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Meuterei der Kapitäne

Peter Nederstigt
Foto: Marc Schlüter/Eventlabs
Im Sog des New-Economy-Booms entwickelten sich viele Gründertreffpunkte zu Plauderpartys. Etablierte Jungunternehmer zogen sich enttäuscht in eigene Netzwerke zurück. Nun besinnen sich auch die Pioniere wieder auf ihre alten Ziele.
Die warme Luft trägt kühle Jazz-Klänge aus dem Bauch der Cap San Diego zum Oberdeck des alten Lastenkahns und schlägt sich auf der Brille des spätabendlichen Besuchers nieder. Zusammen mit einem Kollegen trabt er die steile Eisentreppe hinab. "Sorry, wir waren bis eben in einem Meeting", entschuldigen sie sich bei Uwe Jens Neumann, der ihnen mit den Tageseinnahmen entgegenkommt. "Haben wir etwas verpasst?" Neumann hält kurz inne: "Nö - nur 1.300 Besucher." Neuer Rekord bei den Hamburger Online-Kapitänen.

Zwei Stunden vorher, gegen 21 Uhr, steht Oberkapitän Neumann am Grund des Laderaums und ruft den traditionellen Eröffnungsgruß in sein Kopfmikrofon: "Ahoi, Online-Kapitäne." Von den drei Ladedecks prasselt ein "Ahoi, Online-Kapitäne" auf ihn herab. In der nächsten Stunde reicht Neumann das Mikrofon von einem Sponsor zum nächsten.

Die besten Jobs von allen


Der schwedische Botschafter Matts Helström, Hauptsponsor des Abends, konkurriert mit dem schwedischen Büffet, das noch hinter verschlossenen Türen wartet. "Langsam ist es genug", entfährt es Thorsten Appel, dem Gründer des Hamburger Informationsportals Clickfish.com.

Freigetränke und Buffet

Appel ist seit Mitte 1999 regelmäßiger Gast bei den Online-Kapitänen. "Über das Boot hat man die wichtigen Leute kennen gelernt", erzählt er. "Aber das stimmte damals mehr als heute." Denn die Online-Kapitäne sind längst nicht mehr der intime Gründerkreis, der sich früher etwa alle drei Monate in der Offiziersmesse der Cap San Diego traf.

Im Dezember 1995 enterten zum ersten Mal 25 Gründer aus der Hamburger Multimedia-Szene das Museumsschiff im Hamburger Hafen. Doch seit Juli 1999 ist die Besucherzahl von 450 auf 1.300 gestiegen. Damals öffnete die Initiative Hamburg Newmedia@work - ein Zusammenschluss der Wirtschaftsbehörde, der Hamburgischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (HWF) und des Förderkreises Multimedia - das Ladedeck 3 und verschaffte mit der Hamburg Newmedia.card jedem Zutritt, der gewillt ist, jährlich 150 Euro für Freigetränke und Buffet zu zahlen.

Mehr Afterwork als Network

Auch jetzt treffe man noch immer fünf bis sechs interessante Leute pro Abend, meint Joachim Diercks, Vorstandschef der Cyquest AG, die Nutzerdaten über das Internet sammelt. "Aber die Begegnungen finden etwas zufälliger als früher statt." Und Appel moniert: "Es ist zu weit über die Multimediabranche hinaus ausgeufert - das ist das Traurige."

Den Eindruck hat auch Uwe Jens Neumann. "Die Online-Kapitäne sind heute mehr Afterwork als Network", gesteht der HWF-Geschäftsführer später beim Bier in Ladedeck 2, das an diesem Abend erstmals für ruhige Gespräche und Präsentationen der Sponsoren genutzt werden kann.

Party überm Parlament

Während auf der Bühne die Schwedin Aino Löwenmark melancholischen Jazz ins Mikrofon haucht, schlägt Neumann als Hauptorganisator der Online-Kapitäne durchaus selbstkritische Töne an. "Wir freuen uns über den großen Erfolg, aber die Veranstaltung deckt unsere eigene Zielgruppe mittlerweile nicht mehr ab."

Immerhin übertreffen die Online-Kapitäne an Besuchern in Deutschland selbst das berühmteste Gründernetzwerk, den First Tuesday. Seit 1998 treffen sich jeweils am ersten Dienstag im Monat Gründer, Kapitalgeber und Berater in lockerer Atmosphäre - mittlerweile in rund 120 Städten auf der ganzen Welt.

