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Mehr Glück als Al Capone

Von Tobias Moerschen
Nach dem gleichen Muster wie bei den Prozessen gegen den legendären Mafiaboss Al Capone klagte die Staatsanwaltschaft der Stadt New York Frank Quattrone an, den als ?Pate des Internetbooms? bekannten früheren Star-Investmentbanker. Nun ist auch der zweite Prozess gegen Ex-Starbanker geplatzt. Die Staatsanwaltschaft muss nun entscheiden, ob sie zum dritten Mal gegen Quattrone und sein exzellentes Anwaltsteam antritt.
NEW YORK. Weil die Ankläger Capone eine Verwicklung ins organisierte Verbrechen nicht hatten nachweisen können, landete er wegen Steuerhinterziehung hinter Gittern. Nach dem gleichen Muster klagte die Staatsanwaltschaft der Stadt New York Frank Quattrone an. Behinderung der Ermittlungsbehörden und Zeugenbeeinflussung lauten die Vorwürfe. Denn die Ankläger konnten nie den Verdacht erhärten, dass Quattrone illegal Aktien aus heißen Internet-Börsengängen an Freunde und Geschäftspartner verteilte, die ihm dafür Aufträge zuschusterten. Dieses Vorgehen ist in den USA verboten.Am späten Montag hob ein Berufungsgericht den erst im zweiten Anlauf erkämpften Schuldspruch gegen Quattrone auf. Die Verurteilung beruhte auf einer einzigen E-Mail, worin der Banker seine Mitarbeiter zur Vernichtung von Dokumenten aufgefordert hatte, in denen die Ankläger mögliches Beweismaterial sahen. Die Geschworenen hätten Quattrone im Mai 2004 unter ?fehlerhaften Instruktionen? des Richters verurteilt, schreibt das Berufungsgericht in seiner Urteilsbegründung. Die drei Richter verwiesen den Fall zurück an das zuständige Bezirksgericht in New York. Die Staatsanwaltschaft muss nun entscheiden, ob sie zum dritten Mal gegen Quattrone und sein exzellentes Anwaltsteam antritt.

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Damit zahlt sich für Quattrone die aggressive Prozesstaktik seines Anwalts John Keker nachträglich aus. Der bullige Keker hatte sich während des wochenlangen Prozesses 2004 harte Wortgefechte mit dem vorsitzenden Richter Richard Owen geliefert, dem er Parteilichkeit vorwarf. Owen, ein bescheidener älterer Herr, der täglich mit der U-Bahn zum Prozess fuhr, äußerte im Prozess Erstaunen über Quattrones dreistellige Millionengehälter. Spürbar war im Prozesssaal im Süden Manhattans die Spannung zwischen Quattrone und seinem hochbezahlten Team von Anwälten und PR-Beratern auf der einen und den beiden jungen, ehrgeizigen Staatsanwälten Dave Anders und Steven Peikin auf der anderen Seite. Obwohl der kleine, weißhaarige Richter Owen sich um Objektivität bemühte, schnitt er Quattrones Verteidigern weitaus öfter das Wort ab als den Klägern. Unter den Prozessbeobachtern bezweifelte niemand, dass seine Sympathien bei den Staatsanwälten lagen.Als Fehler kreiden die Berufungsrichter Owen nun seine Instruktionen an die Jury an. Owen habe den Geschworenen nicht erläutert, dass sie Quattrone nur verurteilen durften, wenn sie ihm kriminelle Absicht unterstellten. Falls die Staatsanwaltschaft erneut vor Gericht zieht, muss ein anderer Richter das Verfahren leiten. Es wäre der dritte Prozess gegen Quattrone, nachdem die Geschworenen sich im ersten Anlauf im Oktober 2003 nicht auf ein Urteil hatten einigen können. Der zuständige Staatsanwalt teilte mit, er ?prüfe das Urteil und alle Optionen?.Die Entscheidung bedeutet einen Rückschlag für die strafrechtliche Aufarbeitung der Exzesse des Internet-Börsenbooms. Quattrone, einst der mächtigste und mit 120 Mill. Dollar Gehalt allein für das Jahr 2000 der bestbezahlte Investmentbanker, symbolisiert die Auswüchse der High-Tech-Hysterie. Der hochgewachsene, schnauzbärtige Enkel eines italienischen Einwanderers brachte Internet-Giganten wie Amazon, Cisco Systems und den später von AOL übernommenen Webbrowser Netscape an die Börse.