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Midas von Jamaika

Von Anke Pedersen
Trotz Hurrikan ?Dean?: Gordon Stewart unternimmt einen zweiten Anlauf, um deutsche und andere europäische Kunden in seine karibischen Luxusresorts zu locken.
HB JAMAIKA. Es gibt eben Glückskinder auf dieser Welt ? und Gordon Stewart zählt wohl dazu. Während die halbe Karibik unter den Folgen von Hurrikan ?Dean? zu leiden hat, bleiben die zwei Dutzend Hotels des Gründers und Chairmans der Sandals & Beaches Resorts verschont. ?Keine Schäden?, freut sich Stewart, der mit mehr als 10 000 Mitarbeitern die größte All-inclusive-Hotelkette der Karibik betreibt.Doch er weiß auch, dass Glück ein launischer Geselle ist, auf den sich selbst erfolgsverwöhnte Unternehmer nicht immer verlassen können. Denn auf dem deutschen Markt war Stewart bisher wenig erfolgreich: So scheiterte der Jamaikaner Ende der 90er-Jahre in Europa mit seinem Konzept der ?Ultra-all-inclusive-Hotellerie?, weil es ausschließlich auf die Bedürfnisse seiner US-Klientel ausgerichtet war.

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Dort war zwar vom Wein über den Segelkurs bis hin zum Trinkgeld alles im Preis garantiert, aber Deutsche und andere Europäer mieden das Angebot, zweifelten an der gebotenen Qualität des Angebots. Außerdem spürte er, als nach den Terroranschlägen in den USA viele Touristen ausblieben, die Abhängigkeit vom amerikanischen Markt.So hat Stewart den deutschen und europäischen Markt erneut ins Visier genommen. Er variiert das All-inclusive-Konzept, investiert Millionen US-Dollar und trimmt seine 19 jeweils auf Paare (Sandals) oder Familien (Beaches) spezialisierten Resorts auf Jamaika, Santa Lucia, Antigua, Turks & Caicos und den Bahamas gezielt auf Qualität: Er eröffnet Gourmet-Restaurants mit hochqualifizierten Weinkellern, greift den Wellnesstrend auf und etabliert karibisch-europäische Spas. Er erhöht die Zahl der Suiten, führt Butler-Services ein und erweitert das Resort-Konzept um eine dritte Marke: Boutiquehotels für gut betuchte Kunden.Zum Erstaunen aller All-inclusive-Gegner mit Erfolg: Inzwischen ist etwa das Royal Plantation auf Jamaika Mitglied bei der luxuriösen Vereinigung Small Leading Hotels of the World. Geplant sind drei weitere Häuser im gleichen Stil. ?Unsere Hotels sind alle anders?, ärgern Stewart die stets wiederkehrenden Vorurteile, ?das ist keine Cookie-Cutter-Operation.? Dafür reinvestiert er jedes Jahr ?rund 20 bis 25 Prozent vom Umsatz?. Und der Umsatz ist nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr zweistellig gewachsen.Mit derartigen Zahlen gilt Stewart bereits seit Jahren als der erfolgreichste Unternehmer Jamaikas. Und der 66-Jährige mit dem pausbäckigen Lausbubengesicht lässt es sich auch privat gutgehen. ?Ich liebe Essen?, grinst er mit Blick auf seinen stattlichen Bauch. Und auch sonst hat er alles, was man gemeinhin mit einem guten Leben verbindet: sieben Kinder, ?zwei Ehefrauen und andere Ladys?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Welche neue Kundengruppe Stewart neben Urlaubern längst entdeckt hatDoch das Alter geht auch an dem Unternehmer, der seit seiner Kindheit nur ?Butch? ? nach dem dicken Jungen aus einem Comic ? genannt wird, nicht spurlos vorbei. Erst kürzlich beförderte er seinen Sohn Adam zum Chief Executive Officer (CEO) der Sandals Resorts International (SRI), des operativen Herzstücks seines karibischen Hotelimperiums. Aber vom Rückzug aufs Altenteil will ?Butch? nichts wissen. