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Milliardär und Patriot

Von Jens Koenen, Handelsblatt
Kein Zweifel: Der Abschied vom operativen Geschäft hat Hasso Plattner gut getan. Der Mitgründer des deutschen Vorzeigeunternehmens SAP hat wieder Zeit für Dinge, die ihn interessieren. Wie zum Beispiel den IT-Nachwuchs hier zu Lande.
?Ich kann als Stifter Schwachstellen, die es im deutschen Wissenschaftssystem gibt, sicher nicht beseitigen. Ich kann aber vielleicht ein homöopathisches Medikament zur Linderung liefern?, sagt der 60-Jährige.Das Medikament heißt Hasso-Plattner-Institut (HPI), kümmert sich um den Nachwuchs an Software-Ingenieuren und ist nicht gerade billig. 50 Millionen Euro hatte Plattner für die von ihm vor fünf Jahren gegründete Ausbildungsstätte eingeplant. Doch längst ist klar: Das wird nicht reichen. ?Es wird viel teurer als geplant. Ich muss eine richtige Ausgabenrechnung machen, damit ich mein Versprechen, die Zukunft des Instituts zu sichern, einhalten kann?, räumt der Stifter ein.

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Am vergangenen Freitag stellte der umtriebige Manager seine neusten Pläne vor. Mit weiteren elf Millionen Euro soll das HPI ausgebaut werden, neue Räume beziehen und drei weitere Lehrstühle erhalten, einer davon sogar in der amerikanischen Kaderschmiede Palo Alto.Damit hat Plattner, dessen Vermögen sich laut ?Manager Magazin? auf 4,7 Milliarden Euro belaufen soll, bereits über 200 Millionen in das HPI investiert ? und dürfte damit zu den größten privaten Förderern der Wissenschaft in Deutschland zählen.?Es beginnt die Phase zwei. Das HPI soll weiteren Schub bekommen, um zu einer Elite-Ausbildungsstätte mit Weltklasseniveau zu werden?, kündigt Plattner nicht ohne Stolz an. Hier, am Sitz des HPI in Potsdam, jenem Ort, an dem Plattner geboren wurde und dessen havelländische Landschaft er liebt, ist der gelernte Nachrichtentechniker in seinem Element.Von jeher begeistert ihn die Technologie. Es ist vor allem seine Eigenschaft, technologische Trends zu erkennen, die seinen Lebensweg zeichnen. Wie kein anderer der ursprünglich fünf SAP-Gründer prägte der gelernte Nachrichtentechniker die Entwicklung des weltgrößten Anbieters von Firmensoftware. Der Übergang von der Großrechner-Software auf die so genannte Client-Server-Welt, moderne Netzwerke mit zahlreichen Rechnern, ist vor allem sein Verdienst.Er war es auch, der das Ruder Ende der 90er-Jahre herumriss, als zu Hochzeiten der Internetblase immer häufiger Start-up-Firmen wie Ariba oder I2 die SAP beim Kunden ausstechen konnten, weil der Walldorfer Konzern im Ruf stand, das Internet verschlafen zu haben. ?Tag für Tag Ohrfeigen zu kassieren, das hat ihm wehgetan?, berichtet ein Weggefährte aus jener Zeit.Doch Plattner schafft die Wende. Drei Milliarden Euro setzte die SAP 1997 um, in jenem Jahr, in dem Platter die Führung übernahm. Als er im vergangenen Jahr in den Aufsichtsrat wechselt, waren es über sieben Milliarden Euro.Dass er dabei nicht immer der Etikette folgte ? damit musste vor allem eine Gruppe leben lernen: die Entwickler. Immer wieder schaute Plattner spontan in den Labors vorbei. Gefiel dem technologischen Visionär Plattner etwas nicht, wurde es auch schon mal laut. ?Plattner polarisiert, aber ohne dem hätte er mit SAP auch niemals so viel erreichen können?, glaubt ein Insider.Auch sein Lebensstil provoziert, macht Plattner doch aus dem, was er erreicht hat, keinen Hehl. Ihm gehören Flugzeuge, schnelle Autos, eine Yacht und ein Golfplatz in Südafrika. Immer wieder sorgt seine größte Leidenschaft, dass Hochseesegeln, für Schlagzeilen. Vor allem, wenn er sich Duelle liefert mit Erzkonkurrent und Oracle-Chef Larry Ellison.Nur eines, das mochte Plattner als SAP-Chef nie gerne: den Verwaltungskram. ?Ich kann mein Talent sinnvoller einsetzen, als jeden Tag zig E-Mails zu lesen?, sagte er bei seinem Abschied im März vergangenen Jahres.Sinnvoller, dass ist für Plattner zum Beispiel das HPI. Er selbst will dort künftig als Honorarprofessor eine Fachgruppe übernehmen. Die Messlatte hängt hoch: ?Unser Ziel ist es, für IT-Ingenieure zu sorgen. Wir machen sie fit für Führungspositionen in der internationalen IT-Branche, aber auch für Unternehmensgründungen.?Praxisnäher will die Ausbildung am HPI sein, sich künftig noch stärker auf komplexe IT-Systeme ausrichten. ?Das mag wie eine Sonntagsrede klingen, ist mir aber ein erstes Anliegen?, sagt Plattner.Wie ernst, das zeigt ein anderes seiner Projekte: Mit einer kleinen Truppe von Mitarbeitern im amerikanischen Palo Alto arbeitet er an neuen Wegen der Software-Entwicklung. Das Ziel: Der Bau von Software-Prototypen, die wie in der Automobilindustrie in einem früheren Stadium als bisher dem Praxistest unterzogen werden.Dass er seine Stiftertätigkeit stark auf Deutschland konzentriert, empfindet Plattner als ?patriotische Pflicht?. Sicher, in anderen Ländern seien die Bedingungen, etwa bei der Steuerpflicht für Stiftungen günstiger, der Einsatz der finanziellen Mittel vielleicht effizienter. ?Deutschland wird künftig aber kein Produktionsland mehr sein. Deshalb dürfen wir beim Thema IT nicht den Anschluss verpassen?, mahnt er und ergänzt: ?Nur dann sind Erfolgsgeschichten wie die der SAP möglich.?
Vita: Hasso Plattner1944 wird er am 21. Januar in Berlin geboren.
1968 beendet er sein Nachrichtentechnikstudium an der TH Karlsruhe. Seine erste Stelle findet er bei IBM Deutschland.
1972 gründet er mit vier Mitstreitern das Software-Unternehmen ?Systemanalyse und Programmentwicklung? ? oder kurz SAP.
1973 kommt das Finanzbuchhaltungssystem RF auf den Markt ? die Basis für den Unternehmenserfolg.
1997 wird er Vorstandssprecher zusammen mit Dietmar Hopp. Ein Jahr später geht Hopp in den Aufsichtsrat, ihm folgt Henning Kagermann.
1998 startet er das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.
2003 wechselt auch Plattner in den Aufsichtsrat von SAP.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.11.2004