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"Mehr Frauen stärken den Standort Deutschland"

Das Interview führte Dominik Schöneberg.
Frauen sind im Ingenieurberuf immer noch eine Ausnahmeerscheinung: Nur rund zehn Prozent der Ingenieure in Deutschland sind weiblich. Karriere sprach mit Burghilde Wieneke-Toutaoui über die Ursachen und Lösungen für den Frauenmangel im Ingenieurberuf. Wieneke-Toutaoui ist Vorsitzende von fib (Frauen im Ingenieurberuf), der Frauenvertretung im Verein Deutscher Ingenieure (VDI).
Karriere Online: Warum ist der Ingenieurberuf aus Ihrer Sicht auch für Frauen eine gute Wahl?

Burghilde Wieneke-Toutaoui: Der Ingenieurberuf bietet gute Berufschancen, eine vergleichsweise große Jobsicherheit und ein gutes Gehalt. Die meisten wissen außerdem gar nicht, wie vielfältig die Arbeitsbereiche von Ingenieuren und Ingenieurinnen sind ? sie reichen von der Entwicklung über Projektmanagement bis zum Vertrieb. Viele Menschen haben immer noch das Bild vom Ingenieur als einsamen Tüftler im Kopf. Die Realität sieht schon lange anders aus: Ingenieure und Ingenieurinnen arbeiten in der Regel in Teams und pflegen häufig auch internationale Kontakte.

Die besten Jobs von allen


Karriere Online: Was sind die Ursachen für den niedrigen Anteil weiblicher Studienanfänger in den Ingenieurswissenschaften?

Wieneke-Toutaoui: Viele junge Frauen denken nicht darüber nach, dass der Ingenieurberuf eine Jobalternative sein könnte. Schon der Schulunterricht schreckt viele Mädchen ab. Oft fehlt ihnen einfach der Bezug zum täglichen Leben ? ein Mangel, der Jungen scheinbar weniger ausmacht. Der Studiengang Umwelttechnik ist beispielsweise bei Frauen deshalb vergleichsweise beliebt, weil sich viele unter diesem Titel eher praktische Anwendungen vorstellen können. Außerdem herrscht an deutschen Schulen bei Schülern und teilweise auch bei Lehrern immer noch das alte Klischee, dass Fächer wie Mathematik und Physik nichts für Mädchen seien. Es ist Teil der Aufgaben des fib, an die Schulen zu gehen. Dort reden wir über unseren Beruf, um auch Mädchen den Ingenieurberuf näher zu bringen.

"Wir sollten uns von dem gängigen Leitbild für Ingenieure ? jung und männlich ? verabschieden"

Karriere Online: Warum ist es überhaupt wichtig, dass mehr Frauen Ingenieurinnen werden?

Wieneke-Toutaoui: Frauen haben einen anderen Blickwinkel auf viele Dinge als Männer. Deswegen halte ich es für wichtig, dass schon in der Produktentwicklung Frauen mitarbeiten. Wenn Frauen und Männer ihre unterschiedlichen Sichtweisen, Talente und Ideen in ein Team einbringen, kann das für ein Produkt nur von Vorteil sein. Immerhin ist auch die Hälfte aller Konsumenten weiblich. Unser Land lebt von seinen Ideen: Wenn Frauen mehr Chancen erhalten, stärkt das auch den Standort Deutschland. Dasselbe gilt übrigens auch für andere Gruppen, etwa Zuwanderer oder ältere Ingenieure und Ingenieurinnen. Wir sollten uns von dem gängigen Leitbild für Ingenieure ? jung und männlich ? verabschieden

Karriere Online: Was können die Hochschulen verbessern, damit der Anteil der Studentinnen wächst?

Wieneke-Toutaoui: Die Studiengänge sollten statt auf theoretische Vorlesungen stärker auf anwendungsorientierte Projektarbeit setzen. Außerdem können die Hochschulen die Studentinnen von Anfang an unterstützen, zum Beispiel mit Mentoren und Mentorinnen oder Coaches. An meiner Hochschule, der TFH Berlin, geben wir beispielsweise den Erstsemesterinnen schon vor dem Studium die Möglichkeit, sich kennen zu lernen. Sie wissen dann, dass sie nicht allein sind, auch wenn sie gerade als einzige Frau im Hörsaal sitzen

Frauen im Ingenieurberuf (FIB) ist die Frauen-
organisation im VDI
Karriere Online: Einige Hochschulen haben Ingenieurstudiengänge nur für Frauen eingeführt. Was halten sie von solchen Frauenstudiengängen?

Wieneke-Toutaoui: Zunächst war ich skeptisch. Ich dachte, dass die ohnehin wenigen Frauen, die sich für ein Ingenieurstudium interessieren, dann solche Studiengänge wählen ? die Geschlechter wären dann komplett getrennt voneinander ausgebildet worden. Aber wir haben festgestellt, dass sich eine andere Klientel für die Frauenstudiengänge interessiert. Mit Studiengängen für Frauen können die Hochschulen also mehr Mädchen zu einem Ingenieurstudium motivieren. Deswegen sollten die Hochschulen diese Angebote ausbauen

Ursachen für höhere Arbeitslosigkeit von Ingenieurinnen unklar

Karriere Online: Ingenieurinnen sind deutlich häufiger arbeitslos als ihre männlichen Kollegen. Woran liegt das?

