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Mit Abstand klüger

Liane Borghardt
300.000 Studenten haben mit ihren Dozenten eine Fernbeziehung. Nicht alle werden glücklich damit. Für wen sich das Fernstudium lohnt, wie viel Zeit und Geld es kostet, welche Angebote seriös sind.
Für wen bietet sich ein Fernstudium an?

Für alle, die zeitlich und örtlich gebunden sind: Berufstätige, Eltern, Behinderte, Auswanderer. Die Masse der Fernstudenten bilden die Berufstätigen. An der Fernuni Hagen etwa haben 80 Prozent der Studenten einen festen Job und qualifizieren sich nebenher weiter. "Eine Riesengruppe erscheint nicht zu den Abschlussklausuren: vorwiegend Akademiker, die sich auf den aktuellen Forschungsstand bringen wollen", weiß Helmut Fritsch vom Zentralen Institut für Fernstudienforschung in Hagen. So werden an Deutschlands einziger Fernuni nur aus 15 Prozent der Anfänger am Ende Absolventen. Anders sieht es bei Fernstudenten an Fachhochschulen aus: Hier liegt die Erfolgsquote bei 85 Prozent

Wie läuft es ab?

Mit schriftlichen Unterlagen und am PC eignen sich die Studenten den Unterrichtsstoff an. Alle 14 Tage verschickt die Fernuni Hagen Material - mehr als eine Million Pakete im Jahr. Kursautoren sind auch Professoren von Präsenzhochschulen. Fernstudenten kontaktieren ihre Dozenten per Telefon und Mail. Ein- bis zweimal monatlich finden Seminare in den so genannten Studienzentren statt, meist an einer Präsenzhochschule. Hier schreiben Fernstudenten auch ihre Klausuren. Wer im Ausland lebt, erledigt das beispielsweise in der deutschen Botschaft.

Die besten Jobs von allen


Wie lange dauert ein Fernstudium?

Ein Vollzeit-Fernstudium unterscheidet sich nicht von klassischen Studiengängen: neun oder zehn Semester Regelstudienzeit für ein grundständiges Diplomstudium an der Uni, acht an der FH usw. Semesterferien gibt es nicht, Praxissemester entfallen ebenfalls. "Die meisten Fernstudenten reflektieren die Theorie in ihrem Arbeitsalltag. Deshalb ist die Straffung möglich", erklärt Margot Klinkner von der Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen. Im Schnitt brauchen Fernstudenten bis zum Abschluss genauso lange wie die Kommilitonen an Präsenzhochschulen. Mit welchen Kosten muss man rechnen?

Das Erststudium ist an öffentlichen Hochschulen gratis - bis auf den Semesterbeitrag von rund 50 Euro. Hinzu kommen Kosten für Kursunterlagen plus Porto, durchschnittlich um 150 Euro pro Semester. Private Hochschulen nehmen fürs Erststudium rund 250 Euro Gebühren im Monat. Bei Aufbaustudiengängen dürfen auch die öffentlichen Hochschulen kassieren: Die Kosten für weiterführende Master- oder Diplomprogramme liegen meist zwischen 1.000 und 2.000 Euro pro Semester. Privatunis langen oft kräftiger zu

Wer sind die größten Anbieter?

Pionier und Platzhirsch ist die Fernuni Hagen mit 30 Jahren Tradition, 60 Niederlassungen und aktuell 58.000 Studenten. Sie bietet Erst- und Aufbaustudiengänge aus sechs Fachbereichen: von Politik über Recht bis BWL (www.fernuni-hagen.de). Auch die Präsenzhochschulen stocken ihr Portfolio auf. Die größte Palette an grundständigen Fernstudiengängen hält die TU Dresden bereit (www.tu-dresden .de/fernstudium). Fachhochschulen, die Studieren aus der Ferne ermöglichen, haben sich in drei Verbünden zusammengeschlossen: Die FHs aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland bilden die "Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen" (www.zfh.de). Die nordrhein-westfälischen Fachhochschulen tun sich im "Institut für Verbundstudien" zusammen (www.verbundstudien.de). Hinter dem Kürzel FVL steckt der "Fachhochschulfernstudienverbund der ostdeutschen Bundesländer" (www.fvl-agentur.de). Die drei größten privaten Fernfachhochschulen mit staatlicher Anerkennung sitzen in Hamburg, Riedlingen und Darmstadt (www.fern-fh.de, www.fh-riedlingen.de, www.privatfh-da.de). Welche Gütesiegel gibt es?

