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Mercedes-Chef verzweifelt gesucht

Von Carsten Herz, Handelsblatt
Knapp drei Wochen nach der Rücktrittsankündigung von Mercedes-Chef Eckhard Cordes hat der designierte Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche nach Handelsblatt-Informationen erste Rückschläge bei der Suche nach einem Nachfolger hinnehmen müssen.
Dieter Zetsche hat sein Amt noch nicht angetreten, da gibt es schon Probleme. Foto: dpa
FRANKFURT/M. Breit sitzt das Lächeln im Gesicht von Jürgen Schrempp. Souverän steht er da im anthrazitfarbenen Einreiher mit gepunkteter Krawatte und steckt eine Hand lässig in die Hosentasche. Dem scheidenden Daimler-Chrysler-Chef ist vor der Salzburger Festspielpremiere von ?La Traviata? mit keinem Wimpernzucken anzumerken, dass er sich erst vor wenigen Tagen von der Macht bei Deutschlands größtem Industriekonzern verabschiedet hat. Sichtlich genießt er den Auftritt vor den Fotografen.Mehrere hundert Kilometer entfernt, in der Konzernzentrale in Stuttgart-Möhringen, ist die Stimmung weniger gut. Dort sorgen sich die nicht in die Sommerferien enteilten Manager wegen der Hängepartie in der Mercedes-Führungskrise. Es findet sich kein Nachfolger für den Chefposten bei der wichtigsten Konzerntochter.

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Die in Medienberichten ins Spiel gebrachten Automanager, GM-Europa-Präsident Carl-Peter Forster sowie Linde-Chef und Ex-BMW-Manager Wolfgang Reitzle, stehen nicht für einen Wechsel bereit. Ein GM-Sprecher sagte, dass Forster ?sich mit General Motors verbunden fühlt und nicht beabsichtigt, das Unternehmen zu verlassen?. Die Absage sei mit Forster abgestimmt. Auch Reitzle winkte ab. ?Gerüchte werden auch durch ständiges Wiederholen nicht wahrer?, sagte der Vorstandschef dem Handelsblatt.Für Zetsche gestaltet sich die Suche nach einem Nachfolger auf dem Mercedes-Chefsessel damit schwieriger als gedacht. Denn auch Spekulationen, Volkswagen-Vorstand Wolfgang Bernhard könnte als Chef der Mercedes Car Group im Sommer 2006 nach Stuttgart zurückkehren, erweisen sich als haltlos. ?Ich bleibe bei Volkswagen?, machte er jetzt in einer weltweiten E-Mail an die Führungskräfte klar, die dem Handelsblatt vorliegt (» Auszüge aus der E-Mail). Zuvor hatte ein hochrangiges Aufsichtsratsmitglied den Wechsel Bernhards von VW zu Daimler gegenüber dem Handelsblatt als ?Quatsch? bezeichnet. Auch interne Kandidaten drängen sich bislang dem Aufsichtsrat nicht auf. Gehandelt werden unter anderem Entwicklungsvorstand Thomas Weber, der operative Leiter des Mercedes-Geschäfts, Rainer Schmückle, und Mercedes-Vertriebschef Klaus Maier.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Führungskrise kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.Deshalb ist eine Übergangslösung mit Zetsche an der Mercedes-Spitze im Kontrollgremium beschlossene Sache, um mehr Zeit für die Suche nach einem Nachfolger zu gewinnen. Zetsche soll laut Aufsichtsratskreisen noch vor der Autoshow IAA, die Mitte September in Frankfurt beginnt, berufen werden, wie das Handelsblatt bereits vergangene Woche berichtete. Da sich weite Teile des Aufsichtsrats im Urlaub befinden, ist aber noch kein außerordentliches Treffen des Kontrollgremiums geplant.Der Vorstandsumbau ist notwendig, weil Cordes Aufsichtsratschef Hilmar Kopper bat, seinen Vertrag vorzeitig aufzulösen. Zuvor hatte das Kontrollgremium überraschend den Rückzug von Vorstandschef Schrempp zum Jahreswechsel verkündet und Zetsche als neuen Konzernlenker berufen. Auf diesen Posten hatte sich auch Cordes Hoffnungen gemacht. Beide Manager sind nicht gerade enge Freunde und vertraten in zentralen Fragen gegensätzliche Meinungen.Die Führungskrise trifft Mercedes zu einem empfindlichen Zeitpunkt. Neben einer drastischen Restrukturierung steckt die Nobelmarke mitten in der weltweiten Markteinführung neuer Modelle wie der B- und R-Klasse. Zudem will Mercedes auf der IAA eigentlich die Weltpremiere der nächsten Generation der prestigeträchtigen S-Klasse in den Mittelpunkt stellen.Eine Hängepartie an der Mercedes-Spitze würde alle anderen Themen beiseite drängen, befürchten Konzernmanager, und außerdem die Belegschaft weiter verunsichern. Schließlich geht mit Cordes bereits der dritte Mercedes-Chef innerhalb gut eines Jahres. Und Cordes selbst wird die neue Limousine auf der IAA nicht mehr ? wie ursprünglich geplant ? vorstellen. Seine Tage im Unternehmen sind nach der Bitte um vorzeitige Vertragsauflösung gezählt.Ebenso wie Schrempps Tage an der Konzernspitze. Als er den Saal im Salzburger Festspielhaus am Sonntagabend nach der Premiere verlässt, mag ihn die Geschichte von Violetta, der schönen, lebensfrohen Frau, die in der Gesellschaft schnell aufsteigt ? und schnell von der Schwindsucht dahingerafft wird, deshalb wehmütig gestimmt haben.Eher neidisch dürfte er die Bravorufe verfolgt haben, mit der die russische Sopranistin Anna Netrebko am Schluss gefeiert wurde. In der Mercedes-Führungskrise ist so schnell nicht mit Beifall zu rechnen.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.08.2005