Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Mister Perfect

Carsten Herz
Sportdirektor Mario Theissen hat sich mit dem BMW-Team viel vorgenommen. Er will in der Formel-Eins ganz oben mitmischen. Er wartet aber immer noch auf den ersten Sieg. Nun hofft er auf einen Erfolg beim nächsten Rennen am kommenden Sonntag in Monaco.
Mario Theissen hält mit den Fahrern des BMW-Teams über Mikrofon Kontakt. Foto: dpa
HINWIL. Der schwarze Schreibtisch ist penibel aufgeräumt. Nichts Persönliches lenkt von der Arbeit ab. Der Papierschredder sei sein Lieblingsutensil, bekennt der Mann mit dem Schnauzbart, der sich als ?Leer-Tisch-Täter? bezeichnet. ?Mister Perfect? heißt BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen im Team.Sein Drang nach Perfektion zahlt sich für den Autokonzern aus. BMW spielt erst in der dritten Saison mit einem eigenen Formel-1-Team mit. Und schon hat der 55-Jährige die Mannschaft auf den weltweit zweiten Platz der Konstrukteurswertung geführt. An diesem Sonntag könnte in Monaco sogar der erste Formel-1-Sieg gelingen, vor den Rivalen Mercedes und Ferrari.

Die besten Jobs von allen

Theissen wird jedenfalls wieder im schick gestylten Wohnmobil an der Rennstrecke im Fürstentum sitzen und gebannt auf die Daten der Fahrzeuge von Robert Kubica und Nick Heidfeld blicken, mit denen er über Funk ständig verbunden ist. Theissen ist Ingenieur durch und durch: absolute Konzentration auf Schaltpunkte, Drehzahlen sowie den Wasser- und Öldruck. ?Dr. BMW? nannte ein Boulevard-Blatt jüngst den promovierten Maschinenbauer.Theissen wirkt mit seiner disziplinierten, zurückhaltenden Art fast wie ein Fremdkörper in der schillernden Welt der Formel 1. Er ist ein Gegenentwurf zum Formel-1-Manager von Renault, Flavio Briatore, der zeitweise mehr durch Frauenbekanntschaften als durch Aktivitäten im Rennstall für Schlagzeilen sorgte.Denn Theissen ist so sachlich und unprätentiös, wie er ausschaut: feinrandige Brille, gesunder, brauner Teint und unter dem fein gestutzten Schnauzbart meist ein Lächeln. ?Er hat sich immer im Griff?, sagt ein Weggefährte des Motorsportdirektors. Nur wenn es darum geht, aus Tausenden von Einzelteilen den perfekten Rennwagen zu zimmern, entwickelt er so etwas wie Leidenschaft.Mit eiserner Disziplin trimmt der BMW-Rennsport-Boss, der auch für die BMW-Auftritte der Tourenwagen-Weltmeisterschaft verantwortlich ist, mit 700 Angestellten und einem Etat von schätzungsweise 200 Millionen Euro das Team auf Spitzenleistung. Dafür hetzt er mehrmals pro Woche zwischen der Münchener Konzernzentrale und seinem Schreibtisch im schweizerischen Hinwil, wo der Rennstall in der Nähe von Zürich stationiert ist, hin und her.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mit 13 Jahren kauft er sich einen Fiat 500 Die Faszination für Autos hat ihn bereits früh gepackt. Schon im Alter von 13 Jahren, wenn andere noch mit Eisenbahnen spielen, kauft sich Theissen bereits sein erstes Auto, einen alten Fiat 500. Er baut die Türen aus, haut ein faustdickes Loch in den Auspuff und sägt das Dach ab. Damit fegt er über das elterliche Grundstück in Monschau, einem Eifeldorf zwischen dem Nürburgring und der Formel-1-Strecke im belgischen Spa.Inzwischen geht Theissen wesentlich professioneller und sehr zielstrebig vor. Der Vater dreier erwachsener Kinder arbeitete zunächst mit Williams zusammen, um den Formel-1-Titel einzufahren. Doch die Kooperation mit dem britischen Rennstall, für den BMW die Motoren lieferte, verlief schwieriger als gedacht.Schließlich zieht Theissen 2006 