Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Men in Black

Peter Nederstigt
Wirtschaftsprüfungsgesellschaften bauen ihre Beratungsaktivitäten gegenwärtig wieder deutlich aus. Auf dem Bewerbermarkt werden sie damit zur Konkurrenz für McKinsey & Co.
Die Anzüge dunkel oder nadelgestreift, die Haare kurz und die Aktenkoffer schwer bepackt: Äußerlich unterscheiden sich Wirtschaftsprüfer kaum von Unternehmensberatern. Im Geschäft besteht dagegen keine Verwechslungsgefahr. Die Berater helfen Unternehmen beim Geldverdienen, die Prüfer schauen am Jahresende, ob das Ganze ordnungsgemäß verbucht wurde. Eine klare Sache.

Das könnte sich bald ändern. Nachdem die Verquickung von Prüfung und Beratung in den vergangenen Jahren zunehmend das Misstrauen der Aufsichtsbehörden erregt hatte und die Big Four der Branche ihre IT-Beratungstöchter größtenteils verkauft hatten, bauen sie ihr Geschäft mit Consulting-Dienstleistungen jetzt wieder deutlich aus (siehe Grafik). In absehbarer Zeit, glaubt Dietmar Fink von der Deutschen Gesellschaft für Managementforschung in Bonn, könnten die großen Prüfungsgesellschaften sogar in die Königsklasse der Management-Beratung vorstoßen und McKinsey & Co. Konkurrenz machen. "Ihr Ziel", so Fink, "liegt in der Strategieberatung.

Die besten Jobs von allen


In den Startlöchern
Auch wenn die Betroffenen solche Absichten bislang bestreiten: Für Bewerber, die ins Consulting drängen, bieten die Beratungssparten der Wirtschaftsprüfungen zunehmend eine Karriere-Alternative zu den etablierten Unternehmensberatungen. Laut Fink sind in jüngster Zeit mehrere Prüfungsgesellschaften mit dem Auftrag auf ihn zugekommen, Übernahmekandidaten unter den mittelgroßen Beratungen ausfindig zu machen. "Im Moment sondieren sie noch den Markt und stellen keine akute Bedrohung dar, aber die großen Strategieberatungen müssen sich auf Konkurrenz einstellen", sagt Fink. "Die Prüfer bieten verschiedene Beratungsleistungen aus einer Hand und sind damit ein perfekter Partner für Finanzinvestoren. Und das ist gegenwärtig ein sehr attraktiver Markt.

Mehr Geld mit Beratung
Das Düsseldorfer Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) ist bekannt für seine Zurückhaltung. Doch auch dort hält man Finks These für "nicht unrealistisch", wie Wolfgang Schaum, geschäftsführendes Vorstandsmitglied, zugibt: "Die Honorare im Prüfungsgeschäft stehen unter Preisdruck, während das Beratungsgeschäft sehr lukrativ ist." Und der Schritt von der Analyse zur Optimierung sei klein: Zunehmend nutzten Mandanten das Know-how der Prüfer, um ihre Geschäftsprozesse zu verbessern. Entgegen kommt den Prüfern dabei die Konkretisierung des Selbstprüfungsverbots in den Paragraphen 319 und 319a des Handelsgesetzbuches. Dort ist mittlerweile klarer festgeschrieben, was erlaubt ist und was nicht. "Das, was ich selbst erstellt habe, darf ich nicht prüfen", umreißt Schaum das Verbot. "Aber als Berater erstelle ich in der Regel nicht, sondern liefere dem Mandanten Empfehlungen für dessen eigene Entscheidungen. Zudem erbringen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ihre Beratungsleistungen auch gegenüber Mandanten, deren Abschlüsse nicht von ihnen geprüft werden.

Vorreiter Deloitte
"Es spricht nichts dagegen, im Beratungssektor tätig zu sein", sagt auch Jan Stratmann, Partner für Strategy & Operations bei Deloitte Consulting, Beratungstochter der weltweit zweitgrößten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Im Gegensatz zu den Konkurrenten hatte Deloitte einen Börsengang der Beratungstochter 2002 verworfen und die millionenschwere Werbekampagne zur Umbenennung der Sparte in Braxton eingestampft.

