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Mister Globalisierung

Von Christoph Schlautmann
William Fung kauft für Karstadt-Quelle, Habitat und jetzt auch für Tommy Hilfiger weltweit günstig ein ? und wird dadurch immer reicher. Das Tempo, mit dem William Fung und sein drei Jahre älterer Bruder Victor das Handelsimperium rund um den Globus effizient wie diskret ausbauen, ist atemberaubend. Die Kundenliste liest sich wie das Who?s who der großen Handelskonzerne: Wal-Mart, Carrefour, Ahold, Disney, Esprit
Als William Fung 1972 von seinem Harvard-Studium nach Hongkong zurückkehrt, erwartet ihn im elterlichen Unternehmen eine Hiobsbotschaft. Für ihn gebe es daheim nichts mehr zu tun, bedauert der Vater achselzuckend. Die einstigen Kunden seiner Firma Li & Fung kauften seit neuestem in Taiwan ein, denn dort sei alles viel billiger.Der junge William packt die Koffer, folgt seinen Abnehmern auf die chinesische Inselrepublik ? und kommt zu spät. ?Inzwischen?, erinnert sich der energiegeladene Chinese mit den flinken braunen Augen, ?hatte sich Südkorea als günstigste Einkaufsquelle herumgesprochen.?

Die besten Jobs von allen

Der Schock hat ihn geprägt. Heute ist der 59-Jährige, der fast zu einem frühen Opfer der Globalisierung geworden wäre, ihr mächtigster Motor. Aus dem verschlafenen Antiquitätenhandel, den Großvater Pakliu Fung 1906 mit seinem Partner To-ming Li gründete, formte der Enkel in nur wenigen Jahren das wichtigste Scharnier des Konsumgüterhandels.Die Kundenliste liest sich wie das Who?s who der großen Handelskonzerne: Wal-Mart, Carrefour, Ahold, Disney, Esprit ...Das Umsatzvolumen von 8,7 Milliarden US-Dollar, das Li & Fung vor kurzem für das vergangene Jahr veröffentlicht hat, macht das börsennotierte Familienunternehmen mit Abstand zum größten Beschaffungsnetz der Welt. Seit dem Börsengang 1992 steigerten sie den Umsatz jährlich im Schnitt um 22 Prozent. Tag für Tag suchen 7 000 Mitarbeiter in 44 Ländern ? dreimal so viel wie vor zehn Jahren ? die günstigsten Einkaufsquellen für Kunden wie den Möbelhändler Habitat oder die Modekette M&S. 2,4 Milliarden Hemden, Schuhe, Anzüge, Spielwaren und Geschenkartikel schickt Li & Fung jährlich auf die Reise ? meist von Südostasien nach Europa und in die USA.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Seit kurzem zählt auch Karstadt-Quelle zu Fungs TopkundenSeit vergangenem Herbst zählt auch der Karstadt-Quelle-Konzern zu William Fungs Topkunden. Die Essener haben ihr komplettes Beschaffungsmanagement, mithin 1000 Mitarbeiter, an das Hongkonger Unternehmen abgegeben ? zum Preis von 60 Millionen Euro.Alles, was nicht zum Kerngeschäft der Karstadt-Einkäufer zählt wie Musterung, Qualitätssicherung oder Zahlungverkehr übernehmen nun die Chinesen. Zudem sind sie bei der Suche nach neuen Herstellern behilflich. ?Unsere Marge verbessert sich damit um zehn bis 15 Prozent?, freut sich Einkaufsvorstand Helmut Merkel. Bis 2010 wolle man deshalb den Einkauf über Li & Fung auf zwei Milliarden Euro verdoppeln. ?Obwohl wir hart verhandeln, ist unser Verhältnis sehr freundschaftlich geblieben?, beschreibt Merkel die Zusammenarbeit mit dem Vorstandschef.Lächelnd kramt Fung eine rote Windjacke hervor, um zu beweisen, wie global sein Unternehmen wirklich arbeitet. ?Das Obermaterial haben wir in Korea besorgt?, erklärt er in akzentfreiem Englisch, ?der Reißverschluss stammt aus Japan, die Füllung aus China, die Gummizüge