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Mehr Geld gibt?s nur bei Erfolg

Von J. Lichter und C. Tödtmann
Die Bastion ist gefallen. Mehr als jede zweite der Top-50-Anwaltskanzleien lässt sich jetzt auf Erfolgshonorare ein (56 Prozent). Das bedeutet: Bei Misserfolg gibt?s weniger Geld. Wer das Klassenziel nicht erreicht, muss Strafabschläge hinnehmen.
Top-Kanzleien in Deutschland (Stand: Herbst 2005). Grafik: HB
DÜSSELDORF. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wollte sich erst jede dritte Kanzlei (32 Prozent) mit Erfolgshonoraren anfreunden. Dies zeigt die jüngste Handelsblatt-Umfrage unter den Top-50-Kanzleien in Deutschland (Basis: Juve-Handbuch ?Wirtschaftskanzleien 2005/06?). Die Antwortquote lag bei stolzen 70 Prozent.Ausgerechnet die deutschen Traditionskanzleien Hengeler Müller oder Gleiss Lutz waren hierbei die Trendsetter ? und keineswegs anglo-amerikanische Großkanzleien. Was daran so ungewöhnlich ist? Die US-Methode, die Anwälte nach Erfolg statt nach Gebühren zu bezahlen, war in Deutschland ein Schreckgespenst ? jahrzehntelang. Schon diese gegenüber einem Anwalt zu erwähnen kam einem Frevel gleich. Man sei doch ?unabhängiges Organ der Rechtspflege?, hieß es dann hochempört. Doch der Wind hat gedreht. Thomas Richter, Partner bei Sibeth in München, urteilt: ?Wo der Kern der Anwaltsleistung nicht in der Prozessführung liegt, sondern in der Dienstleistung als Berater?, ist gegen Erfolgshonorare nichts einzuwenden. Die Kanzlei Esche Schümann Commichau aus Hamburg findet, Erfolgshonorare ?können für beide Seiten interessant sein?.

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Nur das volle Risiko mögen sie nicht tragen. Ganz leer ausgehen, das wollen sie nicht. Martin Diller, Partner bei Gleiss, plädiert: ?Unser Honorar ist dem Mandanten nur dann als angemessen zu vermitteln, wenn wir für ihn einen Mehrwert erzielen. Deshalb sollte das Honorar bei Misserfolg niedriger sein ? nicht: entfallen.? Der richterliche Segen dazu steht noch aus, dem Bundesverfassungsgericht liegt die Frage vor. Doch die Realität ist schneller: 70 Prozent der Mandanten verlangen heute bereits, das Honorar auch an den Erfolg zu koppeln. Barbara Mayer von Graf von Westphalen Bappert & Modest bestätigt, dass sie sich ?als international tätige Kanzlei dem nicht entziehen können?.Und sie fahren gut damit. 88 Prozent der Befragten vermeldeten Umsatzsteigerungen. Für dieses Jahr erwarten nicht nur 91 Prozent weiter wachsende Umsätze, sondern auch 88 Prozent steigende Gewinne. Die Kanzleien, die ihre Deutschland-Zahlen verraten, machen zwischen 7,7 und 157 Millionen Euro (Clifford Chance) Umsatz. Und das, obwohl die Stundensätze leicht gesunken und wieder auf dem Niveau von 2003 sind: Partner verlangen im Schnitt 371 Euro, angestellte Anwälte 255 Euro.Sozietäten mausern sich immer mehr zu Unternehmen. Bei der Handelsblatt-Umfrage gaben jetzt zum ersten Mal gleich zwölf Kanzleien ihren Umsatz preis. Setzte doch Rödl & Partner als Pionier erst vor knapp zwei Jahren vor Gericht das Recht durch, Zahlen veröffentlichen zu dürfen (163,5 Millionen Euro insgesamt, davon 54,8 Millionen im Anwaltsgeschäft).Dass die High-End-Rechtsberatung gut läuft, zeigen auch die Zahlen der Neueinstellungen. 73 Prozent der Top-Kanzleien wollen mehr Junganwälte einstellen( Vorjahresvergleich: 47 Prozent). Vor drei Jahren planten dies nur 24 Prozent. Keine einzige Kanzlei will diese Zahl senken, 27 Prozent wollen sie zumindest konstant halten. Ein Grund dürfte die gestiegene Zahl der Fusionen und Übernahmen in Deutschland sein. Denn 94 Prozent der Kanzleien wollen ihre Mergers & Acquisitions-Teams aufstocken.