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Mit Trotz und Lulu

Von Axel Postinett
Robert ?Bob? Young verkaufte zahlreiche Bücher, doch reich wurde er nicht. Aus Ärger über die Verlagsindustrie gründete er "Lulu", eine Internetseite für den Selbstverlag. "Lulu" soll die Autoren wieder zu den wirklichen Chefs über ihre Bücher machen. Und Young wurde zum Millionär.
NEW YORK. 20 000 verkaufte Exemplare eines Buchs, die dem Verlag eine halbe Million Dollar Einnahme bringen ? das klingt nicht schlecht. Und doch hielt der Autor des Buchs ?Under the Radar? am Ende gerade mal einen Scheck über 2752 Dollar in der Hand.Vielleicht hätte die Verlagsindustrie Robert ?Bob? Young nur ein wenig besser behandeln müssen ? und ihr wäre einiges erspart geblieben. In der wilden New-Economy-Zeit war er Chef von Red Hat, dem ersten Unternehmen, das Linux vermarktete, jene frei zugängliche Konkurrenz zu Windows. Die jämmerliche Bezahlung des Buchs über die Geschichte von Red Hat war es, die Young auf seine nächste Geschäftsidee brachte: Lulu.com ? eine Internetseite für den Selbstverlag, die Autoren die Macht über ihr Werk wiedergeben soll.

