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Mit 30 bist du tot

Stella hatte diesen Satz in einem der Business-Magazine gelesen, die in ihrem Apartment herumlagen. Eigentlich interessierte sie sich nicht sonderlich für den Inhalt, aber sie kaufte sie trotzdem. Sie gaben ihr das Gefühl, an etwas teilzuhaben - an einer großen gemeinsamen Anstrengung, die ihre Generation unternahm.
Stella hatte diesen Satz in einem der Business-Magazine gelesen, die in ihrem Apartment herumlagen. Eigentlich interessierte sie sich nicht sonderlich für den Inhalt, aber sie kaufte sie trotzdem. Sie gaben ihr das Gefühl, an etwas teilzuhaben - an einer großen gemeinsamen Anstrengung, die ihre Generation unternahm.

Stella war zweiunddreißig und eigentlich sehr einverstanden mit sich. Sie war Art Director in einer Werbeagentur, verdiente ein sechsstelliges Gehalt, sah gut aus und nutzte alle Möglichkeiten, die sich boten, um ihren Erfolg sichtbar zu machen.

Die besten Jobs von allen


"Mit dreißig bist du tot."

Sie war aufgestanden, barfuß in ihrem Seidenpyjama über das Eichenparkett in die Küche getapst und hatte sich einen Caffé Doppio aufgebrüht, an dem sie, mit einer Pobacke auf dem Barhocker an der Frühstückstheke sitzend, nippte. Ihr Blick war auf eines der dort liegenden Magazine gefallen, in dessen Titelgeschichte es um kalifornische Werber ging. Ohne sonderliche Neugier blätterte sie darin und stieß auf ein Interview mit dem Art Director einer Agentur, die Stella zu den hippsten weltweit zählte. Hinter seinem Namen war in Klammern sein Alter angegeben: (29).

"Mit dreißig bist du tot", verkündete der Typ, der auf dem Foto neben dem Text quicklebendig aussah - und höchstens wie Anfang zwanzig. Natürlich meinte er nicht wörtlich, was er sagte. Vielmehr ging es ihm darum, zu erklären, wie schnelllebig die Branche war, die ständig mit neuen Leuten versorgt werden musste - am besten mit achtzehn- bis fünfundzwanzigjährigen Hipstern, die Anteil hatten am geheimen Wissen der Szenen und Subszenen, an das sonst so schwer zu kommen war.

"Wenn du älter als fünfundzwanzig bist, gehst du höchstens noch als Veteran durch. Du hast noch Kontakt zur Zielgruppe, aber du gehörst schon nicht mehr dazu. Mit dreißig bist du tot. Entweder hast du dann eine eigene Agentur und junge Leute, die für dich arbeiten, oder du stehst auf der Straße."

Sprüche wie diese hatte Stella schon tausendmal gehört. Sprüche wie diese hatte sie auch schon tausendmal geklopft. Insbesondere männlichen Kollegen um die dreißig konnte man damit einen netten, kleinen Schrecken einjagen.

Sie ging ins Bad. Vor dem Spiegel untersuchte sie ihr Gesicht. Glücklicherweise gehörte sie nicht zu den Frauen, die in ihrem Alter schon Falten hatten. Klar, wenn sie genauer hinsah, wurde auch sie fündig. In den Augenwinkeln hatte sich zu den zwei ursprünglichen jeweils noch ein drittes Fältchen gesellt. Ein paar Jahre noch und ihre Mundwinkel wären eingeklammert von zwei sichelförmigen Furchen. Erste Anzeichen dafür gab es schon. Sie machte sich fertig und ging in die Agentur.

"Mit dreißig bist du tot."

Der Satz spukte boshaft in ihrem Kopf herum. Warum eigentlich? Sie war jetzt zweiunddreißig und hätte, wenn er stimmen würde, beruflich längst unter der Erde liegen müssen. In Wirklichkeit aber stand sie mitten im Job. Sie verstand die Sprache der zwanzigjährigen Praktikanten, auch wenn sie zugeben musste, dass es nicht mehr die ihre war. Sie wusste Bescheid über die richtige Musik, die richtigen Klamotten, den richtigen Style. Und sie hatte, was die Jungen nicht hatten: Erfahrung. Und die stellte sie der Agentur, die allerdings nicht ihre eigene war, zur Verfügung.

Auf ihrem Schreibtisch im Büro fand sie das Formular für ein Branchenbuch, in dem die Agentur werben wollte. Sie sollte Angaben machen zu ihrer Position, ihrer Tätigkeit, den Kampagnen, die sie betreut hatte. Sie trug alles korrekt ein. Bis sie zu der Zeile kam "Alter ... (freiwillig)". Sie zögerte etwas und fügte dann sorgfältig in Klammern zwei Ziffern in die Leerstelle: (29).
Dieser Artikel ist erschienen am 14.01.2002