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Großkanzleien können dem Nachwuchs immer weniger bieten.Wenn sie denn geeignete Kandidaten finden ? diejenigen mit ?voller Kriegsbemalung?, wie es Juristen nennen: also mit zwei Prädikatsexamina, Promotion oder ähnlicher Qualifikation, Auslandserfahrung und am besten mit einer ausländischen Anwaltszulassung sowie mehreren Sprachen, gewandtem Auftreten und persönlicher Integrität. So viele junge Kandidaten von dieser Sorte gibt es nicht ? und diese wenigen versuchen alle Top-Kanzleien ? aber auch der öffentliche Dienst und die Firmen ? für sich zu gewinnen.Das große Problem: Die Großkanzleien können dem Nachwuchs immer weniger bieten. Auch wenn sie ihm gute Gehälter zahlen, so erwarten sie als Gegenleistung 60-Stunden-Wochen und mehr ? doch leider mit wenig Aussicht darauf, selbst eines Tages in den Kanzlei-Olymp aufzusteigen. Denn sie sind eher bestrebt, die Partnerzahl zu reduzieren, um den Profit zu steigern. Aled Griffiths, Chef des Branchenblatts ?Juve?: ?Fast keiner macht noch über fünf Leute im Jahr zu Partnern. Früher waren es schon mal bis zu 20, obwohl die Kanzleien kleiner waren.? So ermittelte ?Juve?, dass 66 Prozent der Junganwälte in Großkanzleien ?gar nicht? oder ?eher nicht? zufrieden sind mit ihren Aufstiegschancen.Karl Rauser, Partner bei Nörr Stiefenhofer in München, warnt: ?Kanzleien müssen jungen Juristen realistische Aussichten auf eine Partnerschaft bieten. Sonst verlieren sie den Wettbewerb um die kreativsten Köpfe.? Er fürchtet: ?Das wird eine Überlebensfrage für die großen Wirtschaftskanzleien.? Zu Recht: Die Handelsblatt-Umfrage ergab, dass 18 Prozent der Top-Kanzleien bereits Absagen von jungen Top-Leuten bekommen haben, die stattdessen lieber in kleineren Kanzleien oder der Industrie arbeiten wollten. Das sind dreimal so viele wie noch im vergangenen Jahr. Achim Bischoff von Grüter & Partner in Duisburg bestätigt: ?Wir bekommen vermehrt Anfragen ? unaufgefordert ? von bestens examinierten jungen Juristen, die lieber bei uns als mittelgroßer Wirtschaftskanzlei arbeiten möchten.? Und nicht nur Absolventen denken so, sondern auch Anwälte, die schon in Top-Kanzleien sind, so Bischoff: ?Uns rufen fast täglich Headhunter an, um junge Juristen auch im Doppel- oder Dreierpack zu vermitteln.?Denn was die Chancen der Youngsters obendrein verschlechtert, ist der Trend zur Abwerbung ganzer Teams. Wer personell aufrüsten will, aber nicht erst lange selbst Nachwuchs züchten mag, wildert bei der Konkurrenz und holt dann auch gleich gerne ein eingespieltes Team. Oder greift zu, wenn Kanzleien wie jüngst Haarmann Hemmelrath auseinander fliegen und Anwälte in Mannschaftsstärke sich neu orientieren. Zumindest die Rainmakers, die ertragsstarke Mandate mitbringen, kommen auch nur als Partner. Und besetzen weitere Partnerposten.Diesem Dilemma versuchen 47 Prozent der Top-Kanzleien zu entfliehen, indem sie intern zusätzliche Hierarchieebenen einziehen. Über Associates gibt es National, dann International oder Equity Partner. Rödl verblüfft gar mit Associate Partnern ? die aber nicht wie Partner haften. Frauen jedenfalls sind übrigens als Partner so selten wie Pandabären im Zoo. Zwei Drittel der Kanzleien haben höchstens zehn Prozent weibliche Partner an Bord. Clifford Chance liegt da mit 17 Prozent schon unter den Top drei.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.04.2006