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Quattrone ging nicht zimperlich vor.Dabei ging Quattrone nicht zimperlich vor. Der heute 50-Jährige, der in einem Armenviertel der Stadt Philadelphia aufwuchs und als erster aus seiner Familie eine Universität besuchte, ließ seine Banker so hart arbeiten, dass sie zeitweise nachts nur ein paar Stunden unter ihren Schreibtischen schliefen. Nach Informationen aus New Yorker Finanzkreisen verließ Quattrone in den 90er-Jahren die Investmentbank Morgan Stanley und ging zunächst zur Deutschen Bank, weil Morgan Stanley ihm keine uneingeschränkte Kontrolle über die Analysten von Technologieaktien überlassen wollte. Die mangelnde Objektivität von Analystenstudien, die wacklige Internetbuden in den Himmel lobten, beschädigte später den Ruf der gesamten Finanzbranche.Von der Deutschen Bank zog Quattrone weiter zur Investment-Bankingsparte der Schweizer Großbank Credit Suisse. Dort erreichte er um die Jahrtausendwende den Zenit seiner Macht. Fast jeder mit Rang und Namen in Silicon Valley, dem Tal der Hightech-Firmen in Kalifornien, stand auf Quattrones legendärer Liste der ?Friends of Frank? (FoF). Gerüchten zufolge erhielten FoFs ? darunter auch der französische Luxusgüter-Milliardär Bernard Arnault ? bevorzugt Aktien aus Internet-Börsengängen, was damals praktisch Zeichnungsgewinne garantierte. Dafür bedankten die Auserwählten sich mit Aufträgen an Quattrones Team, das zeitweise bis zu 300 Banker in der Credit-Suisse-Niederlassung im kalifornischen Palo Alto umfasste.Jahrelang ermittelten die Staatsanwälte gegen Credit Suisse. Am Ende zahlte die Schweizer Bank 100 Mill. Dollar in einem außergerichtlichen Vergleich. Aus einer E-Mail, in der Quattrone seine Mitarbeiter zum ?Aufräumen? ihrer E-Mail-Fächer auffordert, konstruierten die Staatsanwälte ihre Anklage gegen Quattrone.Womöglich zieht er nun den Kopf aus der Schlinge. Offenbar hat er mehr Glück als einst Al Capone ? oder vielleicht auch nur mehr Geld für exzellente Verteidiger.Der Fall QuattroneAufstieg: Frank Quattrone, Jahrgang 1956, steigt nach dem MBA an der Eliteuni Stanford im Jahr 1981 bei Morgan Stanley ein. Fünf Jahre darauf wird er Chef der Technologiegruppe in San Francisco. 1995 bringt er Netscape an die Börse. Die Aktie steigt am ersten Tag um 150 Prozent. 1996 wechselt er zur Deutschen Bank, die ihm mehr Geld und Macht bietet. 1998 wechselt Quattrone zu CSFB, wo er fast uneingeschränkte Kontrolle über die Technologieabteilung erhält.Erster Prozess: Im Jahr 2000 starten die US-Behörden Ermittlungen gegen Quattrone. Es geht um vermeintlich unsaubere Deals bei Börsengängen. Im März 2003 legt er seinen Posten nieder. Im Oktober des Jahres platzt der erste Prozess gegen Quattrone, die Jury kann sich nicht auf ein Urteil einigen.Zweiter Prozess: Im Mai 2004 wird Quattrone wegen Behinderung der Justiz zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, bleibt für die Dauer der Berufung aber auf freiem Fuß. Im März 2006 kassiert das Berufungsgericht die Verurteilung.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.03.2006