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Mehr Sein als Schein

Von Helmut Steuer
Jacob Wallenberg führt die milliardenschwere Holding der schwedischen Industriellenfamilie Wallenberg und hat seinen ganz eigenen Führungsstil entwickelt: Er fehlt, als der Verkauf des Mehrheitsanteils am schwedischen LKW-Riesen Scania an Volkswagen bekannt gegeben wird. Das operative Geschäft überlässt er anderen. Er selbst bleibt lieber bescheiden im Hintergrund, zieht dort die Fäden.
Jacob Wallenberg zieht gerne im Hintergrund die Fäden. Foto: ap
HB STOCKHOLM. ?Welcome? leuchtet auf der großen Leinwand im feinen Stockholmer Restaurant ?Operaterassen?. Zwei großen Schatten zeichnen sich auf dem weißen Tuch ab: die von Martin Winterkorn, VW-Chef, und Börje Ekholm, Chef von Investor, der Holding der mächtigen schwedischen Industriellenfamilie Wallenberg. Beide diskutieren, lachen, witzeln über irgendetwas. Gelöste Stimmung.Doch derjenige, der den längsten Schatten wirft, fehlt gestern. Jacob Wallenberg, Aufsichtsratschef von Investor und, zusammen mit seinem Cousin Marcus Wallenberg, Statthalter des schwedischen Familienimperiums.

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Nach über 90 Jahren als Hauptaktionär bei dem rentablen LKW-Hersteller veräußert die einflussreiche Familie über Investor und eine Reihe Stiftungen alle ihre Anteile an Scania. ?Ein schwerer Beschluss?, sagt Investor-Chef Börje Ekholm, ?aber ein richtiger.? Und auch Jacob Wallenberg dürfte die Entscheidung nicht leichtgefallen sein. ?Scania war seit der Bildung von Investor vor neunzig Jahren immer ein wichtiger Teil für uns?, sagte er gestern in Stockholm. Und lieferte dann auch die Begründung für den Verkauf: ?In den vergangenen acht Jahren waren wir nur Minderheitsaktionär bei Scania. Jetzt ist es wichtig, dass die Eignerstruktur deutlicher wird.? Dass Investor und die Wallenberg-Stiftungen insgesamt 2,9 Mrd. Euro für den rentabelsten LKW-Hersteller der Welt einstreichen können, tröstet über nostalgische Gefühle hinweg.Nein, Minderheitsbeteiligungen sind nichts für die Wallenbergs. Entweder ganz oder gar nicht. Ein bisschen gibt es in der Vorstellungswelt der mächtigen Familie nicht. Die Familiendynastie kontrolliert nahezu alle namhaften schwedischen Unternehmen. Ob die Wallenberg-Hausbank SEB, ob Telekommunikationsausrüster Ericsson, Haushaltsgeräte-Riese Electrolux, ob Saab, Atlas Copco, Stora Enso oder Husqvarna ? kaum einer dieser Konzerne kann eine Entscheidung ohne das Placet der Wallenbergs treffen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einzigartige MachtpositionDer Schlüssel zur Macht liegt dabei in den A-Aktien, die im Vergleich zu B-Aktien ein bis zu zehnmal höheres Stimmrecht haben. Investor und die Wallenberg-Stiftungen haben ihre in Europa nahezu einzigartige Machtposition über die stimmrechtstarken A-Aktien aufgebaut und konnten ihren Kapitalanteil relativ gering halten. So war es bis gestern auch bei Scania: Die Familie hielt über Stiftungen und Investor 30,6 Prozent der Stimmrechte, aber nur 16,8 Prozent des Kapitals.Für den 52-jährigen Jacob Wallenberg war schon früh klar, dass er in die Fußstapfen seines berühmten Vaters, Peter Wallenberg, treten und in fünfter Generation die Geschicke der Familie weiterführen muss. Der immer sympathisch lächelnde Wallenberg wurde vorsichtig auf die große Aufgabe vorbereitet gemäß dem Familienmotto ?Mehr Sein als Schein?.Sein Vater, der in der schwedischen Öffentlichkeit wegen der besseren Unterscheidbarkeit der vielen Peter, Jacob und Marcus im Stammbaum der Wallenbergs ?Pirre? genannt wird, verschaffte ihm nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften den ersten Job bei der SEB.Schon wenige Jahre später stieg er zum Bankchef auf. Vor drei Jahren überließ er diese Funktion seinem Cousin Marcus. Er selbst übernahm den Aufsichtsrats-Chefposten bei Investor. ?Die junge Wallenberg-Generation hat dem Imperium zu neuem Schwung verholfen?, urteilt ein Stockholmer Analyst. Tatsächlich haben Marcus und Jacob verstärkt in Medizin- und Informationstechnik investiert, haben Investor von einer reinen Industrie-Beteiligungsgesellschaft zu einem Private-Equity-Unternehmen verwandelt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Einen Rolls-Royce ohne Motor will niemand haben?, ?Einen Rolls-Royce ohne Motor will niemand haben?, sagte Jacob Wallenberg selbstbewusst in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Nein, sein Nachname allein genüge nicht, um sich überall Zutritt zu verschaffen. ?Als Türöffner ist es natürlich einfacher, wenn man einen bekannten Namen hat?, räumte er dann aber doch ein ? und fügte schnell hinzu: ?Wenn die Tür aber erst einmal geöffnet ist, zählt nur noch die Person hinter dem Namen.?Der passionierte Segler, der nahezu die gesamte Freizeit auf seiner Yacht mit seiner Frau und den drei Kindern verbringt, ist es gewohnt, ständig nach seiner berühmten Herkunft befragt zu werden. Jetzt, da sich die Familie von Scania trennt, kommt er solchen Nachfragen zuvor: ?Mein Vater denkt genauso wie ich?, sagte er gestern.Und wie denkt er selbst? Nun, offiziell bezeichnet Jacob Wallenberg Volkswagen als einen ?guten und verantwortungsvollen industriellen Eigner?. Man nimmt es ihm ab, zumal er ?eine freundschaftlich geschäftliche Beziehung? zu VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch pflegt, wie ein enger Mitarbeiter sagt. Piëch und er würden zwar nicht privat miteinander umgehen, doch ?sie schätzen und respektieren sich?, sagt eine Vertraute Jacob Wallenbergs. Seit Monaten hätten sich beide mit Investor-Chef Ekholm und manchmal auch Scania-Chef Östling getroffen, um den Deal spruchreif zu machen. Jetzt ist es so weit. Und Jacob Wallenberg glänzt durch Abwesenheit. Wichtige Termine, heißt es in seinem Umfeld. Die vielen neuen Milliarden wollen gut investiert werden. Und auf der Leinwand im Stockholmer Restaurant wirft er auch so seinen langen Schatten. Getreu einer anderen, freieren Übersetzung des Familienmottos ?Esse, non videri?: Da sein, aber nicht gesehen werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.03.2008