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Mit schneller Hand durch die Cyberwelt

Von Nicole Bastian
Längst ist Computerspielen in Korea zu einer Art normalen Sport geworden - Esports genannt. Lee Yoon-Yeol ist einer von gut 200 Profi-Computerspielern in Südkorea. Der 21-Jährige verdient mit Computerspielen mehr als mancher Manager.
SEOUL. Die linke Hand auf dem Keyboard, die rechte an der Maus klickt er sich durch die Welt von Menschen-, Monster- und Maschinenrassen, die Terraner, Protoss und Zerg heißen. Starcraft heißt diese für viele Ältere schwer zugängliche Welt ? es ist die Welt eines Strategiespiels aus den USA, das Yoon-Yeols Leben bestimmt.Yoon-Yeol ist einer von gut 200 Profi-Computerspielern in Südkorea. ?Zuerst habe ich nur einfach aus Spaß gespielt?, meint er, während er in der Mittagspause von seinem streng regulierten Morgentraining abschaltet. ?Aber dann habe ich gemerkt, dass man Preisgelder gewinnen kann.? Mit dem ersten Gewinn habe er Obst für seine Eltern gekauft. Die waren dennoch zuerst gegen das Computerspiel. Davon ein Leben bestreiten? Doch Yoon-Yeol setzte sich durch ? und ist seit dem Jahr 2000 Profispieler. ?Mittlerweile gehören meine Eltern zu meinen größten Unterstützern?, sagt er ? und lächelt verlegen. Zu Kopf gestiegen ist ihm der Starrummel bisher nicht.

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Und dass, obwohl die Profispieler in Südkorea verehrt werden wie Sportstars oder Popsänger. Längst ist Computerspielen in Korea zu einer Art normalen Sport geworden ? Esports genannt. Drei Spezialsender übertragen den ganzen Tag nichts anderes. Elf Profiteams, von denen die meisten zu großen Unternehmen gehören, konkurrieren gegeneinander. Yoon-Yeols Team Pantech Ex, das der Handyhersteller Pantech mit rund 1,5 Mill. Dollar im Jahr sponsort, spielt nur Starcraft. Andere Teams treten auch bei Turnieren für andere Computerspiele an. Die südkoreanische Regierung will auf dem Boom reitend nun die inländischen Spiele-Hersteller im Ausland fördern.Yoon-Yeols Fanclub hat 170 000 Mitglieder. Auf den Schränken und Regalen im Trainingshaus stehen Plüschtiere und aus Papier gebastelte Glücksbringer, die die vornehmlich weiblichen Fans schicken. Vier Tage später, wenn er auf dem live übertragenen Turnier sein Spiel bestreitet, werden ihn einige dieser Fans lauthals anfeuern.?Viele Leute kennen mich?, meint Yoon-Yeol. Im Restaurant etwa bekomme er ab und zu einmal ein Freigetränk. Fans sprechen ihn an. ?Meistens finde ich das gut, aber manchmal, wenn ich mit Freunden etwas unternehmen, will ich einfach auch Freizeit haben.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bekanntheitsgrad eines Popstars Yoon-Yeol wohnt mit seinen Teamkollegen in einem großen zweistöckigen Haus im Süden der Hauptstadt Seoul. Bis zu sechs Spieler schlafen in einem Zimmer. Ein Koch, zwei Trainer, IT-Spezialisten für die Fanseiten ? ein ganzer Kader kümmert sich um die Profispieler.Im Erdgeschoss stehen die Computer im Trainingszimmer eng aneinander gereiht. Montags bis Mittwochs ist freies Training. Donnerstags und Freitags die interne Ausscheidung, wer in den Turnierspielen am Wochenende aufgestellt wird. Yoon-Yeol hat seinen Platz meist sicher, denn er ist der Star des Teams. Sein Trainer Ho Chang-Song lobt seine ?hohe Entschlossenheit, schnelle Hand und gute Kontrolle?. Schon jetzt verdient Yoon-Yeol damit geschätzt rund 200 Mill. Won im Jahr - gut 166 000 Euro. Davon kann so mancher Manager in Korea nur träumen.?Profispieler ist ein toller Beruf?, meint der eher introvertiert wirkende junge Mann in seiner blau-weißen Mannschaftsuniform denn auch. Geld, Beliebtheit, Ruhm ? ?und man hilft mir, besser zu werden?. Ob er Sorgen habe im Leben? ?Eigentlich nicht?, meint er. ?Es sorgen sich nur die, die keinen Erfolg als Profi-Spieler haben.? Die Antwort zeigt, wie sehr Yoon-Yeols Leben derzeit auf das Computerspielen ausgerichtet ist.In die Kirche geht der Profispieler nicht, Politik interessiert ihn nicht ? wenn überhaupt dann das Verteidigungsministerium, quasi als real gewordenes Starcraftspiel. Nordkorea und die Trennung von seinem eigenen Land beschäftigt ihn. ?Ich mache mir Sorgen, was passiert, wenn ein Krieg ausbricht.? Er freue sich darauf, die beiden Koreas einmal vereinigt zu sehen. ?Damit wir den Frieden, den wir noch nicht erlebt haben, genießen können.?Sein größtes Idol außerhalb der Spielewelt ist der russische K1-Kämpfer Emelianenko Fedor. ?Obwohl er der Beste in dem Kampfsport ist, trainiert er mehr als andere und sorgt außerdem gut für seine Familie.?Und Yoon-Yeols eigene Ziele für die Zukunft? Mit 30 Jahren will er aufhören mit dem Proficomputerspiel. ?Mit dem Geld, was ich bis dahin verdient habe, will ich etwas anderes machen ? ein Restaurant vielleicht, irgendetwas Kreatives." Früh möchte er auch selbst eine eigene Familie gründen.Zunächst jedoch hat Yoon-Yeol aber noch einiges in der Starcraft-Welt zu erreichen, meint er ? und legt sich die Ziellatte hoch. ?Ich will so berühmt werden, dass mein Name in Schulbüchern steht, weil ich mich so für das Spiel eingesetzt habe.?
Dieser Artikel ist erschienen am 11.07.2006