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Mit Luft und Liebe

Aufgezeichnet von Ulrike Heitmüller
Thomas Klupsch, 30, ist Hornist im "Neuen Sinfonieorchester Berlin". Gegründet wurde es im Sommer 2002 vom "Musikforum Klassik", einem gemeinnützigen Verein. Acht Galas und knapp 30 Auftritte in sozialen Einrichtungen hat das Ensemble seitdem absolviert. Von den 50 Musikern bekommen 28 ihr Geld vom Arbeitsamt, die anderen werden durch Eintrittsgelder und Spenden finanziert.
Wie überlebt man eigentlich als Orchestermusiker, Herr Klupsch?

Ich heize mit Kohle - sonst könnte ich gar nicht so billig wohnen. Für meine anderthalb Zimmer in einer WG zahle ich nur 160 Euro. Ein Auto habe ich nicht. Wenn ich auswärts eine Mucke, also ein Konzert, habe, dann borge ich mir eins. Hier in Berlin fahre ich immer mit der S-Bahn und dem Fahrrad. In den letzten beiden Jahren war ich freischaffend, da habe ich mal mehr, mal weniger Geld verdient. Im Monat werden das im Schnitt so 600 Euro gewesen sein. Wirklich viel ist das nicht.

Die besten Jobs von allen


Angefangen hatte ich eigentlich mit der Trompete, bin aber dann aufs Horn umgestiegen - liegt mir anatomisch einfach mehr. Damals war ich neun oder zehn Jahre alt, und mit der Zeit habe ich eine solche Liebe zum Instrument entwickelt, dass ich Lust bekam, mein Geld damit zu verdienen. Als Schüler verdient man natürlich nichts, höchstens einmal pro Jahr bei einem Konzert. Erst in der Hochschule bekommt man Verbindungen zu professionellen Veranstaltern, da kriegt man für Auftritte schon mal Geld angeboten. 1999 schloss ich mein Studium ab und arbeitete zwei Jahre lang als Solist in Prenzlau. Leider nur in Schwangerschaftsvertretung. Nebenbei absolvierte ich ein Aufbaustudium für Horn an der Hochschule in Weimar, war Praktikant in einem Jenaer Orchester und Hornist in Cottbus. Danach schlug ich mich erst mal als selbstständiger Musiker durch - wie gesagt für 600 Euro.

Jetzt habe ich eine ABM-Stelle im Neuen Sinfonieorchester Berlin. Darin sind viele Musiker, die früher arbeitslos waren. Die Förderung durch das Arbeitsamt läuft noch bis Mai. Was dann passiert, weiß niemand. Auf meiner ersten Gehaltsabrechnung standen gerade mal rund 700 Euro netto. Die Kollegen kriegen um die 900 Euro im Monat, aber wohl auch nur deshalb, weil sie in einer anderen Steuerklasse sind als ich. Ich hätte gern eine feste Stelle - es muss ja nicht gleich eine als Erster Hornist sein. Das kann man sich heutzutage ohnehin nicht aussuchen. Die jetzige Situation ist nicht toll, und es wird immer schlimmer: Ein Orchester nach dem anderen wird dicht gemacht.

Zwei Jahre gebe ich mir noch. Habe ich bis dahin keinen Job, muss mich beruflich umorientieren. Irgendwann ist man so alt, da kriegt man keine Engagements mehr. Aber noch bin ich guter Hoffnung. Man muss eben flexibel sein. Ein Orchestermusiker kann sich die Stadt nun mal nicht aussuchen.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2004