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Mit 66 fängt der Spaß erst an

Didier Lombard ist ein Technikfreak. Er will France Télécom für neue Technologien öffnen und nun trotz leerer Kassen den skandinavischen Konkurrenten Telia Sonera übernehmen. Die Kritik an dem Expansionskurs des 66-Jährigen wächst.
Didier Lombard ist sehr machtbewusst.
PARIS. Eng geht es zu im Restaurant Louis-Philippe. Didier Lombard, der füllige Chef von France Télécom, hockt auf einer schmalen Bank zwischen Journalisten, die ihn für ein Hintergrundgespräch eingeladen haben. Auf die Frage nach seiner Strategie nestelt er kurz in der Tasche seines dunkelblauen Sakkos und zieht sein iPhone heraus. ?Das ist sie, die Konvergenz, die sie in die Tasche packen können.?Konvergenz ? das Zauber- und Reizwort der Telekom- und Medienindustrie. Hinter dem Begriff steht die These, dass die Welten der Telekom- und der Medienkonzerne zusehends miteinander verschmelzen. Egal, ob jemand sein Handy, seinen PC oder den Fernseher einschaltet: Der Kunde will seine Lieblingssendung sehen oder die Top-Sportereignisse live verfolgen, so die Vision Didier Lombards. ?Die Inhalte sind der Sauerstoff für unsere Netze?, doziert er.

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Als der Technik-Freak vor gut drei Jahren den Chefposten von Frankreichs Ex-Monopolisten übernahm, galt er als Übergangskandidat ? allein schon wegen seines Alters von 63 Jahren. Eine fatale Fehleinschätzung.Der France-Télécom-Chef ist mittlerweile 66 Jahre alt und immer noch an der Macht. Kompromisslos richtet er den Riesenkonzern mit 53 Milliarden Euro Umsatz nach seiner Vision neu aus. Lombard will so France Télécom in der sich schnell wandelnden Branche einen Spitzenplatz sichern.Dazu greift der gemütlich wirkende Konzernchef an allen Fronten an: Er startet ein eigenes Pay-TV-Programm und fordert so Frankreichs Platzhirsch Canal Plus heraus. Zur selben Zeit versucht Lombard, nun mit der Offerte für den skandinavischen Telefonkonzern Telia-Sonera der Deutschen Telekom den ersten Platz in Europa streitig zu machen. ?Größe wird ein entscheidender Parameter in der Branche?, sagt er.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er widerspricht seiner eigenen Strategie Doch die Kritik an seinem Husarenritt wird immer lauter. Gerade mit Blick auf das Angebot für den skandinavischen Ex-Monopolisten kritisieren Analysten, dass Lombard das Gegenteil von dem tut, was er angekündigt hat.Es ist erst ein Jahr her, dass er im Handelsblatt erklärte: ?Bei einer möglichen Fusion zweier Ex-Monopolisten ist ein Mehrwert nur schwer zu realisieren.? Beide Akteure agierten in reifen Märkten, die Margen seien unter Druck, das Wachstum sei schwach. ?Daher schauen wir uns lieber nach Zukaufmöglichkeiten in Wachstumsländern um.?Doch die Kritik an dem Widerspruch prallt an dem Ingenieur ab. ?Es ist der richtige Moment zuzuschlagen, denn jeder ist dabei, sich zu bewegen?, begründet er seine Entscheidung. Dem gefühlten, strategischen Handlungsdrang ordnet Lombard auch emotionslos einst hochgehaltene Entschuldungsziele unter ? etwa, dass das Verhältnis von Schulden zum Ebitda (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) maximal zwei betragen soll. ?Lombard litt schon immer enorm darunter, dass ihm wegen der Schulden bei Zukäufen die Hände gebunden sind?, sagt der Manager eines Konkurrenten.In Frankreich macht der France-Télécom-Chef fast noch mehr Schlagzeilen mit seiner Medienstrategie: Für insgesamt rund 300 Millionen Euro kaufte er Fußballrechte, Filmpakete und Seriensenderechte von Warner und HBO und gründete seine eigene Filmproduktionsfirma, Studio 37.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Er hat schon viele Topmanager hinausgedrängt Schon wird der bullig wirkende Lombard mit dem smarten Jean-Marie Messier verglichen; dieser wollte Anfang des Jahrtausends aus Vivendi einen integrierten Telekom- und Medienkonzern schmieden.Das Ende ist bekannt: Vivendi ging fast pleite, Messier wurde gefeuert. Auch diese Kritik perlt an Lombard ab: ?Messier kaufte Studios, ich kaufe nur deren Filme?, entgegnet er. Der Konzernchef verweist darauf, dass die Investitionen in Inhalte quasi Peanuts seien verglichen mit den acht Milliarden Euro, die France Télécom pro Jahr investiert, um seine Netze auszubauen und zu pflegen.Machtbewusst zeigt sich Lombard auch nach innen. Lang ist die Liste der Topmanager, die er hinausdrängte. Ex-Finanzchef Michel Combes, die frühere rechte Hand von Lombards Vorgänger Thierry Breton, war dem France-Télécom-Chef zu unabhängig. Der Chef von Orange France, Didier Quillot, wechselte freiwillig in den Lagardère-Konzern.Für sie holte Lombard Leute, die seine Konvergenzstrategie teilen, wie Fernsehmann Xavier Couture (Ex-TF1 und Canal Plus), der bald das Inhaltegeschäft leiten soll. Dessen ehemaliger Arbeitgeber Vivendi lässt indes keine Gelegenheit ungenutzt, um France Télécom vorzuwerfen, der Konzern grabe mit den staatlich garantierten Milliarden aus dem Geschäft mit Telefonanschlüssen den Medienhäusern das Wasser ab.Aber Didier Lombard ficht das nicht an. Er hat Größeres im Blick: Konzerne wie Google und Yahoo machen Milliarden mit Werbeeinnahmen im Internet und sind auf Lombards Leitungen angewiesen. Davon will er profitieren.?Wenn Leute in meinem Wohnzimmer einen Polka-Wettbewerb veranstalten, erlaube ich mir, mein eigenes Bankett zu organisieren?, umschreibt er seine Strategie.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Lombard macht Karriere in Ministerien Didier Lombard 1942Er wird am 27. Februar in Clermont-Ferrand geboren. Didier Lombard macht später seinen Abschluss an den französischen Eliteschulen École Polytechnique und École Nationale Supérieure des Télécommunications.1967Er beginnt seine Karriere im Forschungs- und Entwicklungsinstitut CNET des staatlichen Fernmeldeamtes (heute Teil von France Télécom), wo er Produkte für Elektronikkomponenten und Funksysteme entwickelt.1988Lombard arbeitet für die französischen Ministerien für Forschung und Technologie sowie für Wirtschaft, Finanzen und Industrie. Dann wird er Chairman der neu gegründeten französischen Agentur für internationales Investment.2003Er wechselt zu France Télécom und wird verantwortlich für Technologien und strategische Partnerschaften.2005Didier Lombard wird am 27. Februar Chairman und Chief Executive Officer (CEO) von France Télécom.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.06.2008