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Mit Mut und Luxus

Von Tanja Kewes
Mit einem Paukenschlag sorgte Stella Ahlers bereits kurz nach ihrem Amtsantritt für Aufsehen in der Modebranche. Hartnäckig verfolgt sie das Ziel, das Modeunternehmen ihrer Familie zu einem Lifestylekonzern umzubauen. Der Wandel tut bei dem börsennotierten Familienunternehmen Not, wie die aktuellen Zahlen zeigen.
Unterschiedlicher könnten die beiden kaum sein. Hier Stella Ahlers, die promovierte Theologin und Juristin aus dem tiefsten Ostwestfalen. Da Werner Baldessarini, der extrovertierte Modeschöpfer und Boxfan aus dem schicken München.Doch die Unternehmerin und der Kreative haben sich wohl mehr zu sagen als von vielen Beobachtern zunächst vermutet. Stella Ahlers lässt sich beim Poloturnier auf Eis in Kitzbühel blicken, das Baldessarini für den internationalen Jetset veranstaltet. Und am Firmensitz der Luxusmodemarke in München gehen beide gerne mal auf einen Drink in Schumann?s Bar am Odeonplatz. ?Nach getaner Arbeit?, wie die Ostwestfälin aber gleich ergänzt.

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Und wie läuft die unternehmerische Zusammenarbeit?Im August hatte Stella Ahlers als Vorstandschefin der Ahlers-Gruppe die Luxusmodemarke Baldessarini aus dem Hause Hugo Boss übernommen. Kreativ lässt sie dem Modeschöpfer nach der erfolgreich verlaufenen ersten Orderrunde im neuen Hause weiter freie Hand. Doch bei geschäftlichen Fragen wie dem Umfang der Kollektion und dem geplanten neuen Vorzeigeladen nimmt ihn Stella Ahlers und ab 1. Juli auch ein neuer Geschäftsführer aber an die Hand.Schließlich hat die Vorstandschefin mit Baldessarini noch viel vor: Der Umsatz soll mittelfristig von zuletzt zwölf Millionen Euro verdoppelt werden. Und das ist noch nicht alles. Sie will den deutschen Herrenmodekonzern zu einem internationalen Lifestyleunternehmen umformen. Baldessarini ist nur das i-Tüpfelchen.Der Wandel tut bei dem börsennotierten Familienunternehmen Not. Die Nummer zwei nach Hugo Boss verzeichnete im vergangenen Jahr nur ein kleines Umsatzplus von 1,6 Prozent auf 245,9 Millionen Euro für die Modemarken Baldessarini, Pierre Cardin, Otto Kern, Jupiter, Pionier Berufskleidung, Pioneer Jeans, Gin Tonic und Gin Fizz. Und das Jahresergebnis fiel mit einem Minus von 0,1 Millionen Euro nach Jahren erstmals wieder negativ aus. ?Das abgelaufene Geschäftsjahr war sehr ereignisreich und voller Bewegung?, sagte Stella Ahlers auf ihre sachliche Art und im grauen Kostüm gestern bei der Bilanzpräsentation im Düsseldorfer Showroom. Mit Markenverkäufen, -zukäufen und Abschreibungen habe sie aber die Grundsteine für die Zukunft gelegt. Für das laufende Jahr stellte Ahlers ein ?moderates? Umsatzplus und beim Ergebnis ?eine deutliche Steigerung? in Aussicht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ahlers ist nicht nur auf Grund ihrer Ausbildung eine Exotin in der Branche.Analysten wie Matthias Schrade von GSC Research sehen keinen Grund zur Beunruhigung. Ganz im Gegenteil: ?Ahlers wird gut und solide geführt. Die neue Vorstandschefin hat die Chance zum Großreinemachen geschickt genutzt und erste Akzente gesetzt?, sagte er.Mit einem Coup sorgte die Enkelin des Gründers Adolf Ahlers bereits kurz nach ihrem Amtsantritt für Aufsehen in der Branche. Die seit zehn Jahren zum Konzern gehörende Hemdenmarke Eterna verkaufte sie für 120 