Stattdessen übernahm man Arthur Andersen Business Consulting und mauserte sich vom Integrator für SAP-Systeme zur Nummer vier unter den Management-Beratungen in Deutschland. "Wir stehen im Wettbewerb mit McKinsey & Co.", sagt Stratmann. Und er sieht Bestrebungen bei der Konkurrenz, es Deloitte nachzutun

Die hält sich indessen bedeckt. Unisono heißt es: "Wir werden weder Strategieberatung noch IT-Implementierung anbieten." Stattdessen wollen sie sich im Feld dazwischen ansiedeln: Bei der Umsetzung von Unternehmensstrategien, der Steuerung von Risiken und dem Management von Outsourcing-Projekten

Gerd Willi Stürz, Leiter der Beratungseinheit Risk and Advisory Services bei Ernst & Young, sieht sich daher "nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu McKinsey & C0." Auch bei BDO und Rödl & Partner, Nummer fünf und sechs der Prüfungsgesellschaften in Deutschland, kann man sich nicht vorstellen, dass die Big Four in den gerade wieder anziehenden Markt für Strategieberatung vorstoßen wollen.

Entsprechend gelassen geben sich die Platzhirsche. "Wir haben diese Initiativen zwar stets auf dem Radar", sagt Franz-Josef Seidensticker, Deutschland-Chef von Bain & Company, einer der größten Strategieberatungen weltweit, "sehen darin aber bisher noch keine neue Konkurrenz." Auch Martin Koehler, Geschäftsführer der Boston Consulting Group (BCG), gibt zu bedenken: "Aus dem Stand heraus ist es schwierig bis unmöglich, die für strategische Grundsatzentscheidungen nötige Kompetenz aufzubauen." Und bei McKinsey heißt es schlicht: "Kein Kommentar.

Kampf um Nachwuchs
Auf einem anderen Markt könnten sich die Prüfer allerdings sehr rasch zur Konkurrenz für die Beratungsgesellschaften entwickeln: beim Kampf um den Nachwuchs. Denn unübersehbar bauen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ihr Geschäft mit anderen Dienstleistungen wie der Transaktionsberatung, dem Risikomanagement und der Prozessoptimierung aus und verkaufen es offensiver nach außen: Bei Ernst & Young wurden die meisten Beratungsdienstleistungen im Bereich Risk and Advisory Services zusammengefasst. PricewaterhouseCoopers (PwC) hat sein Beratungsangebot vor anderthalb Jahren im Bereich Advisory gebündelt. Im vergangenen Geschäftsjahr ist dieser mit 29 Prozent überdurchschnittlich gewachsen, bei KPMG sieht es ähnlich aus. BDO hat seine Consulting-Einheit Anfang des Jahres reintegriert.

Um zehn bis 15 Prozent jährlich soll allein die Beratungssparte bei PwC künftig wachsen. Dazu werbe man bereits Mitarbeiter bei Unternehmensberatungen ab, verrät PwC-Berater Martin Scholich. Vor allem aber brauchen die Prüfungsgesellschaften Nachwuchsberater. PwC sucht aktuell 200 neue Mitarbeiter für den Bereich Advisory und veranstaltet dafür im März eigens zwei Consulting-Workshops in Bremen, Ernst-&-Young-Vorstand Stürz spricht von "mehreren hundert" Consulting-Stellen, die besetzt werden sollen, bei KPMG waren es im vergangenen Jahr 300.

Weg vom staubigen Image
Mit dem Ausbau des Beratungsgeschäfts werden die als dröge Erbsenzähler verpönten Prüfungsgesellschaften auch für Bewerber attraktiv, die bislang einen Bogen um ihre Stände machten. Wolfgang Kraus, geschäftsführender Partner bei Rödl & Partner, glaubt sogar, dass die Prüfungsgesellschaften die Beratung gezielt dazu einsetzen, Bewerber anzulocken

Sie werben mit umsetzungsorientierten Projekten und der Nähe zum Prüfungsgeschäft, denn bei Aufträgen, die nicht unter das Selbstprüfungsverbot fallen, arbeiten Prüfer und Berater oft eng zusammen. "Auf diese Weise erleben sie andere Projekte und erwerben ein größeres Know-how", betont Thomas Schwichtenberg, Partner für Business Value Management bei BDO Consulting. Als starkes Argument sieht BDO-Vorstand Ulrich Harnacke außerdem den möglichen Wechsel zwischen Prüfung und Beratung. Auf der Recruiting-Seite sind die Prüfer daher aus Sicht von BCG-Geschäftsführer Koehler ernster zu nehmen als auf der Kundenseite: "Denn schon jetzt sind die Unternehmensberatungen und ihre Beratungsfelder für Studenten schwer zu unterscheiden." Mit den Prüfern kommen weitere Player in den Beratermarkt, die es für einzelne Arbeitgeber noch schwerer machen, sich im Wettkampf um den Top-Nachwuchs abzuheben.

Guten Absolventen, die die Wahl haben, rät Managementexperte und Ex-Berater Dietmar Fink aber weiterhin zum Einstieg bei einer großen Strategieberatung. "Sie bieten eine höhere Bezahlung, ein besseres Netzwerk und schnellere Aufstiegsmöglichkeiten."
Dieser Artikel ist erschienen am 07.04.2006