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Mehr Freiheiten

Während vor den Türen des Berliner Gesundheitsministeriums Tausende Ärzte protestieren, wird drinnen frisch operiert: Patient ist das Vertragsarztrecht, dessen Reform im Frühjahr abgeschlossen sein soll.
Während vor den Türen des Berliner Gesundheitsministeriums Tausende Ärzte protestieren, wird drinnen frisch operiert: Patient ist das Vertragsarztrecht, dessen Reform im Frühjahr abgeschlossen sein soll. Die Eckpunkte, die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt jetzt vorlegte, können sich als Chance für den Medizinernachwuchs erweisen, im Praxisgeschäft leichter Fuß zu fassen.

Denn die Pläne sehen vor, Kassenärzten mehr Freiheiten zu gewähren: Demnächst sollen sie auch fachfremde Kollegen einstellen und in anderen Krankenversicherungsbezirken Praxen eröffnen können. Dazu müssten allerdings kritische Punkte wie ?Haftungsfragen und enge Zulassungsbeschränkungen? geregelt werden, sagt Dr. Franz Gadomski, Experte für den ambulanten Versorgungsbereich bei der Bundesärztekammer (BÄK).

Die besten Jobs von allen


Der Spielraum für die niedergelassenen Ärzte ist zurzeit allzu eng. ?Was nutzt es, wenn ich einen Arzt bei mir einstellen kann, aber nicht mehr abrechnen darf als bisher?, klagt Gadomski. In der Koalition ist man sich über solche Modalitäten noch uneins. Doch unter den jetzigen Bedingungen ? mit der zusätzlichen Perspektive, Einschnitte auch bei den Gebühren von Privatpatienten hinnehmen zu müssen ? werden wohl immer weniger junge Ärzte Lust auf die eigene Praxis bekommen, befürchtet die BÄK.

Bei Hausärzten, meist Fachärzte für Allgemeinmedizin oder Internisten, und Nephrologen entstehen bereits arge Engpässe, weil in den Kliniken, aus denen sich die niedergelassenen Ärzte meist rekrutieren, extremer Personalmangel herrscht. ?Vor fünf Jahren kamen auf eine Assistenzarztstelle 70 Bewerbungen, heute keine einzige mehr?, weiß Gadomski. Dass immer mehr Ärzte ins Ausland oder in die Industrie abwandern, verwundert Gadomski gar nicht: ?Die gehen nicht nur in die Pharmabranche. Es tummeln sich auch schon sehr viele im IT-Bereich.? Die Berliner Reform könnte die Mediziner wieder in ihre angestammten Jobs bringen ? wenn sie nicht wieder an den Finanzen scheitert

(kog)
Dieser Artikel ist erschienen am 15.03.2006