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Mit Ehrgeiz, Charme und Ellbogen

Von J. Hofmann, M. Fasse; Handelsblatt
Die Ford-Einkaufschefin Birgit Behrendt ist die einzige Frau im Vorstand eines europäischen Autoherstellers. Und sie hat nicht die Spur von Angst, irgendwann als vermeintlich inkompetent entlarvt zu werden.
KÖLN. Nein, die Frage, die sich angeblich Karrierefrauen öfter als ihre männlichen Kollegen stellen, ist Birgit Behrendt noch nie in den Sinn gekommen: Sie hat nicht die Spur von Angst, irgendwann als vermeintlich inkompetent entlarvt zu werden. ?Für falsche Bescheidenheit ist auf dieser Ebene kein Platz. Ich bin überzeugt, dass ich das, was ich bisher gemacht habe, gut gemacht habe?, sagt sie.Behrendt strotzt vor Selbstbewusstsein. Darf sie auch. Denn seit knapp einem Jahr ist sie Chefin der Einkaufsabteilung von Ford Europa ? und damit die einzige Frau auf einem Vorstandsposten in der europäischen Automobilindustrie.

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Sie ist mitverantwortlich dafür, dass Ford in Europa das Ergebnis 2004 um mehr als 1 Milliarde Euro verbessert hat und voraussichtlich wieder leicht schwarze Zahlen schreibt. Diesen Erfolg, den der Konzern heute offiziell verkünden wird, hat der Autobauer auch einer Einkaufschefin zu verdanken, die sich ?nie zufrieden gibt?. Der Glaube, ?dass man alles verbessern kann?, ist eine Voraussetzung der dynamischen, kleinen Frau, um in Verhandlungen mit Zulieferern über Preise und Fristen punkten zu können. Als ?hart und kämpferisch, aber zielorientiert und kommunikativ? beschreiben sie ihre Verhandlungsgegner.?Natürlich muss man Ellbogen zeigen, das Geschäft ist schwierig?, sagt sie unverblümt mit einem makellosen Strahlen. Auch wenn sich die 45-Jährige mit dem blonden Pagenkopf ein herzliches, fast mädchenhaftes Lachen erhalten hat, zeigt der Blick durch die strenge Hornbrille Ehrgeiz und Biss. Die Frage, ?ob ich mich als Frau durchsetzen kann, wurde mir nur ganz am Anfang gestellt?, sagt sie locker.Ein langjähriger Mitarbeiter weiß, warum: Wer erlebt habe, wie sie selbst höher gestellte Manager ?mit Argumenten an die Wand arbeitet?, stelle sich diese Frage nie mehr. ?Wenn Sie sich mit ihr anlegen wollen, nehmen Sie besser einen Helm mit?, rät er jedem, der versucht, sie mit ?Halbwissen? anzugreifen: ?Dann ist sie nicht zu bremsen.?Erfahrungen mit Chefs hat Behrendt genügend gesammelt, fing sie bei Ford doch weit unten auf der Karriereleiter an. Als 19-jährige Abiturientin kommt sie zum Kölner Autobauer ? weil Ford die erste Firma ist, die auf ihre breit gestreuten Bewerbungen reagiert.Nach einer Ausbildung zur kaufmännischen Gehilfin ? ?weil das so schön schnell ging? ? wird sie als Sekretärin, dann als Sachbearbeiterin beschäftigt. Als die Sekretärin des Einkaufsdirektors erkrankt, übernimmt sie nach kurzer Bedenkzeit die Vertretung ? ein Glücksfall. Ihre Neugier und ihr Engagement fallen auf. Der Chef, den sie ?mit Fragen bombardiert?, drängt sie mit dem Versprechen zum Studium, sie danach als Einkäuferin einzustellen. Um keine Zeit zu verlieren, absolviert Birgit Behrendt ein Abendstudium. Er hält Wort.Seither geht es einigen ihrer Konkurrenten sicher ähnlich wie ihren Eltern: Als Nachzüglerin ?haben die eigentlich nicht mehr mit mir gerechnet?, sagt die jüngere von zwei Schwestern. Stufe für Stufe erklimmt die gebürtige Kölnerin die Karriereleiter. Ist ihr rheinischer Dialekt zu Beginn noch erkennbar, muss Behrend heute nicht selten nach deutschen Begriffen suchen: Englisch ist auch in Köln Konzernsprache.Dass der Posten in Köln nur eine Zwischenstation sein könnte, darüber möchte sie nicht spekulieren. Als gewiefte Taktikerin weiß sie, wann es besser ist zu schweigen. In die USA fährt Behrend jedenfalls regelmäßig. Nicht nur, um mit dem Boot, das sie während eines mehrjährigen Einsatzes in der Ford-Zentrale in Dearborn gekauft hat, auf den Michigan-See zu fahren. Die Umgebung der US-Autometropole ist ihre zweite Heimat: An der Wand im Büro hängt ein Bild von Detroit bei Nacht, den Schreibtisch ziert eine typisch amerikanische Vase mit Kunststoffblumen.Dass sie als Chefin von mehr als 600 Beschäftigten noch immer Briefe an ?Herrn Behrendt? bekommt, quittiert sie mit einem milden Schmunzeln. Den Ehrgeiz, in dieser Männerwelt besonders burschikos zu sein, hat sie nicht nötig: Sie ist modisch gekleidet, dezent geschminkt und trägt leicht verspielten Schmuck. In der wuchtigen Ford-Europazentrale wirkt sie fast deplatziert: zu jung, zu modern.Einen Zwölfstundentag nimmt sie für ihren Job als Vorstand gerne in Kauf. ?Jeder muss die Balance zwischen Arbeit und Freizeit für sich selbst definieren?, sagt sie und meinst es ernst. Auf dem Sideboard im Büro steht eine Auszeichnung, die ihr die Mitarbeiter in Dearborn für familienfreundliche Arbeitszeitmodelle verliehen haben.Behrend selbst braucht diese Modelle nicht, bei ihr ist alles klar geregelt: Sie richtet ihre Arbeitszeiten an den Erfordernissen von Ford aus, ihr Mann, mit dem sie seit 20 Jahren zusammen ist, richtet die gemeinsame Freizeit nach ihren Arbeitszeiten aus. Dafür hat er nach 22 Jahren bei Bayer ?seine Karriere auf Eis gelegt. Anders wäre der Job nicht möglich?, sagt die Motorradfahrerin, die kaum noch Zeit für dieses Hobby hat.Das wird sich auch im laufenden Jahr nicht ändern. Mit den erzielten Verbesserungen wird sich Ford 2005 im europäischen Geschäft nicht zufrieden geben ? und Birgit Behrend schon gar nicht: ?Denn es gibt keine bessere Motivation als Erfolg.?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.01.2005