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Mit sanftem Zwang

Von Tanja Kewes
Sie ist eine Exotin in der Modebranche. Stella Ahlers hat erst Jura und Theologie studiert. Nun will sie aus dem Textilunternehmen ihrer Familie einen internationalen Markenkonzern formen. Geprägt wurde die 41-Jährige von ihrem Vater. Der steuerte 16 Jahre lang den börsennotierten Modekonzern Ahlers und führte sein einziges Kind ?mit sanftem Zwang? an die Aufgabe heran.
DÜSSELDORF. Kein Wunder, hat die 41-Jährige doch schon an den Reden ihres Vaters mitgefeilt. Der steuerte 16 Jahre lang den börsennotierten, aber immer noch von der Familie dominierten Modekonzern Ahlers und führte sein einziges Kind ?mit sanftem Zwang? an die Aufgabe heran ? erst mit spannenden Geschichten am Abendbrottisch, später mit eigenen Projekten in der Studienzeit.Zur Aufgeregtheit besteht im Hause Ahlers nicht nur genetisch kein Grund. Die Zahlen sind gut. Die Ahlers AG ist mit einer Rendite von sieben Prozent eine Dividendenperle. Und im abgelaufenen Geschäftsjahr 2004/05 verzeichnete der nach Hugo Boss zweitgrößte deutsche Herrenmodekonzern wieder einen leicht auf 325 Millionen Euro gestiegenen Umsatz.

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Die Aktionäre auf der Hauptversammlung sind entsprechend gut drauf, so gut, dass sie bei all ihrem ?Glück, dass eine geborene Ahlers den Konzern in die Zukunft führt?, nicht vergessen, kühn zu fordern, die Dividende von knapp einem auf vier Euro zu erhöhen.Auf solch Geplänkel lässt sich Stella Ahlers nicht ein. Kühl beantwortet sie ?die Anregung?: Ja, eine Sonderdividende sei für das laufende Geschäftsjahr denkbar, über das ob und wie viel werde aber erst zu einem späteren Zeitpunkt entschieden. So leicht und professionell es ihr auf der Hauptversammlung auch von der Hand geht ? ihr Weg an die Spitze verlief nicht schnurgerade.Nach dem Abitur in Herford will sie studieren. Nicht jedoch Mode, Wirtschaft oder Bekleidungstechnik, sondern katholische Theologie und Jura. ?Mein Vater war nicht gerade begeistert?, erzählt sie im Interview, ?ließ mich aber ziehen und machen.? Dem Studium in Paderborn und Bonn folgt die Promotion in Luzern. Das Thema: Die Gleichstellung der Frau im Staat und in der Kirche. Der Wirtschaft widmet sie sich in den Semesterferien.Ihren Umweg hat Stella Ahlers bis heute nicht bereut: ?Ich bin den amerikanischen Weg gegangen und habe mich breit gebildet. Ich bin weder Modeguru noch Zahlenmensch?, sagt eine, die Englisch und Italienisch fließend, Französisch ?ganz gut?, und Russisch und Spanisch ?ein wenig? spricht.Auch rein äußerlich lässt sie sich nicht leicht einordnen. Auf der Modemesse CPD vergangenes Wochenende trägt sie zu schlichter Bluse und klassischem dunkelblauem Rock auffällige Pumps und eine gepunktete Handtasche aus Leinen. Hinter der strengen Brille verbergen sich warme, braune Augen. ?Ein Fashionvictim bin ich nicht?, sagt sie über sich. ?Flüge nach London oder Mailand lege ich oft so, dass noch Zeit für einen Bummel bleibt.