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Merckle investiert in Straftäter

Tino Andresen
Die Merckle-Gruppe ist eines der größten deutschen Familienunternehmen. Während seine Brüder dort Verantwortung übernommen haben, wählte Tobias Merckle seinen eigenen Weg. Im Mittelpunkt stehen straffällige Jugendliche. Jetzt möchte der 37-jährige Sozialpädagoge expandieren.
Christliche Werte werden im Seehaus vermittelt, einer Einrichtung für den freien Jugenstrafvollzug. Foto: Prisma
LEONBERG. Tobias Merckle kommt um kurz vor sieben auf Strümpfen zur Tür, öffnet sie und bietet einen Platz am Frühstückstisch an. Dort stehen Kaffee, Milch, Müsli und Kuchen. Er isst gemeinsam mit den jugendlichen Straftätern Mathias und Patrick. Die drei sind seit dem Frühsport um 5.45 Uhr auf den Beinen. Im Stockdunkeln waren sie im Wald zum Joggen. Der Tagesablauf im Seehaus in Leonberg bei Stuttgart ist streng geregelt. Viele der Straffälligen kennen solch klare Strukturen wie in der Einrichtung des freien Strafvollzugs aus ihrer Vergangenheit nicht. Derzeit leben sieben Jugendliche im Alter zwischen 16 und 21 Jahren in zwei Wohngemeinschaften jeweils zusammen mit einem Ehepaar, den so genannten Hauseltern. Das gibt den jungen Delinquenten Geborgenheit. Es existieren keine Gitter, Schranken oder Videoüberwachung.Um 7.15 Uhr ist die Mahlzeit beendet. Die Jugendlichen müssen aufräumen und putzen. Patrick klopft ?Tobias?, den er und alle anderen duzen, beim Aufstehen herzhaft auf den Rücken. ?Ich gehe nicht mehr in den Knast?, sagt der 19-Jährige ungefragt. Seit drei Monaten ist er im Seehaus. Wer Sexualdelikte, Mord oder Totschlag begangen hat, für den ist dort kein Platz. Ansonsten kann sich jeder Jugendliche aus dem Gefängnis bewerben. ?Wichtig ist uns, dass er sich wirklich verändern will und mindestens ein Jahr bleibt?, sagt Merckle.

Die besten Jobs von allen

Beim morgendlichen ?Impuls für den Tag? versammeln sich um acht Uhr die Straffälligen, die zwölf haupt- und etliche ehrenamtliche Seehaus-Mitarbeiter. Anschließend renovieren einige der Jugendlichen bis um 17.15 Uhr den alten Gutshof auf dem Seehaus-Gelände, in dem bis Mai eine dritte Straffälligen-WG eröffnet werden soll. Die anderen fällen im Auftrag der Gemeinde Bäume auf einem benachbarten Grundstück. Merckle arbeitet im Büro am Computer. Mittags isst er mit den Delinquenten ein Pausenbrot, später gemeinsam mit ihnen zu Abend. Er wohnt Tür an Tür mit den Jugendlichen und verbringt auch die Wochenenden mit ihnen.Die vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) im Landtagswahlkampf entfachte Debatte um straffällige Jugendliche hat Merckle als ?sehr überhitzt? empfunden, viele Forderungen waren aus seiner Sicht überzogen. Der 37-Jährige mit den dunklen Haaren und dem jungenhaften Gesicht befürwortet aber den Ansatz, ?schnell und konsequent zu reagieren?, zum Beispiel indem ein Jugendlicher, der Kaugummis gestohlen hat, dem Ladenbesitzer den Hof kehren muss. Viel wichtiger als kriminelle Jugendliche hart zu bestrafen, findet es Merckle, zu überlegen, ?was wir tun können, damit sie gar nicht erst abgleiten?. Seine Aufgabe sieht er darin, ?denen zu helfen, die aus der Gesellschaft geflogen sind?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Thema Verantwortung wurde Merckle von den Eltern mitgegeben Beim ?Impuls für den Tag? ging es heute um die Christen als das Salz der Erde. ?Wir sind berufen, Verantwortung zu übernehmen?, deutet Tobias Merckle das Gleichnis. Von sich sagt er: ?Ich möchte christliche Werte vorleben und vermitteln, damit die Jugendlichen entscheiden können, ob das etwas für sie ist.? Das Thema Verantwortung wurde ihm und seinen drei Geschwistern von Vater Adolf und Mutter Ruth mitgegeben. Seine beiden älteren Brüder Ludwig und Daniel Philipp haben Verantwortung in der Merckle-Unternehmensgruppe übernommen, die zu den größten deutschen Familienunternehmen zählt. Zu ihr gehören unter anderem das Pharmaunternehmen Ratiopharm sowie der Arzneimittelgroßhändler Phoenix und sie ist etwa an Heidelberg Cement oder am Pistenbully-Hersteller Kässbohrer beteiligt. Tobias Merckle hat einen anderen, seinen eigenen Weg gewählt.
