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Mit eisernem Willen

Von Axel Granzow, Handelsblatt
Wolfgang Reithofer gilt als einer der besten Manager Österreichs. Kein Wunder also, dass 54-jährige Rollstuhlfahrer den Ziegelhersteller Wienerberger zum weltweiten Marktführer machte.
WIEN. Ein bisschen müde bin ich schon?, gesteht Wolfgang Reithofer. In nur zwei Monaten hat der Chef der österreichischen Wienerberger-Gruppe 16 Tochtergesellschaften besucht. Und das trotz Handicap. Der 54-Jährige lenkt einen Weltmarktführer vom Rollstuhl aus. Seit 13 Jahren fesselt ihn die heimtückische Nervenlähmung Multiple Sklerose an den Rollstuhl. Seine Arbeitswut vermag das nicht zu bremsen.43 Mal reiste Reithofer im vergangenen Jahr berufsbedingt ins Ausland. ?Wir sind multikulturell. Es gehört dazu, dass ich mich von Zeit zu Zeit persönlich bei allen Leuten unserer Tochterkonzerne bedanke?, sagt Reithofer. Kommt er erst einmal in Fahrt, müssen Mitarbeiter und Besucher schon mal beiseite springen. Besucht er eines seiner Ziegelwerke und rollt mit seinem Elektrorollstuhl durch die Werkshallen, braucht der Chef des Traditionskonzerns viel Platz.

Die besten Jobs von allen

Um von Ort zu Ort zu kommen, hat sich der Wienerberger-Chef eine behindertengerecht umgebaute Großraumlimousine bauen lassen, die zumeist sein Chauffeur steuert. Dann hat er Zeit, sich seiner eigentlichen Arbeit zu widmen. So wenig wie möglich, sagt der Manager, befasse er sich mit seiner Krankheit. Nach Angaben der Zeitschrift ?Trend? zählt er inzwischen zu den 50 bestverdienenden Österreichern.Kein Wunder, dass Vorstandskollegen und Geschäftspartner seinen High-Tech-Rollstuhl kaum noch bewusst wahrnehmen. Stattdessen schätzen sie seinen eisernen Willen und seine Leistungen als Manager. Er sei einer der besten Manager Österreichs, urteilt Karl Petrikovics, Chef des österreichischen Immobilienkonzerns Immofinanz.Erst vor wenigen Monaten hat Reithofer die Fabriken Nummer 246 und 247 für den Ziegelkonzern gekauft, dieses Mal in Belgien. Der Konzernchef, den es anstrengt, einen Kugelschreiber zu führen, unterschreibt Massen von Kaufverträgen ? mit Erfolg. Im vergangenen Jahr hat er den börsennotierten Konzern zur alten Ertragsstärke zurückgeführt: Das Betriebsergebnis hat sich von 66,2 auf 151,6 Millionen Euro mehr als verdoppelt.Der 1819 gegründete und seit 1869 an der Wiener Börse notierte Baustoffkonzern Wienerberger erlebte in seiner Geschichte zwei Blütezeiten. Die erste fällt in die Mitte des 19. Jahrhunderts, in die Zeit von Kaiser Franz Joseph. Der österreichische Monarch ließ damals Wien verschönern. Was dem Baustoffkonzern Wienerberger volle Auftragsbücher bescherte. Die zweite Hochphase hatte das Unternehmen seit Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem Beginn der Internationalisierung.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein geschickter TaktikerDaran hat Reithofer einen entscheidenden Anteil. Seit 1981 bei Wienerberger tätig, treibt der Jurist die Expansion des Ziegelkonzerns voran. Kollegen aus der Branche bezeichnen ihn, der an einem Mitarbeiter vor allem Widerspruchsgeist schätzt, in Verhandlungen als geschickten Taktiker. Er selbst sieht sich als Moderator in Entscheidungsprozessen. 1985 steigt Reithofer schließlich in den Vorstand auf. Als sein größter Coup gilt die Übernahme des zweitgrößten amerikanischen Ziegelherstellers General Shale vor vier Jahren. Damit schaffte Wienerberger den Wandel von einem europäischen zu einem weltweit tätigen Konzern mit mehr als 200 Werken in 28 Ländern. Vor zwei Jahren rückte Reithofer dann an die Vorstandsspitze auf. Reithofer der Eroberer. Möglicherweise beantwortet er deshalb die Frage ?Gibt es historische Persönlichkeiten, die sie besonders beeindrucken?? mit ?Cäsar?. In der von kleinen und mittleren Anbietern geprägten Ziegelbranche sei allenfalls noch die australische Boral ein vergleichbarer Wettbewerber, sagt Reithofer. Doch kommen sich die Konzerne auf der Weltkarte nur in Amerika in die Quere. Aus Europa hat sich Boral zähneknirschend zurückgezogen. Hier ist Wienerberger der Marktführer.Reithofer steht für die Internationalisierung des Konzerns. Trotz Rollstuhl stellt er sich bei Road- Shows der weltweiten Investorengemeinde und auf mehrtägigen Info-Reisen zu seinen Ziegelfabriken den Journalisten.Die Frage, wie ein gesundheitlich derart gehandicapter Mensch solche Höchstleistungen erbringen kann, bringt ihn nicht aus der Ruhe. Seit Ärzte ihm vor rund 20 Jahren die niederschmetternde Diagnose, Multiple Sklerose, mitteilten, hat der dreifache Vater gelernt, sich mit seiner Krankheit zu arrangieren. Unterstützt wird er von seiner Familie ? seiner Frau oder seinen Söhnen ?, die ihn auf Auslandsreisen auch schon einmal begleiten. Sein Sekretariat schickt vorab Fragebögen an die Hotels und bucht nur, wenn die Zimmer und alle sonstigen Einrichtungen behindertengerecht sind. Auch bei den Fluglinien wird ein entsprechender Platz vorab gecheckt. Er musste sich daran gewöhnen, dass ihm die alltäglichsten Dinge wie etwa das Zubettgehen schwerer fallen als einem gesunden Menschen.?Dennoch ist es mir wichtig, dass bei behinderten Menschen nicht ihre Behinderung im Vordergrund steht?, sagt Reithofer, der sich für die Belange von Behinderten stark macht. Vor allem will er helfen, Bedingungen zu schaffen, die Menschen wie ihm einen selbstverständlichen Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen. Schließlich gebe es immer wieder bauliche und natürlich finanzielle Hürden, die ein großes Hindernis darstellten.Doch Wolfgang Reithofer weiß, dass er als körperbehinderter Manager eine Ausnahmeerscheinung ist: ?Der Weg zu einer Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen integriert sind, ist noch weit.?
Dieser Artikel ist erschienen am 14.11.2003