Wieneke-Toutaoui: Bis jetzt können wir nur Vermutungen anstellen: Frauen fällt der Wiedereinstieg nach einer Familienphase in die Ingenieurberufe schwer. Das liegt vor allem an dem Mythos, der sich in den Köpfen festgesetzt hat, dass wer einmal aus dem Beruf ausgestiegen ist, den Anschluss nicht mehr schaffen kann. Außerdem vermute ich, dass viele Unternehmen immer noch lieber Männer als Frauen einstellen

Karriere Online: Was können Unternehmen tun, damit mehr Frauen in Ingenieurberufen arbeiten?

Wieneke-Toutaoui: Ein wirksames Mittel, um den Frauenanteil zu erhöhen, sind Zielvorgaben. Einige Unternehmen haben sich schon vorgenommen, einen bestimmten Prozentsatz an Frauen einzustellen. Außerdem sollten sie ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dabei unterstützen, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Das kommt ja den Vätern unter den Ingenieuren genauso zugute

Ingenieure sollten soziale Kompetenzen schulen

Karriere Online: Vorurteile männlicher Kollegen können Frauen im Ingenieurberuf oft die Arbeit erschweren. Was machen Ingenieure im Umgang mit Ingenieurinnen falsch?

Wieneke-Toutaoui: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kollegen Frauen gut annehmen, wenn sie erst einmal in den Abteilungen arbeiten. Ein Problem ist aber, dass Ingenieure eigene Vorstellungen selten hinterfragen. Sie tun sich schwer damit, andere Ansichten und Blickwinkel zu berücksichtigen ? zum Beispiel von weiblichen Kollegen. Auch sind viele Ingenieure im Umgang mit anderen Menschen ungeübt und daher oft unsensibel. Frauen werden oft in Gesprächsrunden weniger wahrgenommen, weil sie anders auftreten als Männer. Kolleginnen haben mir schon oft berichtet, dass sie männliche Mitarbeiter bitten ihr Anliegen vorzutragen, wenn sie etwas zu einer Diskussion beitragen wollen. Ingenieure sollten also darauf achten, auch ihre sozialen Kompetenzen zu schulen. Und umgekehrt sollten Frauen beispielsweise lernen, wie sie ihren Standpunkt so vortragen können, dass sie auch gehört werden

Karriere Online: Ingenieurinnen sind häufig allein unter Männern. Was können Frauen tun, die aus diesem und aus anderen frauenspezifischen Gründen mit ihrem Job nicht zufrieden sind?

Wieneke-Toutaoui: Um dem Vereinzelungsgefühl zu entkommen, sollten Ingenieurinnen sich regelmäßig mit Kolleginnen treffen. Dann werden sie schnell feststellen, dass sie mit ihren Schwierigkeiten nicht allein sind. Vielen Frauen hilft die die Erkenntnis, dass viele Probleme im Job nicht auf das eigene, sondern eher auf das Konto der Unternehmensstrukturen gehen. Einige größere Unternehmen wie zum Beispiel Ford haben eigene Ingenieurinnennetzwerke aufgebaut. Ingenieurinnen in kleineren Unternehmen können überregionalen Vereinigungen wie dem fib beitreten.

Karriere Online: Warum würden sie sich auch heute wieder für den Ingenieurberuf entscheiden?

Wieneke-Toutaoui: Mir gefällt an meinem Beruf, dass man jeden Tag neue Sachen lernt. Ich habe nie auf der Stelle gestanden, sondern mich immer weiterentwickelt ? sowohl fachlich als auch persönlich. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen.

Zur Person:
Burghilde Wieneke-Toutaoui ist Vorsitzende des Bereichs fib (Frauen im Ingenieurberuf), der Frauenorganisation im VDI (Verein Deutscher Ingenieure). Von 1976 bis 1982 studierte sie an der Technischen Universität in Berlin Fertigungstechnik. Nach ihrem Abschluss übernahm sie eine Stelle beim Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik. Dort arbeitete sie an Projekten für fast alle Automobil-Produzenten in Deutschland und viele andere Unternehmen. 1987 promovierte sie auf dem Gebiet der Materialflussoptimierung. 1990 wurde sie als Professorin an die Technische Fachhochschule Berlin berufen. Seit 2003 ist sie deren Vizepräsidentin. Burghilde Wieneke-Toutaoui lebt zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Berlin

Weiterführende Links:

Auf der Homepage kann man sich über die Aktivitäten von fib informieren. Außerdem gibt es dort auch Kontaktadressen und aktuelle Veranstaltungstermine:
http://www.vdi.de/vdi/organisation/schnellauswahl/hauptgruppe/frauening/index.php

Das MentorinnenNetzwerk für Frauen in Naturwissenschaft und Technik vermittelt Schülerinnen, Studentinnen und Berufsanfängerinnen den Kontakt zu einer erfahrenen Mentorin:
www.mentorinnennetzwerk.de

Der Deutsche Ingenieurinnenbund ist ein Zusammenschluss von Frauen, die im technischen Bereich studieren oder arbeiten. Auf der Homepage finden sich unter anderem Informationen über die Aktivitäten des Vereins, aktuelle Veranstaltungsdaten, eine Jobbörse und eine sehr umfangreichen Linkliste:
http://www.dibev.de/

Im Verein Frauen in Naturwissenschaft und Technik (NUT) haben sich Frauen zusammengeschlossen, die in naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen arbeiten oder studieren:
http://www.nut.de/

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Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2004