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Mit dem Kopf durch die Wand

Von Christine Mattauch
Mit seinem harten Vorgehen gegen US-Konzerne machte sich Eliot Spitzer als Staatsanwalt einen Namen. Als Gouverneur von New York beschert ihm seine Art einigen Ärger. In Rekordzeit hat Spitzer das Kunststück vollbracht, nahezu alle gegen sich aufzubringen, selbst Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton.
Einst deckte er Skandale auf. Als Gouverneur hat Eliot Spitzer jetzt die Erfahrung gemacht, wie es ist, selbst im Mittelpunkt eines Skandals zu stehen. Foto: AP
NEW YORK. Es war eine Anekdote aus seinem Privatleben, mit der Eliot Spitzer um Sympathien warb. Als er und seine spätere Frau sich kennenlernten, habe sie ihn nicht gemocht, verriet der Gouverneur des Staates New York auf der Klausurtagung der demokratischen Fraktion Ende November. Nicht einmal zum Essen habe er sie ausführen dürfen. Aber er habe nicht aufgegeben. ?Heute sind wir glücklich verheiratet?, sagte Spitzer. Dann bat er seine Parteifreunde um eine zweite Chance.Die braucht der hochgewachsene Mann mit dem scharfen Kinn dringend. In Rekordzeit hat Spitzer das Kunststück vollbracht, nahezu alle gegen sich aufzubringen, mit denen er zu tun hatte: die Opposition, die eigene Fraktion, selbst Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Dabei war der Demokrat vor einem Jahr als Hoffnungsträger seiner Partei angetreten: Er erhielt 69 Prozent der Stimmen, so viel wie kein anderer Gouverneur vor ihm, und beendete eine zwölfjährige Regentschaft der Republikaner in der Staatshauptstadt Albany.

Die besten Jobs von allen

Zuvor hatte sich Spitzer als New Yorker Generalstaatsanwalt einen Ruf als Aufräumer und Rächer der Geprellten erarbeitet. Mit seinem gnadenlosen Vorgehen gegen Spitzenmanager und Banker hat er sich an der Wall Street zahlreiche Feinde gemacht. Doch die breite Öffentlichkeit feierte ihn als Helden, machte ihn zum berühmtesten Staatsanwalt Amerikas. Sein Erdrutschsieg bei der Wahl zum Gouverneur kam daher nicht überraschend. Man traute ihm fast jedes Amt zu. Er wurde sogar als neuer US-Präsident gehandelt.Doch davon spricht derzeit keiner mehr. Der Sympathievorschuss, der ihn ins Amt brachte, ist verspielt, seine Popularität bei den Wählern deutlich gesunken: Nur noch 25 Prozent würden abermals für ihn stimmen. ?Er hat seinen großen Rückhalt für nichts und wieder nichts aufs Spiel gesetzt?, sagt Gewerkschaftsführer Dennis Rivera. ?Ich habe so etwas in der Politik noch nie erlebt.?Als Gouverneur des Staates New York genießt Eliot Spitzer Beachtung weit über die Staatsgrenzen hinaus. Er ist zwar nur einer von 52 Gouverneuren in den USA, doch er setzt Rahmenbedingungen für die Stadt New York, die stets im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht.Ob Verkehr, Gesundheit oder Schulwesen ? in vielen Bereichen wird die letzte Entscheidung nicht in der City Hall von Manhattan getroffen, sondern im New York State Capital in Albany. Auch mit seiner Budgetplanung greift der Gouverneur in die Belange der lokalen Ebene ein. Derzeit wird zum Beispiel darum gerungen, ob Albany der New Yorker U-Bahngesellschaft einen Zuschuss gewährt, damit sie die Preise stabil halten kann.