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Milliardärin Schickedanz will ihr Erbe retten

Von J. Hofer, R. Vierbuchen, C. Schlautmann
Die 61-jährige Madeleine Schickedanz soll gemeinsam mit ihren Familienmitgliedern weit mehr als 750 Millionen Euro als Kredit aufgenommen haben. Schon wird spekuliert, sie könne die Traditionsfirma Karstadt-Quelle von der Börse nehmen und vom Vorstandschef Middelhoff Gewinn bringend filetieren lassen.
Karstadt-Quelle-Großaktionärin Madeleine Schickedanz. Foto: dpa.
DÜSSELDORF. Das dürfte noch nicht einmal die halbe Wahrheit sein. Denn wenn einer in diesen Tagen über die Absichten der in Fürth-Dammbach residierenden Milliardärin Bescheid wissen muss, dann Middelhoff. Schließlich hat die scheue 61-Jährige den ehemaligen Bertelsmann-Chef selbst ausgewählt, um ihr Erbe vor dem Zerfall zu retten.In den letzten Wochen hat sie ihren Aktienanteil kräftig aufgestockt. Nach einer Mitteilung vom Dienstag dürfte sie am 11. Mai die 50-Prozent-Grenze bei Karstadt-Quelle überschritten haben. Schon wird spekuliert, sie könne die Traditionsfirma von der Börse nehmen und von Middelhoff Gewinn bringend filetieren lassen. Doch das Dementi folgt auf dem Fuße: "Wir habe die Schwelle von 50 Prozent der Stimmrechte noch nicht erreicht?, sagte Justiziar Hans-Jürgen Prohaska am Mittwochvormittag. Den aktuellen Stand der Anteilshöhe wollte er nicht nennen. Auch zu den strategischen Planungen der Großaktionäre wollte der Rechtsberater nichts sagen. Die Aufsichtsbehörde Bafin hatte zuvor erklärt, der Pool habe bisher keine weitere Aufstockung seiner Anteile angezeigt. Falls die Schwelle von über 50 Prozent erreicht wird, muss die Bafin innerhalb von sieben Tagen informiert werden.

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Gemeinsam mit ihren Familienmitgliedern soll die Quelle-Erbin weit mehr als 750 Millionen Euro als Kredit aufgenommen haben, um sie in den angeschlagenen Konzern zu stecken, berichten mehrere Firmeninsider. Ein erheblicher Teil des Geldes komme von Sal. Oppenheim. Für Karstadt hat das Kölner Bankhaus mit dem Troisdorfer Baulöwen Josef Esch fünf Immobilien errichtet und an den Warenhauskonzern vermietet. Pikant: Als Privatpersonen sind sowohl Thomas Middelhoff wie auch Madeleine Schickedanz an möglichst hohen Mietzahlungen interessiert. Middelhoff besitzt Anteile der geschlossenen Fonds, die in die Bauprojekte investiert haben. Madeleine Schickedanz ist mit 1,7 Millionen Euro Mitgesellschafterin der Oppenheim-Esch-Managementgesellschaft mbH.Offiziell gibt es dazu keinen Kommentar. Madeleine Schickedanz schweigt wie immer, sagt kein Wort zu ihren Plänen. Kaum eine Frau mit solchem Einfluss lebt so zurückgezogen. ?Sie tritt fast nie öffentlich auf, und in der Schickimickiszene ist sie schon gar nicht zu finden?, heißt es in ihrer Geburtsstadt Nürnberg. Mitarbeiter berichten, bei der Fürther Zentrale fahre sie zuweilen mit einem schlichten Golf vor.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Außergewöhnlich zurückhaltend und in ihren Entscheidungen flatter- und launenhaftEin Familien-Insider beschreibt die Tochter des Quelle-Gründers Gustav Schickedanz als außergewöhnlich zurückhaltend und in ihren Entscheidungen als flatterhaft und launenhaft. An der Spitze des Versenders Quelle wechselte sie innerhalb von neun Jahren fünf Mal den Vorstandschef aus. Zu den Opfern gehörten so klangvolle Namen wie Klaus Zumwinkel, Klaus Mangold und Steffen Stremme.Trotz ihres