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"Mister Rewe" geht im Streit

Von Christoph Schlautmann, Handelsblatt
Mehr Nebelkerzen hätte Rewes Pressestelle am Mittwoch kaum werfen können. ?Die Trennung vom Unternehmen erfolgt in Freundschaft und Dankbarkeit?, hieß es in der Mitteilung für Presse, Funk und Fernsehen um Harmonie bemüht.
DÜSSELDORF. ?Die Trennung vom Unternehmen erfolgt in Freundschaft und Dankbarkeit?, verbreitete der Kölner Konzern am Morgen unter einer Überschrift, die selbst viele im eigenen Haus überraschte: ?Hans Reischl scheidet aus der Rewe aus?. Die längliche Mitteilung ?für Presse, Funk und Fernsehen? bemühte sich um Harmonie. Der Rewe-Aufsichtsrat, hieß es dort, eröffne Reischl damit ?die konfliktfreie Übernahme künftiger Aufgaben und Engagements außerhalb der Gruppe?.Tatsächlich war es am Abend zuvor in der Kölner Domstraße zwischen Reischl und dem von Klaus Burghard geführten Aufsichtsrat zum Eklat gekommen. Reischls geplanter Nebenjob im Aufsichtsrat des Wettbewerbers Karstadt-Quelle sei nicht akzeptabel, beschieden die Kontrolleure ihrem langjährigen Vorstandsvorsitzenden (Handelsblatt vom 28.4.). Daraufhin warf der 64-jährige Handelsmanager, der erst Ende Dezember in den Ruhestand gehen sollte, den Job hin. Zur Arbeit erschien Reischl, dessen Vertrag nun offiziell zum 30. April endet, gestern bereits nicht mehr.

Die besten Jobs von allen

Keine Abschiedsfeier, nicht einmal ein Blumenstrauß. Für Deutschlands dienstältesten Manager an der Spitze eines Handelskonzerns, der die verschlafene Kölner Genossenschaft in den vergangenen 27 Jahren zum drittgrößten Lebensmittelhändler Europas gemacht hat, könnte der Abschied kaum bitterer sein.Schon im Februar zeichnete sich ab, dass es zwischen ?Mister Rewe? und seinem Aufsichtsrat nicht mehr zum Besten steht. Ohne den Vorstandschef zu konsultieren, hatte sich eine kleine Arbeitsgruppe innerhalb des Kontrollgremiums an die Arbeit gemacht, um einen Nachfolger für ihn zu suchen. Dem mächtigen Konzernherren, der als Industriekaufmann startete und als Rewe-Genossenschaftler Millionen anhäufte, werfen viele selbstständige Rewe-Händler vor, er habe sich nicht genug an genossenschaftliche Grundsätze gehalten. Das behaupten zumindest Insider. Statt sparsam mit den Firmenmitteln umzugehen, kaufte Reischl in fremden Branchen zu. Die riskanten Engagements kosteten Rewe Millionen. Die Anteile an Kirch Media, die er vor vier Jahren im Tausch gegen eine 40-Prozent-Beteiligung an Pro Sieben erhalten hatte, musste er abschreiben. Kurz vor dem Absturz von Kirch Media hatte er Leo Kirch noch als einen der wenigen gelobt, ?mit denen man noch Geschäfte auf Zuruf vereinbaren kann?.Eine 40-Prozent-Beteiligung am Ferienflieger LTU konnte er nur durch einen Überbrückungskredit vor dem Insolvenzrichter retten. Einen Finanzpartner sucht er nach der Pleite des LTU-Mitgesellschafters Swissair weiter vergeblich.Sämtliche vier Vorstandskollegen Reischls ließ die Findungskommission daher im vergangenen Winter antreten, um sich für den Spitzenjob zu bewerben. Am Ende fiel die Wahl auf den 39-jährigen Ernst Dieter Berninghaus. Reischls Wunsch, den eigenen Vertrag noch zwei Jahre über die Altersgrenze hinweg zu verlängern, schlugen die Rewe-Kontrolleure in den Wind. Seither trägt der Konzernlenker, der für das abgelaufene Geschäftsjahr glänzende Zahlen vorlegte, den Makel eines Auslaufmodells. Nicht einmal auf einen Wechsel in den Aufsichtsrat verständigte man sich.Doch selbst in einer Situation wie dieser denkt der eher kleine Manager, der hinter dem markanten Schnauzbart seine Mimik verbirgt, nicht ans Aufgeben. Schon am kommenden Dienstag will er sich auf der Hauptversammlung von Karstadt-Quelle in der Düsseldorfer Stadthalle zum Aufsichtsrat des MDax-Konzerns wählen lassen.Den engen Kontakt mit dessen Großaktionär Schickedanz knüpfte der talentierte Strippenzieher, bei dem im Gespräch sowohl Bayerisches als auch Rheinisches anklingen, vor mehreren Monaten. Damals hatte der gebürtige Bayer erläutert, wie er die defizitären Supermärkte in den Karstadt-Häusern unter der Regie von Rewe in Ertragsbringer verwandeln will.Dass Reischl künftig im Aufsichtsrat von Karstadt-Quelle lediglich Finanzpläne genehmigen wird, halten Beobachter für ausgeschlossen. ?Der Mann ist ein Gestalter und kennt die Gegenspieler in der Industrie?, sagt Handelsberater Volker Dölle. Mit einem ausgewiesenen Handelsmanager im Aufsichtsrat, glauben Insider, wird die Arbeit für Vorstandschef Wolfgang Urban deshalb keineswegs angenehmer.Der darf sich darauf gefasst machen, dass er vom Aufsichtsrat an die kürzere Leine genommen und im Konfliktfall sogar durch Reischl ersetzt wird. Und selbst auf dem Golfplatz hat der neue Kontrolleur Reischl gegenüber dem Vorstandschef die Nase vorn. Urban besitzt ein Handicap von 23, Reischl von 22.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.04.2004