aus Hongkong, und das Futter liefern Taiwaner.? Damit er den günstigsten Preis bekommt, lässt Fung seine weltweit 70 Einkaufsbüros gegeneinander antreten. ?Die Niederlassungen arbeiten wie eigenständige Unternehmen?, sagt er, ?das stärkt den Wettbewerb und die Eigeninitiative.?Die Liste der Kunden wächst beständig. Erst vor wenigen Tagen kam Tommy Hilfiger hinzu. Für dessen Beschaffungsnetz in Taiwan, Indien, Bangladesch und fünf weiteren Ländern legte Fung nach eigenen Angaben 248 Millionen US-Dollar auf den Tisch. Im Gegenzug ordert der Modekonzern nun seine Knöpfe, Reißverschlüsse und Produktionskapazitäten über den Partner in Hongkong.Li & Fung kassiert dabei in der Regel eine Vermittlungsprämie, die Insider auf rund fünf Prozent des Umsatzes schätzen. Das Unternehmen kommt mit diesem Geschäftsmodell blendend zurecht. Der Nettogewinn, der im vergangenen Jahr um 23 Prozent auf 282 Millionen US-Dollar stieg, kann sich sehen lassen.Entsprechend kletterte die Aktie in den vergangenen sechs Monaten um 61 Prozent ? und machte William Fung, der wie sein Bruder Victor 36 Prozent des Aktienkapitals hält, auf dem Papier rund 1,2 Milliarden US-Dollar reicher. Allein die Dividende wird ihm nach Berechnungen des Handelsblatts in diesem Jahr einen Geldsegen in Höhe von umgerechnet 87 Millionen US-Dollar bescheren.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Aufstieg in der ?Forbes?-Liste Kein Wunder, dass jeder der beiden Brüder im vergangenen Jahr in der ?Forbes?-Liste von Platz 512 auf Rang 390 nach oben kletterten ? mit einem geschätzten Vermögen von je 2,4 Milliarden US-Dollar. Die 15 Millionen US-Dollar, die sie für die ? nach dem Vater benannte ? ?H. C. Fung Bibliothek? der Harvard-Universität stifteten, dürften die Ex-Absolventen daher kaum belasten.Von all dem erahnen Besucher in der schmucklosen Firmenzentrale kaum etwas. Das elfstöckige Bürogebäude, das William Fung morgens mit dem Mini ansteuert, liegt fernab der Hongkonger Skyline in einem unscheinbaren Viertel von Kowloon. Dass in dem Zweckbau an der Cheung Sha Wan Road mit der Glücksnummer 888 immerhin 3,7 Prozent aller Exporte Chinas in die USA abgewickelt werden, hängt dort niemand an die große Glocke.Größeren Eindruck schindet Vorstandschef William Fung unter Geschäftspartnern lieber mit seinem Golfspiel. ?Sein Handycap ist einstellig?, staunt einer, der gegen ihn jüngst auf dem Green verloren hat.Um seine Nachfolge muss sich der kinderlose Vorstandschef keine Gedanken mehr machen. Sein Neffe Spencer, einer der drei Sprösslinge von Chairman Victor Fung, steht als Senior Vice President bereit. ?Er ist sehr talentiert?, lobt ihn der Onkel. Die Globalisierung dürfte also nur ihren Vornamen wechseln.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von William FungVita von William Fung1948 wird William Fung als zweiter Sohn des Porzellan- und Antiquitätenhändlers Hon-chu Fung in Hongkong geboren.1972 startet er nach Abschlüssen in Princeton und Harvard im elterlichen Unternehmen Li & Fung in Hongkong. Vier Jahre später ist er Direktor der Exporthandelssparte.1986 rückt William Fung als Vorstandschef an die Spitze der Firma. Sein Bruder Victor wird Chairman.1999 überträgt ihm die Universität in Hongkong die Ehrendoktorwürde.2005 ernennt ?Forbes? Fung, der unter anderem auch im Aufsichtsrat der HSBC-Bank sitzt, zum ?Businessman of the Year?.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.03.2007