ungeheuren Reichtums hatte die Milliardärin kein leichtes Leben. Weil ihre Eltern mit Quelle viel um die Ohren hatten, kümmerten sie sich nur wenig um die Tochter. Mutter Grete war ständig unterwegs, tauchte regelmäßig in den Klatschspalten der Boulevardpresse auf. Gefangen in ihrem goldenen Käfig, heiratete die Tochter mit 22 Jahren Hans-Georg Mangold, den Sohn einer angesehenen Fürther Spielwarenfamilie. Es sollte der erste Mann sein, den Schickedanz in die Konzernführung des Versenders hievte.Nach der Scheidung heiratete sie Wolfgang Bühler, einen Ex-AEG-Vorstand. Auch er machte Karriere und wurde Chef der Schickedanz-Holding. Bühlers Aufstieg endete jedoch ebenso abrupt wie der von Mangold, als sich das Paar trennte. Aus den beiden Ehen hat Schickedanz zwei Töchter und zwei Söhne.Dass Madeleine Schickedanz aus wohlhabendem Haus stammt, sei ihr deutlich anzumerken, sagt ein Vertrauter. Sie gilt als verwöhnt, aber nicht verschwenderisch. Dazu passt, dass sie zwar eine Villa in St. Moritz besitzt. Mit dem Jetset des schweizerischen Nobel-Urlaubsorts hat sie jedoch nichts zu tun. Wenn sie sich aus der Deckung wagt und sich öffentlich äußert, dann höchstens bei einem Besuch der Wagner-Festspiele in Bayreuth, oder um Gutes zu tun.1990 beispielsweise gründete sie die Madeleine Schickedanz Kinderkrebs-Stiftung. Acht Jahre zuvor war ihre Tochter Caroline an Leukämie erkrankt und konnte erst nach einer langen Behandlung gerettet werden.Nicht selten vermischt die Honorarkonsulin von Griechenland Geschäftliches mit Privatem. Hans Meinhardt, einst Aufsichtsratschef von Karstadt-Quelle, vermittelte als guter Bekannter beider Seiten bei der Scheidung von Ehemann Wolfgang Bühler. Ehemann Nummer drei, der 63-jährige Leo Herl, führt heute für sie die Geschäfte. Auch zu Thomas Middelhoff, der neuen Nummer eins im Karstadt-Quelle-Konzern, besteht schon aus Bertelsmann-Zeiten eine freundschaftliche Verbindung. Kennen gelernt hatten sie sich bei der Quellekatalog-Druckerei Maul-Belser, an der beide Konzerne beteiligt sind.Dass sie sich noch nie zu ihren langfristigen Zielen geäußert hat, könnte einen wichtigen Grund haben. ?Sie hat keine strategische Linie?, heißt es in Kreisen, die Madeleine Schickedanz gut kennen. Sie studierte zwar zwei Semester Betriebswirtschaft und war zusammen mit Mutter Grete bei Quelle tätig, einen Beruf hat sie aber nie erlernt. Kenner der Familie bescheinigen ihr, nicht viel vom Geschäft zu verstehen: ?Sie ist keine Unternehmerin?, heißt es.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Vita von Madeleine Schickedanz1943 wird sie am 20. Oktober in Nürnberg geboren. Nach der Schulzeit in Fürth bei Nürnberg studiert sie zwei Semester Betriebswirtschaft.1965 heiratet sie den Nachbarssohn Hans-Georg Mangold. Dessen Familie gehört damals die Spielwarenfabrik Schuco.1990 gründet sie eine nach ihr benannte Kinderkrebs-Stiftung, nachdem ihre Tochter Caroline von Leukämie geheilt worden war.1999 fusionieren die Karstadt AG und die Quelle AG. Zusammen mit anderen Familienmitgliedern hält Madeleine Schickedanz mehr als ein Drittel der Aktien der neuen Firma.2004 zieht sie die Notbremse, um Karstadt-Quelle vor der Pleite zu retten. Sie lässt Konzernchef Wolfgang Urban fallen und stimmt einer Kapitalerhöhung zu, die ihren Anteil verwässert.2005 stockt sie ihren Anteil wieder deutlich auf und steht jetzt kurz davor, die Mehrheit zu übernehmen.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.05.2005