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Nach dem Abitur leistet er ein soziales Jahr im US-Strafvollzug und kommt zu dem Schluss: ?Was das für den Einzelnen und die Gesellschaft bedeutet, das kann?s nicht sein. Das muss man verändern.? Ihm ist bewusst, dass ?man? nicht irgendjemand ist, im Zweifelsfall keiner. Er hat seine Berufung entdeckt. Merckle entschließt sich Sozialpädagogik zu studieren. Wie das bei den Eltern ankommt? ?Ihr Wunsch war ein anderer, aber es wurde akzeptiert und voll unterstützt.? Wenn es um seine Familie und um ihn geht, fallen seine Antworten kurz aus. Viel lieber spricht er über das, worauf er sich 13 Jahre lang vorbereitet hat und was im November 2003 Wirklichkeit geworden ist: das Seehaus.Während des Studiums arbeitet er immer wieder in Gefängnissen, in einer Einrichtung für Drogenabhängige und sieht sich international Projekte an, eines davon in Brasilien. Das Gefängnis war wegen Brutalität geschlossen worden, ?und das will dort etwas heißen?. Ehrenamtliche haben es übernommen und zu einem Zentrum entwickelt, in dem auch freie Formen des Strafvollzugs ihren Platz haben. ?Ein freundlicher Mann öffnet mir und führt mich herum.? Er hat einen Schlüssel für die Außentür und Merckle staunt nicht schlecht, als er später erfährt, dass sein Gegenüber zu 132 Jahren Haft verurteilt ist. Der Sozialpädagoge hat ein Modell für das Seehaus gefunden. Weil er aus seinem Elternhaus viel Unternehmertum mitbringt, weiß er, wie wichtig gute Strukturen sind.?Je größer und geschlossener eine Anstalt, desto stärker ist die negative Subkultur?, hat Merckle beobachtet. Im Seehaus will er das durch eine positive Gruppenkultur ersetzen. Jugendliche haben Kontakt mit Gleichaltrigen und übernehmen nicht nur für sich Verantwortung, sondern auch füreinander. Sie leben in einer Ersatzfamilie. Die einen Hauseltern haben zwei kleine Kinder, in der anderen WG wird im April Nachwuchs erwartet. Die Straffälligen können im Seehaus das erste Lehrjahr für Bauberufe absolvieren. An zwei Tagen pro Woche werden sie unterrichtet und können ihren Hauptschulabschluss nachholen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Wir versuchen den Alltag darzustellen.? Besonders wichtig ist Merckle Kontakt zur Außenwelt und deren Einbeziehung. ?Wir versuchen den Alltag darzustellen.? Auch deshalb setzt er sehr auf das Engagement Ehrenamtlicher. So nutzt ein Maurermeister die Freiheit als Rentner um jede Woche an mehreren Vormittagen mit den Jugendlichen zu arbeiten. ?Ich hätte genauso auf die schiefe Bahn kommen können?, sagt er. Jeder Straffällige im Seehaus, der möchte, und das sind die meisten, bekommt zudem ?draußen? einen Paten. Der ist auch nach der Entlassung für ihn da.Um die Jugendlichen möglichst gut auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorzubereiten, setzt Merckle auf das Motto Fordern und Fördern. Schon beim Frühsport werden die Straffälligen von Betreuern bewertet und das setzt sich den ganzen Tag hindurch fort. ?Die Jugendlichen können etwas.? Es gehöre einiges dazu, 40 Autos zu knacken oder eine Clique anzuführen. ?Wir müssen sie ermutigen, ihre Gaben auszupacken und positiv einzusetzen.? Dadurch steige ihr Selbstbewusstsein. Dennoch gibt es auch Rückschläge. ?Dann ist es wichtig, den Jungs wieder aufzuhelfen, wenn sie die Hilfe annehmen wollen?, sagt Merckle.Thomas, der mit zwei anderen Jugendlichen und einem Mitarbeiter Bäume fällt, lebt seit Anfang Dezember im Seehaus. Ihm ging es anfangs wie Sven, der erst seit dreieinhalb Wochen da ist. Die Umstellung