als zusätzliche Dienstleistung eingerichtet. Außerdem stellt CAPup anonymisierte Bewerber-Profile seiner Mitglieder ins Netz. Auch hier hat Qualität und Service seinen Preis. So kostet beispielsweise die einjährige Mitgliedschaft bei CAPup 150 Euro. Tipp: Wer sich über www.personalmarkt.de anmeldet, zahlt nur 120 Euro und spart somit 20%.

Schließlich beleibt anzumerken, dass der Erfolg des Networkings am Ende auch von dem Engagement des einzelnen Mitglieds abhängt. Denn nur dann sind Netzwerke "ein System von Sicherheitsgurten", umschreibt es Ernst Brexel, Leiter des Teams Führungskräfte der Wirtschaft in der Bonner Zentrale für Arbeitsvermittlung, "damit man im Sturm nicht gleich umfällt." Das gilt aber nur für diejenigen, die früh genug mit dem Kontakten angefangen haben. Mühlenhoff drückt es folgendermaßen aus: "Man muss sich Freunde machen, wenn man sie nicht braucht, damit man sie hat, wenn man sie braucht."
Dieser Artikel ist erschienen am 07.04.2003