Vor dem Hochschulgesetz sind Fern- und Präsenzstudium gleich: Studien- und Prüfungsordnungen müssen denselben Standards genügen. Fernstudienangebote mit den internationalen Abschlüssen Bachelor und Master werden von den so genannten Akkreditierungsagenturen unter die Lupe genommen. Ob Sprach- oder EDV-Kurs - für Lehrgänge, die nichts mit Hochschulstudium zu tun haben, ist die staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) in Köln zuständig. Inhalte, Vertrag und Werbung müssen dem "Gesetz zum Schutz der Teilnehmer am Fernunterricht" entsprechen. Zertifizierte Kurse führt die ZFU in einer Online-Datenbank auf. Bei Zweifeln an der Seriosität empfiehlt es sich, die ZFU zu kontaktieren unter 02 21.92 12 07-0, Auskunft@zfu. nrw.de, www.zfu.de

Was bringt das Fernstudium für die Karriere?

Arbeitgebers Ideal: Ein flottes Präsenzstudium, gespickt mit Praktika und Auslandsaufenthalt und nach zwei, drei Jahren Joberfahrung eine berufsbegleitende Weiterbildung. Theorie auf Theorie bauen kommt weniger gut. "Ein Geisteswissenschaftler oder Ingenieur etwa erhöht seine Karrierechancen durch ein viersemestriges Fernstudium BWL", sagt Karriereberater Thomas Friedenberger vom Staufenbiel-Institut für Studien- und Berufsplanung. Nach dem Fernstudium pauschal die Hand für 500 Euro mehr Monatsgehalt aufzuhalten, ist tabu. Es sei denn, das zusätzliche Know-how befähigt zu neuen Aufgaben. "Die Qualifikation entscheidet über die Aufgabe. Und die entscheidet über das Gehalt", erklärt Lutz Thimm, Bereichsleister High Potentials bei der Personalberatung Kienbaum.

Was steuert der Arbeitgeber bei?

Profitiert das Unternehmen unmittelbar von der Fortbildung eines Mitarbeiters, ist die Aussicht auf Unterstützung gut. Das kann der gesponserte Laptop sein, ein Zuschuss zu den Studiengebühren oder hier und da ein Tag Bildungsfreistellung. "Wenn der Mehrwert klar erkennbar ist, sollten Sie unbedingt mit Ihrem Vorgesetzten verhandeln", empfiehlt Karriereberater Friedenberger. Wie ist die Akzeptanz am Arbeitsmarkt?

Organisationstalent, Belastbarkeit, Karriereorientierung - welches Unternehmen sollte etwas dagegen haben? "Allerdings will niemand im Vorstellungsgespräch hören: Mein Fernstudium hat 20 Semester gedauert, weil ich neben dem Job kaum Zeit hatte. Meine Noten waren deshalb auch nur Mittelmaß", sagt Lutz Thimm von der Personalberatung Kienbaum. Auf die Frage nach dem Warum sollten Absolventen antworten können: "Fachlich bin ich jetzt auf dem neuesten Stand. Persönlich habe ich Selbstdisziplin gelernt.

Noch Fragen?

Überblick über Fernstudiengänge an staatlich anerkannten öffentlichen und privaten Hochschulen gibt die Hochschulrektorenkonferenz unter www.hochschulkompass.de. Zurzeit spuckt die Datenbank 70 grundständige und 87 weiterführende Fernstudiengänge aus, allerdings nur solche mit akademischem Abschluss wie Diplom oder Master. Die "AG Fernstudium" dagegen nimmt auch ein- oder zweisemestrige Fernlehrprogramme in ihre Link-Liste auf (www.ag-fernstudium.de). Eine detaillierte Angebotsschau bis hin zu einzelnen Modulen findet sich auf den Websites der regionalen FH-Verbünde Die Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen liefert bundesweite Infos. (Adressen s. "Anbieter"). Extra-Service der Fernuni Hagen: Berater in ihren Studienzentren helfen, auch außerhalb der Fernuni das passende Programm zu finden. Unter www.fernuni-hagen.de "Einrichtungen der Hochschule" und "Studienzentren" anklicken.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.06.2003