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Mehr als nur ein Sohn

Von Marcello Berni, Handelsblatt
Piero Ferrari steht für familiäre Tradition und technische Innovation.
MARANELLO. Sogar die Sessel sind rot. Maranello eben. Heimat der ?Rossa?. Der Raum ist tapeziert mit Fotos. Bilder legendärer Siege. Auf dem Schreibtisch liegen neben Bergen von Papier Modelle ? rote Automodelle.Der Blick aus dem Fenster fällt auf die Dächer heiliger Fabrikhallen. Der Vatikan der Automobilindustrie. Treffen mit einem Ferrari. Einem richtigen Ferrari: Piero Ferrari, Sohn von Enzo, dem Gründer der kultigsten Sportwagenfirma der Welt. Blauer Farbtupfer in einer roten Welt. Der Sohn fährt einen blauen Ferrari, trägt blaue Krawatte zum dunkelblauen Anzug ? ganz edel. Der distinguierte ?Signore? mit den grauen Schläfen verkörpert als Vizepräsident und zehnprozentiger Aktionär die familiäre Kontinuität und Tradition im Hause. ?Den Namen zu tragen ist eine große Verantwortung und schlicht eine Freude?, sagt Ferrari. ?Schließlich haben wir nicht nur Kunden, wir haben Fans auf dem ganzen Globus.?

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Man würde dem 56-Jährigen indes Unrecht tun, ihn ausschließlich als Sohn des ?Commendatore? zu betrachten. Denn Piero ist ein echter Ferrari, will heißen ein Vollbluttechniker und ein Unternehmer. ?Morgens muss ich den Turbo spüren?, lächelt er bei der Frage, wie er seine unterschiedlichen Aktivitäten unter einen Hut bringt. Neben seinen Aufgaben im väterlichen Unternehmen ist Ferrari seit 1998 Präsident und Miteigentümer des kleinen, aber feinen Flugzeugherstellers Piaggio Aero Industries. Das traditionsreiche Unternehmen aus Genua baut Privatjets namens P180 Avanti. Einen Ferrari der Lüfte, der es mit jedem Düsenjet aufnehmen kann.Als der Vater einer erwachsenen Tochter gemeinsam mit dem venezolanischen Geschäftsmann José di Mase vor fünf Jahren Piaggio Aero kaufte, stand das 1916 gegründete Traditionsunternehmen unter staatlicher Zwangsverwaltung, produzierte einen einzigen Flieger pro Jahr und war faktisch am Ende. ?Wir aber haben an das Produkt ? die P180 ? geglaubt und an die große Geschichte der Firma.? Mit Recht. 2003 wird Piaggio Aero 18 Flugzeuge herstellen, im kommenden Jahr sollen es nach Ferraris Plänen schon 22 bis 24 Maschinen sein. Und ein Gewinn soll auch dabei herauskommen. Die Perspektive des Unternehmens ist nach Ansicht von Experten durchaus realistisch. Seit die Sicherheitsbestimmungen auf den internationalen Flughäfen verschärft wurden, müssen sich dort auch Konzernchefs auf höhere Wartezeiten einstellen. Da lohnt es sich für den ein oder anderen, darüber nachzudenken, sich eine eigene Maschine zuzulegen. Branchenkenner prognostizieren, dass Privatjets ein Markt mit hohem Wachstumspotenzial sind.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was Piero Ferrari noch alles auf die Beine stelltNeben Piaggio Aero hat der umtriebige Entrepreneur eine Firma namens High Performance Engineering gegründet, die Hochleistungsmotoren entwickelt, beispielsweise für Rennmotorräder der Marke Ducati. Und für Ferrari, versteht sich. ?Das war anfangs nur ein Hobby. Da ich aber die Dinge ernsthaft betreiben möchte, blieb mir nichts anderes übrig, als eine weitere Firma zu gründen. Meine Leidenschaft sind halt einfach Motoren.?In seinem unternehmerischen Denken ist Piero Ferrari sehr italienisch. Das heißt zweierlei. Erstens glaubt er an die Effizienz lokaler Netzwerke. ?Ich bin überzeugt, dass eine Idee von Ducati auch nützlich sein kann für Ferrari und umgekehrt.? Erfahrungsaustausch zwischen Firmen am selben Ort wird in dem kleinteiligen, von mittelständischer Industrie geprägten Land stärker als anderswo gepflegt. Zweitens setzt der Kunstsammler auf die regionale Verwurzelung bestimmter Produktionen.?Es gibt hier rund um Modena und Bologna eine lange Tradition im Motorenbau. Eine Kultur auf allen Ebenen. Wir haben nicht nur herausragende Ingenieure, sondern auch Mechaniker, bei denen jeder Handgriff sitzt.? Wie bei Weinreben liegen die Wurzeln des Motorenbaus sehr tief in der sanften und derzeit herbstlich verregneten Po-Ebene. Als Traditionalist fühlt sich Ferrari der Lebens- und Arbeitsphilosophie seines Vaters Enzo bis heute verbunden. ?Ich habe von ihm gelernt, niemals mit dem Erreichten zufrieden zu ein, immer nach vorn zu blicken und stets etwas Neues anzufangen.?Wenn Enzo Ferrari gefragt wurde, welches seiner Autos ihm am besten gefalle, antwortete er stets: das nächste. Von Piero Ferrari ist Ähnliches bekannt. Bis in die Nacht brütet der gelernte Betriebswirt (?Die Studienwahl war einer meiner größten Fehler?) über noch so winzige Optimierungen in den Eingeweiden der Motoren. Das mit militärischer Strenge kombinierte patriarchalische Wohlwollen seines Vaters ist aber Pieros Sache nicht, weiß ein Mitarbeiter, der schon unter Vater Enzo im Unternehmen gearbeitet hat.Niemals würde der Sohn verlangen, dass seine Angestellten vor ihm stramm stehen. Auf der anderen Seite würde er aber auch niemals deren Brotaufstrich kontrollieren. Das war vor einigen Jahrzehnten beim edlen Sportwagenhersteller durchaus üblich. Denn der Firmenpatriarch wachte über das Wohl und Wehe seiner Leute. War nur Mortadella und kein Schinken auf dem Brot, musste mehr Geld in die Lohntüte. Unvorstellbar, dass Piero Ferrari heute eine ähnliche Brotkontrolle anordnen würde. Die Moderne ist eben auch in Maranello bei den Ferraris angekommen.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.11.2003