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Spitzer will mit dem Kopf durch die WandLandesweite Schlagzeilen machte Spitzer aber in seinem ersten Jahr mit anderen Themen. Obwohl es um sehr unterschiedliche Sachverhalte ging, gab es eine Gemeinsamkeit: Eliot Laurence Spitzer wollte mit dem Kopf durch die Wand. ?Mit meinem ersten Tag als Gouverneur wird alles anders?, hatte der 48-Jährige nach seiner Wahl vollmundig angekündigt. Dieses Versprechen löste er ein ? wenn auch anders als erwartet. Bereits in seiner Antrittsrede kränkte er die Abgeordneten, indem er behauptete: Der Staat New York habe ?in den vergangenen zehn Jahren geschlafen, während der Rest der Welt an uns vorbeizog?.Spitzer versprüht bei öffentlichen Auftritten einen jungenhaften Charme und wirkt bei aller Selbstsicherheit sympathisch schlaksig, aber Diplomatie ist seine Sache nicht. Als sich der Republikaner James Tedisco beschwerte, weil er sich von Spitzer in einem Gesetzgebungsverfahren übergangen fühlte, brüllte der ihn an: ?Ich bin verdammt noch mal eine Dampfwalze, und über Leute wie Sie rolle ich einfach hinweg.? Die Karikaturisten hatten ihr Motiv, und ein konservativer Kommentator fragte süffisant: ?Und so einer will ein Linksliberaler sein??Dann kam die Affäre ?Troopergate?. Einer von Spitzers wichtigsten politischen Gegenspielern ist der Vorsitzende der Republikaner im Senat, Joseph Bruno. Der Gouverneur war gerade ein gutes halbes Jahr im Amt, da stellte sich heraus, dass Bruno wochenlang von Staatspolizisten (?Trooper?) bespitzelt worden war. Verantwortlich waren enge Mitarbeiter von Spitzer, darunter sein Kommunikationschef. Der hatte gehofft, dem Republikaner illegale Flüge auf Staatskosten nachweisen zu können. Der Gouverneur erklärte, von all dem nichts gewusst zu haben. Eigenartig war nur, dass seine Anwälte den Mitarbeitern Aussageverbot erteilten.Eine glatte Bauchlandung erlebte Spitzer mit seinem Vorschlag, illegale Einwanderer zum US-Führerschein zuzulassen und dadurch die Zahl der Unfälle zu reduzieren. Vordergründig mag das wie eine gute Idee erscheinen ? allerdings hat der Führerschein in Amerika eine ähnliche Funktion wie in Deutschland ein Personalausweis. Selbst langjährige Vertraute distanzierten sich von dem Projekt. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg etwa erklärte, er halte den Vorschlag für unangemessen: ?Das habe ich Eliot unter vier Augen auch gesagt.?Aber erst als Hillary Clinton aufgrund der Initiative ihres Parteifreunds in Erklärungsnöte geriet und Spitzers Beliebtheitswerte massiv einbrachen, ruderte der zurück ? in einer eilig einberufenen Pressekonferenz, die in Washington mitten auf der Straße stattfand.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hartes Vorgehen gegen Korruption an der Wall Street Spitzer könnte einer der Fälle sein, in denen das sogenannte Peter-Prinzip wirkt, wonach jede Führungskraft bis zur Stufe ihrer Unfähigkeit aufsteigt. Sein konfrontatives und unnachgiebiges Vorgehen gegen Korruption und Vetternwirtschaft an der Wall Street machte ihn als Generalstaatsanwalt erfolgreich. Schließlich knickte er auch dann nicht ein, wenn es gegen die Crème de la Crème der Investmentbanken ging: Zehn Geldhäuser, von Goldman Sachs über Merrill Lynch bis zu UBS Warburg, zahlten im Jahr 2002 insgesamt 1,4 Milliarden Dollar, damit ein Verfahren wegen der Manipulation von Aktienpreisen eingestellt wurde. Selbst den ehemaligen Chef der New Yorker Börse, Dick Grasso, zog Spitzer vor Gericht, weil er dessen Abfindung von 140 Millionen Dollar als überhöht betrachtete.Moralist oder Machtmensch? Spitzer spricht viel über ethische Grundsätze und leitet aus ihnen eine Legitimation zum Handeln ab. Seine Vision für den Staat New York, sagt er, sei geprägt von Werten wie Freiheit des Individuums, Chancengleichheit und Fairness. ?Alle, die öffentliche Ämter bekleiden, müssen in Denken und Handeln demonstrieren, dass sie ihrer Verantwortung den Bürgern gegenüber