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Sandals & Beaches Resorts behält er die Fäden nach wie vor in der Hand. Der Aufstieg Adams in der Führungshierarchie ist dennoch klar die frühzeitige Regelung der eigenen Nachfolge.Aber der 27-jährige Sohn Adam wird es nicht leicht haben, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Die Erwartungen des Seniors sind hoch. ?Unter seiner Leitung beginnt jetzt eine neue Ära?, erwartet der Hotelgründer vom Junior. ?Er wird die Entwicklung der Resorts vorantreiben und dafür sorgen, dass das Unternehmen weiter wächst.?Stewart hat neben Urlaubern längst eine neue Kundengruppe entdeckt. Er treibt parallel den Ausbau auch von Tagungs- und Konferenzeinrichtungen voran. Allein das ?Fred Kassner Convention Center? im Royal Bahamian auf den Bahamas zählt mit 800 Quadratmetern Fläche zu den größten Einrichtungen seiner Art in der Karibik. Verknüpft mit dem von ihm erfundenen und patentierten Ultra-all-inclusive-Versprechen, hat er damit Konzerne wie BMW, Coca-Cola, Peugeot, Honda und die Incentive-Agentur Martiz in die Karibik locken können. Mit dem Argument ?Planungssicherheit bei der Kostenkalkulation? will Stewart nun auch MICE-Kunden (Meetings, Incentives, Conferences, Events) in Deutschland von den Vorzügen seines Ultra-all-inclusive-Konzepts überzeugen.Nach seinem Selbstverständnis ist ?Butch? allerdings weniger Hotelier als vielmehr Klimaanlagenproduzent, Betreiber einer Fluglinie, Verleger und so weiter. Denn er hat innerhalb von 26 Jahren nicht nur die große Hotelkette aufgebaut. Stewart ist auch Chef der von ihm gegründeten ATL-Holding ? des größten Privatunternehmens auf Jamaika. Die 22 Firmen unter dem ATL-Dach ? vom ?The Jamaica Observer? bis zur Caribbean Brake Products Ltd. ? erwirtschaften die meisten Devisen der Insel und sind nach der Regierung der wichtigste Arbeitgeber im Land.Stolz verweist Stewart darauf, dass er seine Geschäfte bereits ?mit 26 2/3? begonnen hat. Damals steigt er in die Klimaanlagen-Branche ein und gründet 1968 mit nur 3 200 US-Dollar Startkapital die Appliance Traders Ltd. (ATL). ?Ich habe mir Marathonschuhe angezogen und nicht aufgehört zu laufen. Es war alles so aufregend. Du hattest keine Zeit zu schlafen. Stehst früh auf, wartest auf die Sonne, und abends arbeitest du immer noch.?Er sei wie der sagenhafte König Midas, nuschelt er im schwer verständlichen Mix aus Englisch und Jamaikanisch: ?Wenn ich dich anfasse, bist du schwanger.? So legt er 1981 mit einem heruntergewirtschafteten Hotel am Strand von Montego Bay die Basis für seine Touristikgruppe. 1994 steigt er als Chairman und Anteilseigner bei der staatlichen Air Jamaica ein und trägt wesentlich zu ihrer Sanierung bei. Aber im Jahr 2005 hat er genug vom Staatseinfluss: ?Politische Partner sind unmögliche Partner!? schimpft er heute.Nicht nur dem britischen Milliardär Richard Branson gilt Stewart daher als ?eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Reisebranche?. Im Vorwort zur ?Chronik eines jamaikanischen Entrepreneurs? (2006) würdigt der Virgin-Gründer seinen langjährigen Freund als ?Maverick?, als Nonkonformisten. Und die Universität der West Indies hat Stewart die Ehrendoktorwürde verliehen: als Auszeichnung für seine ?Pionierleistungen als Unternehmer und insbesondere für seinen Beitrag zur Entwicklung der Tourismusbranche?.Dazu gehört auch die ?Blue Chip Hurricane Guarantee?: Im Falle eines Wirbelsturms erhält jeder Urlauber im Stewart-Imperium einen kostenlosen Ersatzurlaub ? ein kleiner Trost für die Schrecken der Natur.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Gordon StewartVita von Gordon Stewart
1941 Er wird in Kingston auf Jamaika geboren und studiert in England.1968 Stewart gründet mit 3 200 US-Dollar die Appliance Traders Ltd. (ATL) zum Vertrieb von Klimaanlagen (heute: ATL-Holding).1981 Er eröffnet das ?Sandals Montego Bay?, das Flaggschiff der Sandals Ressorts International.1992 Stewart gründet den ?Jamaica Observer?, ein national verbreitetes Wochenmagazin mit einer Auflage von heute 55 000 Exemplaren.1994 Er saniert als Chairman und Anteilseigner die ?Air Jamaica?. Dann gibt er seine Anteile an die Regierung zurück.1997 Er gründet die auf Familien ausgerichteten Beaches Resorts. 2001 Die Universität der Westindischen Inseln verleiht ihm die Ehrendoktorwürde für seine Pionierleistungen als Unternehmer.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.08.2007