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Mehr Druck statt neuer Freiheit

Von Christoph Hus, Handelsblatt
Arbeitssüchtige schaden dem Unternehmen. Denn ist die Arbeitssucht erst einmal ausgebrochen, gehören die Betroffenen schnell zu den Leistungsschwächsten. Zwar verbringen sie immens viel Zeit im Büro, das Ergebnis ihrer Arbeit ist aber mangelhaft.
Können Sie sich auch nach zehn Stunden im Büro nicht überwinden, nach Hause zu gehen? Haben Sie am Ende eines Arbeitstages oft das Gefühl, kaum etwas geschafft zu haben, obwohl sie konzentriert gearbeitet haben? Können Sie freie Tage nicht genießen und sehnen sich selbst sonntags nach dem Büro? Auf die leichte Schulter nehmen sollten Sie diese Beobachtungen nicht. Denn sie beweisen keineswegs, dass Sie ein hart arbeitender, belastbarer und erfolgreicher Mensch sind. Im Gegenteil: Womöglich sind Sie längst arbeitssüchtig, schaden sich selbst und verbauen sich so Karrierechancen.Die Arbeitssucht wird in Deutschland zur Volkskrankheit: ?Ich rechne bereits heute mit bis zu 300 000 Arbeitssüchtigen in deutschen Unternehmen?, warnt Stefan Poppelreuter, Psychologe an der Universität Bonn. Die Zahl der gefährdeten Arbeitnehmer hält der Experte für noch größer: ?Jeder siebte ist stark gefährdet, arbeitssüchtig zu werden.?

Die besten Jobs von allen

Ist die Arbeitssucht erst einmal ausgebrochen, gehören die Betroffenen schnell zu den Leistungsschwächsten. Zwar verbringen sie immens viel Zeit im Büro, das Ergebnis ihrer Arbeit ist aber mangelhaft. Arbeitssüchtige verzetteln sich in ihren Aufgaben und können keine Prioritäten mehr setzen, obwohl sie die höchsten Anforderungen an sich selbst stellen. ?Im schlimmsten Fall verwenden sie auf das Kaffee kochen ebenso viel Energie wie auf die Planung der Unternehmensstrategie?, warnt Poppelreuter, ?das geht nicht lange gut.?Wissenschaftler definieren Arbeitssucht als krankhafte Fixierung auf die Arbeit. Obwohl die Betroffenen an ihrem Job keine Freude haben, unterliegen sie einem inneren Zwang, zu arbeiten. An freien Tagen quälen sie sich mit Entzugserscheinungen wie Alkoholiker. Darunter leiden Gesundheit und Privatleben.Als Ursache für die Sucht haben die Forscher einen Fluchtreflex ausgemacht. Wer sich mit Problemen plagt, stürzt sich in die Arbeit, um die Sorgen zu vergessen. ?Meist sind private Schwierigkeiten die Ursache?, hat der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Holger Heide beobachte, ?etwa Familienstreit oder Geldsorgen.?Die Grenze, an der die Arbeit krankhaft wird, erkennen die Betroffenen selten. Zumal sie ja als fleißig, erfolgreich und stark gelten.Die Einführung neuer Arbeitszeitmodelle in den Unternehmen hat die Suchtgefahren in den vergangenen Jahren noch gesteigert. Wer Dank Gleitzeit selbst entscheiden kann, um welche Zeit er morgens kommt und wann er abends geht, arbeitet oft mehr als zuvor. In vielen Unternehmen gibt der Chef nur noch eine Regel vor: Macht, was ihr wollt, aber seid profitabel. ?Für die meisten Arbeitnehmer bedeutet das keine neue Freiheit, sondern zusätzlichen Druck, weil sie noch mehr Verantwortung tragen?, erklärt Wirtschaftswissenschaftler Heide.Es geht auch anders: Wer zum Beispiel alle Mitarbeiter in Teams einbindet, erschwert das Entstehen der Krankheit. ?Die Betroffenen sind meist Einzelkämpfer und schotten sich zunehmend ab?, erklärt Psychologe Poppelreuter, ?bei Teamarbeit ist das nur schwer möglich, denn die Kollegen üben eine natürliche Kontrolle aus.? Ein weiterer Grundsatz der Prävention: Urlaub und Überstunden dürfen nicht ausbezahlt werden, sondern müssen grundsätzlich abgefeiert werden. Auch diese Regel erschwert das Entstehen einer Arbeitssucht, weil auf eine Phase harter Arbeit stets zwangsweise eine Phase der Entspannung und Erholung folgt.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.11.2003