Millionen Euro an die Investoren der Alpha Gruppe. Sie begründete die Entscheidung so: Eterna sei ein reiner Hemdenspezialist und hätte sich nur schwerlich zu einem Komplettanbieter ausbauen lassen.Ein gewagter Schritt für eine Newcomerin, die nicht nur auf Grund ihrer Ausbildung eine Exotin in der Branche ist. Nach dem Abitur will sie studieren, nicht jedoch Mode, Wirtschaft oder Bekleidungstechnik, sondern katholische Theologie. ?Mein Vater war nicht gerade begeistert?, erzählt sie beiläufig.Doch sie geht ihren eigenen Weg und promoviert in Luzern über Kirchenrecht. Und seit ihrem Einstieg ins Herforder Familienunternehmen 1996 ist sie bis heute eine Ausnahmeerscheinung. Kein anderer Modekonzern wird von einer Frau geführt. Einzig Gabriele Strehle hat als Chefdesignerin und Ehefrau von Vorstandschef Gerd Strehle bei Strenesse direkten Einfluss.Und Stella Ahlers hat viel vor. Nach dem Kauf der Luxusmarke Baldessarini plant sie weitere Akquisitionen. ?Die Modemarken sollten aus dem Bereich Herrenoberbekleidung kommen, Komplettanbieter und international vermarktungsfähig sein?, sagte Ahlers gestern. Gespräche würden bereits geführt. Für Zukäufe stehen ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung. ?Einen Zukauf in Höhe unseres derzeitigen Umsatzes von 200 bis 300 Millionen Euro könnten wir stemmen?, sagte Finanzvorstand Oliver Galling.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Stelle Ahlers will der Familienpolitik treu bleiben. Doch sie will der Firmenpolitik ? Gewinn vor Umsatz und Liquidität vor Gewinn ? treu bleiben. Deshalb hält Stella Ahlers ihre Familie, die den Konzern nach wie vor mit 75,1 Prozent der Stimmrechte und 55,03 Prozent der Aktien dominiert, und die Fremdaktionäre mit einer Rekorddividende bei Laune. Stamm- wie Vorzugsaktionäre erwartet auf der Hauptversammlung eine Verdreifachung der Dividenden auf rund drei Euro. Die Rendite steigt damit auf über 17 Prozent. Durch den Verkauf der Hemdenmarke Eterna hatte sich der Jahresüberschuss auf 92,2 Millionen Euro erhöht. Trotz der hohen Ausschüttung steigt die Eigenkapitalquote von 34 auf 50 Prozent.Mit den Aktionären dürfte Stella Ahlers auf der kommenden Hauptversammlung am 3. Mai deshalb leichtes Spiel haben. Denn auf dem vergangenen Aktionärstreffen wurde lautstark eine Sonderdividende aus dem gerade bekannt gewordenen Eterna-Verkauf gefordert.Auch Belehrungen wie auf ihrer ersten Hauptversammlung hat sie wohl diesmal nicht zu fürchten. Ein älterer Herr im Zweireiher korrigierte sie damals, dass es ?Herrenmode? und nicht ?Männermode? heiße.
Stella Ahlers1965: Sie wird am 24. Januar geboren und bleibt einziges Kind des Modeunternehmers Jan Ahlers. Stella Ahlers wächst in Herford auf.1984: Sie studiert katholische Theologie und Jura in Paderborn und Bonn. Am Lehrstuhl für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht der Universität Luzern promoviert sie von 1998 bis 2004.1996: Sie steigt in den Modekonzern ihres Vaters ein.2005: Am 12. Juli rückt sie als neue Vorstandschefin an die Spitze der Ahlers AG.2006: Sie verkauft die Hemdenmarke Eterna. Einen Teil des Geldes investiert sie in die Luxuslinie Baldessarini, denn ihr Ziel ist es, die Ahlers-Gruppe zu einem internationalen Lifestylemarken-Konzern auszubauen. In ihrer Freizeit sammelt sie wie der Vater moderne Kunst.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.03.2007