gerecht werden.?In eigener Sache ist er schon mal weniger pingelig. In den 90er-Jahren nahm er einen Kredit von 4,3 Millionen Dollar auf, um einen Wahlkampf zu finanzieren, und behauptete, das Darlehen in der Folgezeit abgestottert zu haben. Jahre später musste er zugeben, dass sein Vater ihm die Millionenspritze gegeben hatte ? eine unerlaubte Wahlkampfspende.Bei den New Yorker Bürgern war der ?Sheriff von Wall Street? gleichwohl beliebt. Das Problem ist nur, dass Spitzer jetzt auch als Politiker den Sheriff spielt. Von einem Landesvater wird aber erwartet, dass er überlegt agiert, die Opposition einbindet und Kompromisse schließt. ?Er muss lernen, mit der Legislative zusammenzuarbeiten und bei Meinungsunterschieden zu verhandeln?, sagt der republikanische Abgeordnete Martin Golden. Diesen Rollenwechsel hat Spitzer noch nicht geschafft.Typisch Spitzer: Um die schmale Mehrheit der Republikaner im Senat zu kippen, bot er den Senatoren gut dotierte Posten in der Verwaltung an. Tatsächlich nahm einer das Angebot an, die Mehrheit schmolz auf zwei Sitze. Republikaner-Führer Bruno schäumte. Als sich die beiden Parteien bei der Wahl eines Rechnungsprüfers auf einen Kandidaten verständigten, der Spitzer nicht genehm war, reagierte er so verärgert, dass er Demokraten, die mit den Republikanern gestimmt hatten, in ihrem Wahlkreis aufsuchte und ihre Wiederwahl infrage stellte. Seitdem gilt das Verhältnis von Spitzer zu seinen eigenen Leuten als erheblich gestört.In Deutschland würde man Spitzer als testosterongesteuert bezeichnen, in Amerika nennt man jemanden wie ihn einen ?Bully? ? einen Despoten, der seine Anliegen ohne Rücksicht auf andere versucht durchzuboxen. Der Sacharbeit ist damit selten gedient. ?Albany beherbergt heute die ineffektivste Landesregierung der gesamten USA?, urteilt das Magazin ?The New Yorker?.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Aggressives Temperament In einem seiner wenigen nachdenklichen Momente hat Spitzer zugegeben, dass ihm sein aggressives Temperament zuweilen im Weg steht. ?Ich bin von meinem Naturell her vielleicht nicht gerade für diesen Job prädestiniert?, sinnierte er nach dem Führerschein-Debakel.Spitzer hat wenig Erfahrung mit Niederlagen, sein Weg führte ihn bislang stetig nach oben. Als Jüngster von drei Kindern wuchs er im wohlhabenden New Yorker Vorort Riverdale auf. Sein Vater, Sohn jüdischer Immigranten, hatte ein beachtliches Immobilienvermögen aufgebaut und konnte seinen Kindern eine gute Ausbildung bezahlen: Eliot studierte an der Elite-Universität Princeton und ging an die Harvard Law School. Danach arbeitete er in Anwaltskanzleien und in der Staatsanwaltschaft.So leicht es ihm fällt, Informationen zu speichern und Sachverhalte zu erfassen, so sehr mangelt es ihm an sozialer Kompetenz und an Lernbereitschaft. Statt etwa Lehren aus ?Troopergate? zu ziehen, verkündete er nonchalant: ?Das war viel Lärm um nichts. Die Opposition wollte uns nur vom Regieren abhalten.?Seine demütige Haltung auf der Klausurtagung der Demokraten wurde daher mit Erstaunen registriert ? und sofort kam die Frage auf, welcher Berater ihm diesen Schritt nahegelegt habe. Seit dem Reinfall mit dem Führerschein ruft der Gouverneur schon mal den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton und den früheren Finanzminister Robert Rubin an. Als ihn ein Reporter allerdings fragte, welches der wichtigste Hinweis gewesen sei, den er von den Altvorderen erhalten habe, erhielt er eine klassische Spitzer-Antwort: ?Der Rat, die meisten Ratschläge zu ignorieren.?
Dieser Artikel ist erschienen am 27.12.2007