die Konsequenzen. BMW kauft das Schweizer Sauber-Team und tritt mit einem eigenständigen Rennstall an. Nun will er im zweiten Anlauf Weltmeister werden ? und der Manager ist diesem Ziel dieses Jahr näher als jemals zuvor.Für Monaco hat Theissen einen Platz auf dem Siegerpodium im Blick. ?Wir wollen in diesem Jahr noch unser erstes Rennen gewinnen?, lautet seine Ansage. Rennsport-Legende Niki Lauda glaubt, dass BMW in Monaco wieder ganz vorne mitfährt. Fakt ist: BMW hat sich neben Ferrari und Mercedes dieses Jahr klar als drittes Topteam in der Königsklasse des Rennsports etabliert.Doch auch das Rennsportteam bekommt die Auswirkungen des von BMW-Chef Norbert Reithofer aufgelegten Sparprogramms ?Number one? zu spüren. ?Ja, wir sind einbezogen?, räumt Theissen ein. ?Ich erwarte auch, dass wir in den nächsten Jahren mit dem Budget weiter herunterkommen werden?, sagt er dem Handelsblatt.Der BMW-Motorsportdirektor, der im Autokonzern an BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Dräger berichtet, befürwortet den Vorschlag des Rennsport-Weltverbandes Fia, die Budgets der Rennställe zu begrenzen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Er hat bei BMW Karriere gemacht Theissen kennt die Bedeutung der Finanzplanung aus seiner langen Zeit im Münchener Autokonzern genau. Bevor er im Jahre 2003 alleiniger Motorsportdirektor wurde, hatte sich der Maschinenbauingenieur im Konzern längst einen Namen in der Motorenentwicklung gemacht. 1991 wird er Leiter Produktkonzepte, drei Jahre später steigt er zum Geschäftsführer der BMW Technik GmbH auf. Im Jahr 1998 übernimmt er zusätzlich die Leitung einer der Ideenschmieden im Konzern, des BMW Technology-Office im kalifornischen Palo Alto.Doch mit der Formel 1 lässt sich das alles kaum vergleichen. ?Für mich ist die Formel 1 eine einzigartige Kombination aus High Tech, Sport, Business und Show?, bekennt Theissen. ?Darum ist die Formel 1 auch so erfolgreich beim breiten Publikum? ? nervenaufreibend.Theissen, der in dem beschaulichen Münchener Stadtteil Moosach wohnt, entspannt sich vom Geschäft am liebsten ?in der Natur, wo es ruhig ist?, wie er sagt. Außerdem treibt der BMW-Bereichsleiter in seiner raren Freizeit intensiv Sport. Mehrmals die Woche geht er joggen und möglichst zweimal pro Woche ins BMW-Fitnessstudio in München.Auch privat pflegt er eiserne Disziplin. Jeden Morgen steht Mario Theissen pünktlich um 5.45 Uhr auf und hält sich auf den rund 320 Kilometern zwischen seinen Arbeitsplätzen München und Hinwil mit seinem BMW-Dienstwagen streng an die Verkehrsregeln. So beachtet der Mann, der dafür bezahlt wird, Höchstgeschwindigkeiten aus seinen Rennwagen herauszukitzeln, selbst meist präzise die Tempolimits ? ganz typisch für den disziplinierten ?Mister Perfect?.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Er kommt bereits 1999 zum Motorsport Mario Theissen 1952Er wird am 17. August in Monschau/Eifel geboren. Mario Theissen studiert später Maschinenbau in Aachen und macht seinen Abschluss als Diplom-Ingenieur.1977Er startet in der BMW- Motorenberechnung.1989Theissen promoviert an der Ruhr-Universität in Bochum.1991Er leitet die Produktkonzepte von BMW, danach die Vorentwicklung Antrieb und wird Geschäftsführer der BMW Technik GmbH.1998Theissen leitet die Technik GmbH und ist verantwortlich für den Aufbau des BMW Technology-Office .1999Er wird zum BMW-Motorsport-Direktor neben Gerhard Berger ernannt.2003Seit Oktober ist er alleiniger Direktor des BMW-Motorsports.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2008