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Michael Frenzel - der Manager als Hamster

Tui-Chef Michael Frenzel hat in nur sechs Jahren eine erstaunliche Entwicklung hingelegt: Vom strahlenden Manager des Jahres 2000 verwandelte er sich zu einem erfolglos rennenden ?Hamster? im Rädchen. So jedenfalls sieht sich der 59-Jährige selbst, nachdem er einmal mehr Jobkürzungen und Gewinnsenkungen verkünden musste.
HB HAMBURG. ?Wir kommen uns vor wie ein Hamster, der im Käfig rennt und immer wieder gegen den Margenverfall stößt?, sagte er in Hamburg, immer noch grau im Gesicht nach einer kurzen Nacht. Bis gegen 23 Uhr hatte er am Abend vorher dem Aufsichtsrat erklärt, wie er den kriselnden Konzern wieder in Fahrt bringen will.Doch außer Stellenstreichungen und Hoffnung auf bessere Zeiten hatte Frenzel nicht viel zu bieten, als er die Ergebnisse am Freitag in der vornehmen Hamburger Konzernzentrale der Tochter Hapag-Lloyd vorstellte. Sein Hauptproblem: Gleichzeitig brechen der TUI beide Säulen des Geschäftes weg, Touristik und Schifffahrt.

Die besten Jobs von allen

In der Touristik läuft der Trend zur Buchung übers Internet laut Frenzel viel schneller als erwartet. TUI vertreibt dagegen seine Reisen immer noch hauptsächlich über Reisebüros. In der Schifffahrt muss Hapag-Lloyd nicht nur hohe Treibstoffpreise und einen Preisverfall wegstecken, sondern auch Integrationskosten in Höhe von 110 Millionen für die übernommene CP Ships. Die mit Milliardenaufwand ausgebaute Schifffahrtssparte schreibt 2006 rote Zahlen. Aber auch der gesamte Konzern könnte 2006 in die Verlustzone rutschen. ?Wir wollen das Jahr 2006 nutzen, um sauber zu machen, was uns nach vorn hin belastet?, sagte der Topmanager.Das heißt: Er will möglichste viele Sanierungskosten in das Jahr 2006 buchen, damit die TUI-Bilanz 2007 wieder glänzen kann. So will Frenzel 140 Millionen Euro Sanierungskosten in die Bilanz 2006 stecken, aber auch zusätzlichen Abschreibungsbedarf auf den Markenwert, den ein Analyst schon auf 500 Millionen Euro bezifferte. In den ersten drei Quartalen 2006 hatte der Konzern erst einen Gewinn von 247 Millionen Euro eingefahren.Warum die Fixierung auf bessere Zahlen im nächsten Jahr? 2007 ist wohl die letzte von Frenzel präsentierte Bilanz, denn sein Vertrag läuft Ende 2008 aus.Damit 2007 also wieder leuchtet, hat der Aufsichtsrat einstimmig Frenzels Sanierungsplan abgenickt: Der Konzern streicht 3 600 Jobs, verkauft Immobilien und Schiffe für eine Milliarde Euro, schraubt die Gewinnprognose kräftig zurück und streicht die Dividende. Die Flugzeugflotte soll langfristig in eine neue Leasinggesellschaft ausgelagert werden, für die Investoren gesucht werden. 250 Millionen Euro will der Konzern so insgesamt sparen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Frenzel setzt auf Schiffe und Betten Aber auch Frenzel merkt, dass Sparen allein kein Zukunftskonzept ist: Er will in zwei wachsende Märkte einsteigen. Tui beteiligt sich für 300 Millionen Euro bis 2010 an der Marke Aida des US-Kreuzfahrtriesen Carnival Cruises. Tui soll die Reisen der bisher vier Aida-Schiffe in Deutschland verkaufen; ab 2010 wird es dann ein eigenes Tui-Schiff mit 3 000 Betten geben.Außerdem stockt Tui seine Bettenkapazität um 20 000 auf 184 000 auf. 26 neue Hotels sollen entstehen, auch in Deutschland. Der Hotelbereich ist der größte Gewinnbringer der Tui-Touristik.Bei den Fluggesellschaften will Tui alle seine Fluglinien zu der Marke TUIfly zusammenführen. Zunächst sollen die deutschen Fluglinien HLX und HLF zusammengehen, ab 2008 auch die anderen europäischen Flugtöchter.Frenzel will zudem den Online-Vertrieb ausbauen und den Umsatzanteil des Internetgeschäfts von jetzt 18 Prozent auf 25 Prozent in drei Jahren steigern. Auch fremde Anbieter sollen in Zukunft über die Tui-Internetplattformen vertrieben werden.Frenzels neue Strategie muss schnell greifen, denn von den Reisemärkten kann er sich im Moment keinen Rückenwind erhoffen. Zwar liegen die Winterbuchungen im Umsatz 7 Prozent über dem Vorjahr, aber in Großbritannien geht der Einbruch weiter. Und in der Schifffahrt erwartet Tui erst in der zweiten Hälfte 2007 wieder höhere Preise und damit steigende Erträge.Wenn Frenzels Pläne nicht aufgehen, wird er dann Ende 2008 wohl weder als Manager des Jahres noch als Hamster in den Ruhestand gehen, sondern als gescheiterter Konzernchef.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.12.2006