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Mit Massage gegen den Brain-Drain

Frank Siering, Los Angeles (www.handelsblatt.com)
Der Kindergarten von Microsoft in Redmond im Bundesstaat Washington gleicht einer Oase für Nachwuchshacker: Computer für Dreijährige, digitale Spielzeuge zuhauf. Geschultes Personal mit Zugriff auf die neueste Software von Mr. Bill Gates. Kein Wunder, dass die Wartezeit für einen Platz im kostenlosen Babysitter-Hauptquartier häufig bis zu einem Jahr beträgt.
Der Kindergarten von Microsoft in Redmond im Bundesstaat Washington gleicht einer Oase für Nachwuchshacker: Computer für Dreijährige, digitale Spielzeuge zuhauf. Geschultes Personal mit Zugriff auf die neueste Software von Mr. Bill Gates. Kein Wunder, dass die Wartezeit für einen Platz im kostenlosen Babysitter-Hauptquartier häufig bis zu einem Jahr beträgt. "Microsoft ist absolut vorbildlich, wenn es um die Versorgung der wirklichen Nöte seiner Mitarbeiter geht", konstatiert James Grunelli, Unternehmensreporter bei der "Los Angeles Times". Die Luxuskita ist nur eine Annehmlichkeit bei Microsoft. Bietet der Softwareriese doch seinen überarbeiteten Angestellten auch einen Lebensmittel-Lieferservice an, damit das Schlangestehen im Supermarkt wegfällt. Sogar Windeln und Handtücher können die Mitarbeiter von einem Subunternehmen kostenlos waschen lassen.Microsoft steht beileibe nicht alleine da, wenn es darum geht, den Mitarbeitern die Arbeit zu versüßen. Beim Internetsuchdienst Google dürfen die Manager kostenlos in einer Gourmetkantine speisen - wer will, auch ausschließlich lokale Biokost (Handelsblatt vom 30.6.2006). Ein verspannter Nacken? Kein Problem, ein Anruf genügt, und der mobile Massagedienst rollt ins Büro.

Die besten Jobs von allen

Geht es amerikanischen Angestellten einfach besser als Mitarbeitern in anderen Ländern? Oder verbirgt sich hinter diesen Motivationshilfen womöglich eine genau durchkalkulierte Geschäftsstrategie? Nando Pelusi ist Psychologe aus New York City. Er weiß, dass hinter dem, was in der amerikanischen Geschäftswelt gerne als "Perk", also als Incentive, bezeichnet wird, tatsächlich weit mehr steckt als nur der gute Wille eines spendablen Vorstands. "US-Firmen in heiklen Branchen wie zum Beispiel dem Haifischbecken High Tech leben in ständiger Sorge vor einem Brain-Drain, einen Abfluss von talentierten Mitarbeitern - womöglich noch zur direkten Konkurrenz. Deshalb verwöhnen sie ihre Angestellten mit diversen Annehmlichkeiten. Immer in der Hoffnung, dass ein kostenloser Kindergarten vielleicht auch die Frau des Softwaremanagers davon überzeugt, dass es bei Microsoft besser ist als bei einem Konkurrenten", beobachtet der Psychologe.Die "Perks" allerdings beschränken sich längst nicht mehr auf die Internetbranche. Wer bei David Weekley Homes (DWH), einem Unternehmen für Fertighäuser, einen Arbeitsvertrag unterschreibt, kann sich auf einen zehnprozentigen Rabatt beim Kauf eines Hauses und andere Vorteile wie eine kostenlose Refinanzierung des neuen Eigenheims freuen. Und bei Worthington Industries kommt sogar der Friseur an den Schreibtisch. Pharmariese Amgen lockt talentierte Bewerber mit doppelt so vielen bezahlten Urlaubstagen. Und die Angestellten von Outdoor-Bekleider Timberland erhalten eine Finanzspritze von 3 000 Dollar, wenn sie ein umweltfreundliches Hybrid-Fahrzeug kaufen."US-Unternehmen sind wirklich sehr kreativ, wenn es um Vergünstigungen für begehrte Jobkandidaten geht. Das liegt oftmals auch daran, dass zahlreiche Firmen in dörflichen Gegenden sitzen, die für viele talentierte Bewerber wenig attraktiv sind", vermutet Psychologe Pelusi.Nicht ganz in das Verwöhnkonzept passt der schon seit einigen Jahren anhaltende Sparkurs vieler Unternehmen in den USA. Auch Microsoft hat angekündigt, mehr als 1 000 Leiharbeiter aus anderen Ländern wieder nach Hause zu schicken. Google und Dell fahren genau wie die amerikanische Auto- und Luftfahrtbranche einen rigiden Sparkurs mit fast monatlichem Personalabbau.Wie geht das zusammen? Hier werden hohe Summen für persönliche Incentives vom Gesamtbudget abgezweigt, im gleichen Atemzug kommt per Firmenmitteilung die Androhung einer erneuten Kündigungswelle? Timothy Straumann, Psychologieprofessor an der Universität von Duke: "Die Unternehmen wissen sehr wohl, dass viele Angestellte in schweren wirtschaftlichen Zeiten ihre Entlassung befürchten. Umso wichtiger ist es deshalb, dass negative Einflüsse in der Firma - wie etwa eine Kündigungswelle - nicht das tägliche Arbeitsbild dominieren. Positive Zeichen sind enorm wichtig für die Motivation einer Belegschaft", betont Strauman. Ein weiterer Punkt beim Kampf um die Talente: Unternehmen wollen gerne High Potentials früh und für lange Zeit an sich binden. "Keine Frage - ein junger Programmierer wird mit langfristigen Vergünstigungen wie zum Beispiel die einfache Handhabung einer späteren Kinderbetreuung von der Firma bewusst geködert", sagt Psychologe Pelusi.Carol Hamilton, eine Gesundheitsexpertin mit drei Stellenangeboten, fiel die Auswahl für Eli Lilly einfach. Das Pharmaunternehmen aus Indianapolis im US-Bundesstaat Indiana hatte der jungen Frau freizügig eingeräumt, im Falle einer Schwangerschaft einen Monat vor der Entbindung freimachen zu können - bei voller Bezahlung. Ein ungewöhnliches Angebot, denn anders als in Deutschland gibt es in den USA keinen bezahlten Mutterschutz. Ein Jahr nach Vertragsunterzeichnung wurde Hamilton tatsächlich schwanger. "Die Firma hat ihr Wort gehalten, und ich habe keinerlei Absichten, einen solch kulanten Arbeitgeber zu verlassen", betont Hamilton heute.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.08.2006