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Mit Takt zum Pakt

Von Tanja Kewes
Bei der Lufthansa droht ein Streik. Personalvorstand Stefan Lauer will verhindern, dass es so weit kommt. Kein einfaches Unterfangen, denn er muss mit Gewerkschaftern verhandeln, die sich untereinander spinnefeind sind.
In schwierigen Verhandlungen: Lufthansa-Personalchef Stefan Lauer.
FRANKFURT. Wenn sich für einen Piloten der Lufthansa Schlechtwetter-Turbulenzen am Horizont abzeichnen, ist das schlimm. Noch böser aber wird es, wenn der Arbeitsdirektor ebenfalls absehen kann, dass es ihn und seinen Arbeitgeber bald kräftig durchrütteln wird. Stefan Lauer würde sicher bestätigen, dass sich vor ihm eine Gewitterfront aufbaut, aber er tritt dieser Tage weder öffentlich auf, noch macht er zitierfähige Aussagen. Dafür ist der 53-jährige Jurist, seit acht Jahren Arbeitsdirektor der Lufthansa und schon als nächster Vorstandschef gehandelt, zu gewieft.In den gerade gestarteten Tarifverhandlungen mit dem Boden- und Kabinenpersonal hat er es gleich mit zwei Gewerkschaften zu tun - und die sind sich spinnefeind: die Dienstleistungsgesellschaft Verdi und die Unabhängige Flugbegleiter-Organisation, kurz Ufo. Damit nicht genug: Eine andere Schlacht, die mit den Pilotenvertretern um den Einsatz der neuen Regionaljets von Embraer, ist auch noch nicht geschlagen. Bei den Piloten stehen sich ebenfalls zwei verfeindete Lager gegenüber: Verdi und die Vereinigung Cockpit (VC).

Die besten Jobs von allen

Still und leise, mit einem leichten Lächeln und "sehr sachlich" empfing Lauer am vergangenen Montag die Vertreter von Verdi und Ufo - wie gewünscht nacheinander und in zwei Räumen. An die Piloten schrieb er im Mai einen neunseitigen Brief, der dem Handelsblatt vorliegt, in dem er für den Einsatz der Embraer-Jets in der günstig operierenden Lufthansa-Cityline plädiert. An die Öffentlichkeit und in die Offensive geht Lauer noch nicht. Weiter hofft er, dass sich die Funktionäre mit ihren Forderungen nicht weiter gegenseitig überbieten und die Tarifeinheit gefährden.Die stille Post, die der Lufthanseat spielt, ist ein riskantes Spiel. Für die größte deutsche Fluggesellschaft geht es um viel: Bräche ein Streik los, käme er teuer zu stehen. Denn ein Streiktag in der Luftfahrt ist ein verlorener Tag, ausgefallene Flüge können nicht durch Sonderschichten aufgeholt werden. Die Warnstreiks bei den Regionalfluggesellschaften Cityline, Eurowings und beim Billigflieger Germanwings wirbelten im Mai den Flugbetrieb von Lufthansa mächtig durcheinander. Es waren Ausfälle, die sich Lufthansa bei Rekordölpreis und nachlassender Nachfrage nicht leisten kann. Weitere Warnstreiks im Juni und Streiks ab Juli könnten Lauer selbst die Aussicht auf den Vorstandsvorsitz kosten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ungleiche Gehälter sorgen für UnmutDer Machtkampf der Gewerkschaften untereinander und mit dem Vorstand fußt auf einem komplizierten Tarifsystem, das in Deutschland für rund 52 000 Mitarbeiter gilt. So verdienen die Piloten der Lufthansa-Passage rund ein Viertel mehr als ihre Kollegen in den Cockpits der Regionaltöchter. Die Gehälter beim Caterer LSG Skychef orientieren sich an Lebensmittelindustrie und Gastronomie. Und aufgrund des konjunkturfühligen und krisenanfälligen Luftfahrtgeschäfts gibt es konzernweit Katastrophenklauseln. Die Gemengelage ist das Tor für Streit und beschäftigt drei Gewerkschaften.Die Hoffnung von Lauer, dass sich diese gegenseitig entzaubern und zerlegen, ist in Teilen berechtigt. Die junge Ufo ist durch Putschs und Gegenputschs vor allem mit sich selbst beschäftigt. Die etablierte Verdi verliert dagegen seit Jahren an Einfluss im Kranichkonzern: Im Aufsichtsrat hat Verdi-Chef Frank Bsirske seit April statt vier nur noch zwei weitere Verdianer an seiner Seite. Auch die Vereinigung Cockpit ist gespalten: in ein Lufthansa-Lager und in eines der anderen Piloten.Lauers größtes Pfand: Er kommt nach dem Rekordjahr 2007 nicht mit leeren Händen. Zum Verhandlungsauftakt bot er dem Boden- und Kabinenpersonal 3,4 Prozent mehr Lohn. Beim zweiten Treffen am 17. Juni wird er noch etwas drauflegen. Die Piloten erhielten im Januar 3,9 Prozent mehr. Dass die von Verdi und Ufo geforderten 9,8 und 15 Prozent utopisch sind, darauf lässt Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber schließen, der am Dienstag erklärte: "Wir sozialisieren keine Gewinne. Unser Spielraum in den Tarifverhandlungen ist angesichts der steigenden Treibstoffpreise sehr, sehr eng." Und dass der dominante Mayrhuber den leisen Lauer leitet, ist kein Geheimnis.
Stefan Lauer 1955 wird er geboren. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen tritt er 1983 in den Dienst des Magistrats der Stadt Frankfurt.1986 steigt er zum persönlichen Referenten des Büros des Oberbürgermeisters der Stadt Frankfurt auf.1990 startet er bei der Lufthansa als Leiter der Abteilung Führungskräftebetreuung. Ein Jahr später wird er zum Amtsantritt von Vorstandschef Jürgen Weber dessen Bürochef.1994 übernimmt Lauer die Leitung der strategischen Konzern- und Organisationsentwicklung.2000 wird er Lufthansa-Vorstand. Er vertritt die Ressorts Personal und Dienstleistungen.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.06.2008