Im Sommer 2000 lockte der First Tuesday Berlin, der größte der zehn deutschen Ableger, rund 1.200 Besucher in die Reichstagskuppel. Axel Berg, Geschäftsführer des deutschen Dachverbands First Tuesday GmbH und bis Dezember Organisator des Berliner First Tuesday, gibt zu, dass die ausgefallenen Standorte und die lockere Partystimmung, zum Zulauf beitragen.

Vorsicht vor Krawattenträgern

Im Gegensatz zu manchen Kritikern betrachtet er die Partykomponente als "notwendig und sinnvoll, weil sie jungen Gründern den informellen Zugang zu Geldgebern und Gründern gewährt". Für das Konzept spreche, dass immer noch rund 50 Prozent der Berliner Gäste Gründer seien. Eine Zahl, die Max Moldenhauer für unrealistisch hält. Im Februar 2000, einen Monat nach der Gründung des Berliner First Tuesday, war der Mitgründer des Telekommunikationsunternehmens project49 zum ersten Mal bei dem Treffen. Sein Eindruck: "Die Anzahl wirklicher Unternehmer geht zurück. Stattdessen steht man in einer großen Gruppe von Beratern."

Auch Axel von dem Bussche, Organisator des First Tuesday Rheinland, warnt: "Man muss aufpassen, dass es nicht zu beraterlastig wird." Denn gelbe Punkte auf dem Namensschild und Krawatten, Erkennungszeichen der Berater, sind für Gründer ein rotes Tuch. "Es kostet viel Energie, sich die vom Hals zu halten", sagt Patrick Setzer.

Der Vorstand des Dienstleistungsvermittlers Yellout AG hatte bei der Premiere des First Tuesday Berlin seinen Finanzvorstand und später seinen Kapitalgeber kennen gelernt. Nach längerer Pause war er im Januar noch einmal dort - und war enttäuscht. Setzer ist kein Einzelfall. "Etwas fortgeschrittenere Unternehmer gehen da nicht mehr hin", sagt Christopher Schering, Chef von Kindercampus.de, einer Internet-Seite für Kinder. Und project49-Mitgründer Christian Weiss glaubt zu wissen, warum: "Es bringt mehr, abends in der Firma zu arbeiten, als beim First Tuesday Sekt zu trinken."

Gründer unter sich

Mit dem Silicon City Club haben sich etablierte Berliner Jungunternehmer schon 1999 ihr eigenes kleines, aber feines Netzwerk geschaffen. Der Verein unterhält mittlerweile Filialen in fünf deutschen Städten und hat rund 150 Mitglieder. "Wir haben den Club bewusst klein und elitär gehalten", sagt Christopher Schering, Sprecher in Berlin. Bei den regelmäßigen Treffen solle der Erfahrungsaustausch unter Gründern im Vordergrund stehen. Dienstleister haben keinen Zutritt.

Ebenfalls im kleinen Kreis treffen sich die Mitglieder des European Net Economy Forum (Enef). Der Interessenverband wurde im Juli 2000 von 15 deutschen Startups ins Leben gerufen. Zu den monatlichen Treffen, die abwechselnd in fünf deutschen Städten stattfinden, kommen 25 bis 50 Gäste. "Meist Gründer", sagt Yellout-Vorstand Setzer, der auch Geschäftsführer des Enef ist. "Hier soll der Austausch stattfinden, den man früher beim First Tuesday suchte."

Konkurrenz von allen Seiten

Zusätzliche Konkurrenz erwächst von Veranstaltern, die ein ähnliches Konzept wie der First Tuesday verfolgen. Mit Venturecity kam der Münchener Förderkreis Neue Technologien (FNT) im Mai 2000 dem Wunsch einiger Mitglieder nach, zusätzlich zum Businessplan-Wettbewerb und dem Business-Angel-Netzwerk "einmal im Monat eine lose Plattform mit anderer Atmosphäre zu bieten". So beschreibt FNT-Geschäftsführer Curt Winnen das Konzept der Veranstaltung.

Am zweiten Dienstag im Monat präsentieren drei vorher ausgewählte Unternehmen im rustikalen "Schlachthof" ihr Konzept vor potenziellen Investoren. Danach ist lockeres Plaudern angesagt. "Wir haben es auch einmal mit einem Zusatzprogramm versucht, aber das war nicht erwünscht", sagt Winnen.

Norden kopiert Süden

Der FNT war Vorbild für den Förderkreis Digitale Wirtschaft, den die Investitionsbank Schleswig-Holstein, die Technologie-Transfer-Zentrale Schleswig-Holstein und die Techno Nord Venture Capital vor kurzem gegründet haben. Zur zweiten Auflage seines Community-Treffs für junge Technologie-Unternehmen in Kiel kamen im Februar fast 600 Besucher.

