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Mit trockenem Humor

Von Jürgen Flauger
Streitbar, hartnäckig und verlässlich: Eon-Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann hat die Gasbranche geprägt wie kein anderer. Heute feiert der 65-Jährige seinen Abschied.
DÜSSELDORF. Der Mann mit dem Schutzhelm wirkt noch etwas unsicher im Umgang mit Mikrofon und Kamera. Er steht auf einer Förderplattform mitten in der norwegischen Nordsee und erzählt den Zuschauern, warum die Gaslieferungen die Versorgung der deutschen Haushalte sichern.Die Szene von Anfang der achtziger Jahre läuft über eine Großleinwand in der ehrwürdigen Johannes-a-Lasco-Bibliothek von Emden. Viel Prominenz hat sich hier Anfang September 2007 im Veranstaltungssaal der Kirche mit ihren gotischen Backsteinbögen versammelt: Gasmanager aus Deutschland, Norwegen und den USA, Politiker und alte Haudegen der Branche feiern ?30 Jahre Erdgaslieferbeziehungen mit Norwegen?.

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Der Mann aus dem Video ist selbst in Emden und redet wieder über sein Hauptthema: ?Versorgungssicherheit? ? aber inzwischen als Vorstandschef der größten deutschen Gasgesellschaft, Eon Ruhrgas.Die Feier in Emden ist für Burckhard Bergmann auch so etwas wie eine persönliche Bilanz. Bergmann hat in den vergangenen drei Jahrzehnten wie kein zweiter Gasmanager dafür gesorgt, dass Deutschland sicher mit Erdgas versorgt wird, nicht nur mit norwegischem, auch mit russischem. Am morgigen Freitag hat er, gerade 65 Jahre alt geworden, seinen letzten Arbeitstag und übergibt den Chefposten an Bernhard Reutersberg. Bereits heute Abend wird er in Düsseldorf feierlich verabschiedet.36 Jahre, fast sein gesamtes Berufsleben, hat der promovierte Physiker im Unternehmen verbracht und Ruhrgas entscheidend geprägt. Schon mit 37 rückt er in den Vorstand auf, dem er seit 2001 vorsteht. Bergmann war jahrzehntelang vor allem der Chefeinkäufer von Deutschlands größtem Gasimporteur, der heute mit 12 700 Mitarbeitern rund 25 Milliarden Euro umsetzt.Schon in jungen Jahren verhandelt er im Iran über die Lieferung von Flüssiggas, später beschafft er mit diplomatischem Geschick langfristige Lieferverträge mit Russland und Norwegen. Bei ausländischen Verhandlungspartnern gilt der passionierte Jäger als ebenso hartnäckig wie verlässlich. Vor allem bei den Russen erwirbt er sich wegen der guten Zusammenarbeit mit Gazprom viel Respekt: Der drahtige Manager sitzt als einziger Ausländer im Direktorium des russischen Branchenriesen Gazprom. Er ist Honorarkonsul von Russland in Nordrhein-Westfalen. Und die russische Vereinigung unabhängiger Direktoren wählt ihn 2007 zum ?Direktor des Jahres? ? weil er sich um eine transparentere Unternehmensführung bei Gazprom bemüht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er muss nicht ganz loslassenAuch bei seinem wichtigsten unternehmerischen Projekt verfolgt er seine Ziele als Chefeinkäufer: der Fusion mit Deutschlands größtem Energiekonzern Eon. Er treibt das Projekt, durch das das 1926 gegründete Traditionsunternehmen immerhin seine Selbstständigkeit verlieren wird, vehement voran. Er hofft, dass es Ruhrgas eine neue Dimension in der Erdgasbeschaffung eröffnet. Der Importeur soll, mit dem finanzkräftigen Eon-Konzern im Rücken, endlich auch in die Produktion von Gas einsteigen und sich neue Quellen erschließen.Mit ebensolcher Beharrlichkeit wie Bergmann über Lieferverträge verhandelt, kämpft er deshalb gemeinsam mit dem damaligen Eon-Chef Ulrich Hartmann für eine Fusion, die eigentlich undenkbar scheint. Ruhrgas wird damals durch ein kompliziertes Geflecht von Eigentümern kontrolliert. Vor allem aber blockiert der damalige Präsident des Bundeskartellamts, Ulf Böge, den Zusammenschluss. Über eineinhalb Jahre lang ringen Bergmann und Hartmann. Aber Anfang 2003 ist die Fusion durch.Die Entschlossenheit, mit der Bergmann wettbewerbsrechtliche Bedenken beiseite wischt, um einen globalen Spieler zu schaffen, kann er lange nicht abstreifen. Groß geworden in einer Welt, in der Ruhrgas als deutscher Monopolist frei schalten und walten kann, stemmt er sich zu lange gegen eine wirkliche Liberalisierung des Marktes, bemängeln Kritiker. ?Bergmann verrennt sich. Er ist ein Gasmanager vom alten Schlag?, sagt ein Kenner des Konzerns.Der gebürtige Westfale hält stur an alten Regelungen fest, die nicht mehr tragbar sind: lange Lieferverträge beispielsweise, mit denen Ruhrgas Stadtwerke über Jahrzehnte an sich bindet. Während andere Gashändler längst klein beigeben, liefert sich Bergmann mit Kartellamtspräsident Böge einen langen Schlagabtausch. ?Wir weisen marktfremde Einschränkungen des Kartellamts zurück?, tönt Bergmann. Letztlich muss er nachgeben. Ererkennt, dass der Marktführer wegen der öffentlichen Kritik an hohen Preisen die Liberalisierung mitgestalten muss. Als Nachfolger bestellt Eon-Chef Wulf Bernotat mit Reutersberg bewusst einen Vertriebsprofi, keinen Einkäufer.Auf den kommen nun schwierige Zeiten zu. Als Bergmann im Januar ein letztes Mal eine Rede ? seine 15. ? auf der Handelsblatt-Energietagung, dem wichtigsten Branchentreff, in Berlin hält, klingt das fast wie ein Vermächtnis. Ausführlich schildert er die vielen Herausforderungen für die Gasunternehmen: zunehmender Wettbewerb, scharfe Regulierung, Klimaschutz, unsichere Bezugsquellen. Er selbst, schließt Bergmann, ?werde das künftig als interessierter Beobachter? verfolgen. Die Branche verabschiedet ihn mit langem Applaus ? Bergmann ist sichtlich gerührt. Es fällt ihm, der eher steif und distanziert wirkt, in geselliger Runde aber mit trockenem Humor besticht, sichtbar schwer loszulassen.Aber er muss auch nicht ganz loslassen. Im Gazprom-Direktorium etwa wird er Eon weiter vertreten.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.02.2008