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kein anderes großes Modeunternehmen wird von einer Frau geführt.In der Branche ist Stella Ahlers nicht nur auf Grund ihrer Ausbildung eine Exotin. Kein anderes großes Modeunternehmen wird von einer Frau geführt. Einzig Gabriele Strehle hat als Chefdesignerin und Ehefrau von Vorstandschef Gerd Strehle bei Strenesse direkten Einfluss.Die Vorstandschefin Ahlers fackelt nicht lange. Wenige Monate nach Amtsantritt verkauft sie Ende Mai den Hemdenhersteller Eterna an den Finanzinvestor Alpha. Die Begründung: Eterna sei auf das Hemd fokussiert, und die Marke zum Komplettanbieter auszubauen sei zu aufwendig. Bei Otto Kern, Pierre Gardin, Jupiter und Gin Tonic sieht sie mehr Potenzial. Deren Produktpalette will sie erweitern, um Männer und bei Gin Tonic auch Frauen von Kopf bis Fuß einzukleiden.Für Eterna erzielt sie mit 120 Millionen Euro laut Analysten zudem einen ?ordentlichen Preis?. Die Branche nickte anerkennend und spekuliert wild: Was machen die Herforder mit all dem Geld?Nach Informationen des Handelsblatts steht Ahlers mit dem Modekonzern Hugo Boss in Kaufverhandlungen für die Luxuslinie Baldessarini. ?Kein Kommentar?, sagt die Vorstandschefin. ?Sie können sich aber sicher sein, dass wir die 120 Millionen Euro einsetzen, um Ahlers strategisch neu auszurichten.? Dafür sieht sie mehrere Wege: Sie könnte eine Luxusmarke kaufen, um sich aus dem umkämpften Mittelpreissegment nach oben abzusetzen. Sie könnte aber auch den eigenen Einzelhandel mit Flaggschiffen ausbauen wie etwa Gerry Weber oder mehr Mode im Ausland verkaufen. Die Exportquote liegt derzeit bei knapp 40 Prozent.Zusammen mit Finanzvorstand Oliver Galling ? dem 40-jährigen Sohn des langjährigen Kompagnons ihres Vaters, Karl A. Galling ? hat sie schon mal die Führungsmannschaft neu formiert. Für die Premiummarken wurde Dirk Wolff von Hugo Boss geholt und für den Export Robert Goossen von Brax. Beim Problemkind Otto Kern wurden Geschäftsführer und Kreativchef ausgetauscht. Tatkraft ist auch gefragt, denn Ahlers machte zuletzt nur 1,7 Prozent mehr Umsatz, während Hugo Boss und Gerry Weber zweistellig wuchsen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Auf der Hauptversammlung musste sich Ahlers belehren lassen.Stella Ahlers, die mit dem Versprechen antrat ?nicht alles sofort ändern zu wollen?, vergisst auch die Wurzeln der Ahlers AG nicht. ?Unsere Berufsbekleidungsmarke Pionier ist und bleibt ein wichtiger Umsatz- und Ertragsbringer?, sagt sie, ganz Enkeltochter des 1919 von Adolf Ahlers gegründeten Betriebs. Auch bilanztechnisch wird es mit ihr keine Experimente geben. ?Bei Ahlers gilt weiter: Gewinn vor Umsatz und Liquidität vor Gewinn?, sagt sie. Klare Worte, die in der Finanzgemeinde gerne gehört werden. Als ?ruhige, aber sehr engagierte und wissbegierige Vorstandschefin? schildert sie Christoph Schlienkamp vom Bankhaus Lampe.Belehren lassen musste sich Stella Ahlers auf der Hauptversammlung in Düsseldorf aber dann doch noch. Ein älterer Aktionär im Zweireiher mit Einstecktuch fand Anstoß an ihrem Begriff ?Männermode?. ?Liebe Frau Dr. Ahlers, wir sprechen von Herren- und Damenmode.?
STELLA AHLERS1965 Sie wird am 24. Januar geboren ? und bleibt einziges Kind des Modeunternehmers Jan Ahlers. In Herford wächst sie auf.1984 Sie studiert katholische Theologie und Jura in Paderborn und Bonn. Am Lehrstuhl für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht der Universität Luzern promoviert sie von 1998 bis 2004.2005 Am 12. Juli wird Stella Ahlers, die seit 1996 im Modekonzern arbeitet, Vorstandschefin.2006 Sie verkauft die Hemdenmarke Eterna, um Ahlers zum internationalen Lifestylemarkenkonzern auszubauen. Gerüchte zum Kauf der Luxuslinie Baldessarini dementiert sie nicht. In ihrer Freizeit sammelt sie wie der Vater moderne Kunst.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.07.2006