Das Konzept auch hier: "Wir wollen Gründer, Kapitalgeber und Dienstleister informell zusammenführen", so Werner Kässens, der stellvertretende Vorsitzende des Förderkreises. Wer gezielt Kontakte sucht, findet mit Hilfe von SMS und so genannten Scouts den gewünschten Gesprächspartner. "Allerdings wurde das SMS-gesteuerte Matching noch nicht so richtig angenommen", sagt Kässens.

Rollendes Kontaktforum

Auch die Veranstalter des Accelerate Network, des Gründertreffpunkts für Thüringen und Sachsen, wollen den knapp 200 Besuchern neben dem spontanen Beschnuppern eine gezielte Kontaktaufnahme ermöglichen. "Beim zweiten Treffen im Januar in Jena konnten sich Jungunternehmer von einem Shuttle-Bus abholen lassen und schon dort Kontakte knüpfen", berichtet Mitinitiator Lars Hanf. Zusätzlich stehen bei den Veranstaltungen Gründer-Workshops auf dem Programm.

Seinen Ruf will auch der First Tuesday wieder aufpolieren. Im Februar kauften die Netreps - die zehn Repräsentanten der 120 weltweiten Netzwerke - First Tuesday für eine Million Dollar dem israelischen Investor Yazam ab. Der hatte die Marke vor einem Jahr für 50 Millionen Dollar erworben.

Alle unter einem Dach

Die zehn deutschen First-Tuesday-Netzwerke planen gerade die Gründung der First Tuesday German Organizers Net AG (FT Go Net). Sie soll nach Worten von Netrep Axel Berg "Ansprechpartner für nationale Sponsoringpartner und Pressevertreter sowie Servicedienstleister für die lokalen Netzwerke" werden. Für Berg sieht der ideale First Tuesday in Zukunft so aus: "Man weiß, wer kommt, und es gibt separate Räume für Gespräche."

Auch Hamburg Newmedia@work will zurück zum alten Geist der Online-Kapitäne und hat dazu eine zusätzliche Veranstaltung initiiert. "Am 10. Mai findet im amerikanischen Generalkonsulat die erste CxO-Lounge statt", berichtet Uwe Jens Neumann. Dort sollen sich die CEOs, die CFOs und andere Vorstände aus der Old und New Economy treffen.

Und einige der alten Online-Kapitäne haben selbst eine ähnliche Initiative ins Leben gerufen. Der so genannte Pink Talk soll ebenfalls im Frühjahr seine Premiere erleben, berichtet Clickfish-Gründer Appel. Eingespannt wurde er dafür - na, wo wohl? - auf der Cap San Diego.

Wer. Was. Wo.

Accelerate-Network: Etwa alle drei Monate treffen sich in Thüringen und Sachsen knapp 200 Gründer, Kapitalgeber und Berater. Für die Workshops ist eine Anmeldung nötig.

Internet: www.accelerate-network.de

Community-Treff Schleswig-Holstein: ”Für 20 Mark Eintritt finden norddeutsche Gründer der High-Tech-Branche hier einen Anlaufpunkt. Wer gezielte Kontakte sucht, meldet sich vorher an.

Internet: www.community-treff-sh.de

European Net Economy Forum: Der Interessenverband bietet Mitgliedern regelmäßige Informationsveranstaltungen in fünf deutschen Städten an.

Internet: www.enef.org

First Tuesday: Jeweils am ersten Dienstag im Monat treffen sich bei den zehn deutschen Ablegern des weltweiten Gründernetzwerks zwischen 50 und 1.000 Besucher.

Internet: www.firsttuesday.de

Hamburger Online-Kapitäne: Alle drei Monate stürmen rund 1.200 Inhaber der Hamburg Newmedia.card die Cap San Diego.

Internet: www.hamburg-newmedia.net/club

Silicon City Club: Die Aufnahmebedingungen sind hart: Persönliche Empfehlung von mindestens zwei Mitgliedern, Finanzierung durch Wagniskapital und die Aussicht auf die Marktführerschaft. Für 1.000 Mark Jahresbeitrag können Mitglieder die regelmäßigen Veranstaltungen besuchen.
www.silicon-city.de

Venturecity: Am zweiten Mittwoch im Monat präsentieren sich im Münchener ?Schlachthof“ vor 300 Besuchern drei Unternehmen. Gäste zahlen 30 Mark Eintritt.

www.fntev.de/venturecity/index.html

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Dieser Artikel ist erschienen am 19.04.2001