Die besten Jobs von allen

Der 51-jährige Software-Millionär aus dem kanadischen Hamilton zimmerte sich als persönliches Mahnmal Büroschreibtisch und Stuhl aus unverkauften Exemplaren seines Erstlingswerks und brütete über eine Strategie gegen die ?wild gewordene Industrie?, die ?tote Bäume durch die Gegend fährt?.Das Prinzip ist einfach. Der Autor bereitet digital alles selber vor. Es gibt keine Lektoren, kein Marketing. Im Gegenzug behält er alle Rechte an seinem Werk und bekommt 80 Prozent der Erlöse nach Abzug der Druckkosten. Das billigste Buch, Paperback und schwarz-weiß, kostet im Druck acht Dollar. Den Verkaufspreis bestimmt der Autor. Ein Buch wird erst von Lulu gedruckt und ausgeliefert, nachdem es verkauft und bezahlt ist. Die Leser wiederum bewerten die gekauften Bücher auf Lulu ? als Warnung oder heißer Tipp.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Autor leistet keinerlei Vorschusszahlungen Anders als bei traditionellen Selbstverlagen oder wie etwa ?Books on Demand? (www.bod.de) leistet der Autor keinerlei Vorschusszahlungen oder Grundgebühren. Trocken rechnet Young vor: ?,Under the radar? hätte mir auf Lulu nach 150 verkauften Büchern das gleiche Geld eingebracht.?Das sitzt. Und die Verlagsindustrie ist gut beraten, aufzuhorchen. Denn der unscheinbare Mann mit dem schütteren Haar, der an Woody Allen erinnert, hat schon einmal dicke Bretter gebohrt.Aus einer Computer-Leasing-Firma machte Young zusammen mit Geschäftspartner Marc Ewing einen Linux-Vertrieb: 1999 geht Red Hat an die Börse ? und startet mitten im Dotcom-Boom mit dem achthöchsten Eröffnungskurs in der Geschichte der Wall Street. Am Ende des ersten Börsentages ist Young auf dem Papier 1,6 Milliarden Dollar schwer. ?Business Week? nimmt ihn auf in die Liste der zehn Unternehmer des Jahres, Bill Gates brandmarkt die Idee der freien Software als zutiefst ?unamerikanisch?. Microsofts Chef Steve Ballmer blafft, Linux sei ein ?Krebsgeschwür?. Doch es herauszuschneiden schafft er nicht: Im abgelaufenen Geschäftsjahr setzte Red Hat 278 Millionen Dollar um ? ein Plus von 42 Prozent im Jahresvergleich.Und Young, Familienmensch und Vater dreier Töchter, hat trotz Dotcom-Crash ausgesorgt und die Leitung von Red Hat längst abgegeben. Er könnte sich darauf konzentrieren, mit dem Golfkarren über seine Lieblingsferieninsel vor Nord Carolina zu tuckern oder seinem kanadischen Football-Team, den Hamilton TigerCats, beim Training zuzuschauen ? wäre da nicht dieser dumme Scheck gewesen.?Was mit Linux und Windows geklappt hat, klappt auch in der Verlagsindustrie?, sagt er heute: Die Macht des Verlegens geht mit Lulu zurück in die Hand der Autoren.Er will nicht weniger als das Ebay des Digitalen schaffen. Auf Ebay wird vertickt, was sonst auf dem Speicher verstaubt ? auf Lulu das, was auf der Festplatte liegt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der ?alte Bob Young? bricht wieder durchJetzt bricht der alte Bob Young durch, der engagierte Free-Software-Revoluzzer aus den Tagen, als er in der Presse nur der ?Anti-Bill-Gates? genannt wurde: Angefeindet von vielen und am liebsten in die Kommunismusecke weggedrückt.?Alles Unfug?, sagt er trotzig ? und hat sogar eine Philosophie daraus entwickelt. Den ?Luluismus?. Er sei die perfekte Synthese aus Kapitalismus und Kommunismus, sagt er. Die ?erste relevante neue politische Philosophie seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Aufstieg des Internets?. Bescheidenheit ist übrigens nicht seine Stärke.?In Wirklichkeit?, umreißt er den Kern des Luluismus, ?funktionieren Gesellschaften, weil wir kooperieren, nicht weil wir alle immer gegen jeden im Wettbewerb stehen.? Linux, oder das Prinzip der Open-Source-Software, also Programme, die frei zugänglich und für jeden veränderbar sind, sei ein Beispiel für diese Art ?Basiskooperation?, die am Ende alle weiterbringe.So wie Lulu. ?Hier verdient jeder ab dem ersten Buch.? Jeder, also eben er auch. Vor zwei Jahren lag der Lulu-Umsatz bei null, Ende dieses Jahres sollen es 20 Millionen Dollar sein. Von wegen, unamerikanisch. Mehr als zwei Dutzend Autoren, die von keinem Verlag der Welt je genommen worden wären, leben von Lulu.com, sagt Young. So wie der Autor des ?Replica Watch Report?, der auf Hunderten Seiten zeigt, wie man echte Nobeluhren von Fälschungen unterscheidet. Young: ?Er verkauft vielleicht 1000 Bücher pro Jahr, aber behält von jedem 28 Dollar.?Und der erste Nachahmer ist schon da. Anfang Mai startete Blurb.com, mit zwei Millionen Dollar Wagniskapital im Rücken ? Lulu macht Schule.Bei seinem neuen Buch will sich Young jedenfalls den Frust mit dem Knauserscheck ersparen. Es soll der ultimative Einkaufsführer für elektrische Golfwagen werden, die Tausende von Dollar kosten. ?Den brauchen nur wenige?, schätzt er die Absatzlage korrekt ein. ?Aber wer ihn braucht, wird ihn zu schätzen wissen.? 151 Käufer würden reichen, um es allen zu zeigen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Robert ?Bob? YoungVita von Robert ?Bob? Young1965 wird er in Hamilton, Ontario, geboren. Nach der Kindheit in Kanada zieht seine Familie in die Schweiz.1972 beendet er sein Studium in Luzern.1976 kehrt er nach Kanada zurück und schließt sein Geschichtsstudium in Toronto ab. Anschließend gründet er ein Unternehmen für Computer-Leasing.1993 gründet er den Softwarevertrieb ACC.1995 verschmilzt er das Unternehmen mit dem Softwarevertrieb des Linux-Pioniers Marc Ewing unter dem Namen Red Hat.1999 geht Red Hat an die Börse.2000 tritt Young als CEO zurück und wechselt in den Verwaltungsrat.2002 gründet er Lulu.com.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.07.2006