gegenüber dem Gefängnis ist gewaltig. ?Die ersten Tage sind die anstrengendsten, da musste ich nur putzen?, berichtet Sven. Was die Jugendlichen motiviert, bringt Thomas auf den Punkt: ?Man kann hier etwas erreichen, wenn man sich anstrengt.? Wer sich an die Regeln hält und gute Bewertungen bekommt, wird mit Privilegien belohnt. Anfangs dürfen die Jugendlichen sich nur zusammen mit einem Mitarbeiter auf dem Gelände bewegen. Thomas ist im Phasensystem schon weiter. Er darf begleitet von Andreas unterwegs sein.Thomas hofft, bald die nächste Stufe zu erreichen, weil ihn dann seine Freundin für einige Stunden besuchen darf oder er die Möglichkeit zu einem Betriebspraktikum hat. Andreas, der wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt ist und seit vier Monaten im Seehaus lebt, könnte womöglich noch während seiner Zeit auf dem Gutshof eine Lehre als Kfz-Mechaniker bei Daimler beginnen, wenn seine Bewerbung Erfolg hat. ?Das wäre das Beste, was ich aus der Haftzeit machen könnte.? Inzwischen bieten mehrere Unternehmen den Delinquenten Ausbildungsplätze an. ?Es spricht sich herum, dass unsere Jungs gut vorbereitet sind?, sagt Merckle nicht ohne Stolz.Eine Lehrstelle erleichtert den schwierigen Übergang in die Freiheit. Wenn der Tag nicht mehr von morgens bis zur Bettruhe um 22 Uhr durchgeplant ist und die Jugendlichen mehr als nur zweimal 15 Minuten Zeit für sich haben, bringt das viele Versuchungen mit sich, nicht nur Alkohol und Drogen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vielen ist es im Seehaus zu stressig16 Jugendliche haben die Zeit im Seehaus erfolgreich beendet und sind in die Freiheit entlassen worden. Zwei davon haben kürzlich eine Ausbildung abgeschlossen und sind übernommen worden, zwei sind rückfällig geworden und sitzen wieder in Adelsheim. Zehn Straffällige sind direkt vom Seehaus ins Gefängnis zurückgekehrt. ?Meist von sich aus, weil es ihnen bei uns zu stressig war?, wie Merckle sagt. Geflohen ist noch keiner.Im Seehaus können bis zu 14 Jugendliche aufgenommen werden. Es ist einer der beiden Standorte des Projekts Chance, der andere ist das Kloster Frauental in Creglingen (Baden-Württemberg). Initiiert und gegen manche Widerstände durchgesetzt hat es Landesjustizminister Ulrich Goll (FDP). Seit Beginn dieses Jahres bekommt das Seehaus 203 Euro pro Häftling und Tag aus dem Landeshaushalt. ?Die laufenden Kosten sind bei Vollbelegung gedeckt, Investitionen nicht?, sagt Merckle. Deshalb ist der Seehaus-Trägerverein Prisma zusätzlich auf Spenden angewiesen. Vom Familienunternehmen hat Merckle in der Anfangsphase eine Bürgschaft bekommen und ?einiges an finanzieller Hilfe?.Merckle sitzt im Aufsichtsrat von Heidelberg Cement, im Merckle-Familienbeirat und hat ?noch ein, zwei andere Posten?. Im Mittelpunkt steht aber seine Arbeit als Geschäftsführer von Prisma. Obwohl er seinen eigenen Weg gewählt hat, klingt er wie ein Unternehmer, wenn er sagt: ?Es ist toll, zu sehen, wie sich die Investition in die Jugendlichen lohnt.?Nun will der 37-Jährige expandieren. Wenn die dritte Seehaus-WG im Mai fertig ist, können in Leonberg bis zu 18 Jugendliche unterkommen. Der komplett renovierte Gutshof wird am Ende 30 Plätze bieten. Nachdem das Projekt Chance bundesweit lange einzigartig war, wird der freie Jugendstrafvollzug jetzt auch in Brandenburg verwirklicht. In anderen Bundesländern gibt es ähnliche Bestrebungen. Merckle möchte auch dort Projekte aufbauen. Der Verein Prisma hat sich bereits in Sachsen beworben.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.02.2008