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MBA im Schlamm

Kara Scanell
Die Wharton School, eine der führenden Business Schools der USA, schickt ihre Studenten zu den Marines. Dort sollen sie Führungsstärke lernen.
Jean Huang ringt um ihr Gleichgewicht. Unter der genau 7,6 Zentimeter breiten Seilbrücke, auf der sie steht, rauscht ein Fluss, über ihr verläuft ein teilweise mit Minen versehenes Seil. Mit jeder Drehung ihres Körpers schwingt die wackelige Seilbrücke. "Nimm dir Zeit", ruft Ali Syed, ein Mitglied der vierköpfigen Einheit von Huang. Aber Zeit ist knapp. Der Befehl des Kommandos lautet, einen Neun-Kilo-Behälter mit Munition über den Fluss zu transportieren, bevor vorrückende feindliche Truppen eintreffen. Und der Marsch bis zu diesem Punkt war schon hart genug gewesen. Huang kämpft sich Zentimeter um Zentimeter vorwärts, während Tom Bevan, ein weiteres Mitglied des Trupps, am anderen Ende der Seilbrücke wartet. Er ergreift die Hand von Huang und hilft ihr dabei, sicheren Boden unter die Füße zu bekommen. Ein weiterer Morgen voller harter Übungen für Kandidaten des amerikanischen Marine Corps, der Eliteeinheit der US-Armee? Nicht ganz. Es handelt sich hier um MBA-Studenten von der Wharton School of Business der University of Pennsylvania in Philadelphia. Um Führungsqualitäten zu erwerben, sind 88 Wharton-Schüler - 55 Männer und 33 Frauen - zur Basis der knallharten Eliteeinheit der US-Marines in Quantico gekommen. Hier sollen sie an einem Tag die Officer Candidates School, kurz OCS, von innen kennenlernen.

Die Auserwählten, die Stolzen, die Yuppies. Zu einem Zeitpunkt, da Tausende von MBA-Absolventen pro Jahr produziert werden, und die führenden Business Schools aggressiv miteinander konkurrieren, setzt Wharton darauf, dass ein kleiner Geschmack vom Leben im Schützengraben eine wertvolle Erfahrung für seine Studenten ist. Der simulierte Kampfeinsatz, in dem Huang und ihre Einheit auf die Probe gestellt wurden, ist ein physisch und mental fordernder Teil des Leadership Reaction-Kurses des Marine Corps, bei dem die rekrutierten Männer und Frauen Entschlossenheit und Mannschaftsgeist entwickeln sollen. "Es gibt ihnen die Möglichkeit zu üben, wie man in einer unsicheren, chaotischen Umgebung Entscheidungen fällt", erklärt Major Patrick N. Kelleher, Operations Officer an der OCS. Unter diesen Bedingungen, so meint er, "wird die einfachste Sache unmöglich".

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Ganz ähnlich den Unternehmen, die ihre Führungskräfte zum Überlebenstraining in die Wildnis schicken, hat auch Wharton in den vergangenen fünf Jahren Studenten einer Vielzahl von Outdoorerfahrungen ausgesetzt -- von den tiefer gelegenen Hängen des Mount Everest bis zum Schlachtfeld von Gettysburg -- um ihnen jene Führungsqualitäten zu vermitteln, die nicht in den Lehrbüchern stehen. Für einen Tag Marine zu spielen, ermöglicht es den Wharton-Studenten, die Herausforderung zu erleben, in Situationen höchster Anspannung die Beherrschung nicht zu verlieren. Aus diesem Grund hat die Wharton School, die dafür bekannt ist, einige der führenden analytischen Köpfe der amerikanischen Unternehmenswelt heranzuziehen, die Studentengruppe an diesem Frühlingstag nach Quantico gebracht.

Zwei Busse voller Studenten treffen kurz nach Einbruch der Dunkelheit auf dem ruhigen Campus von Quantico ein. Schnell verlieren die Studenten die Fassung, als ein Marine-Soldat in Kampfanzug und Rangerhut den Bus erklimmt und Befehle herausschreit. Die Studenten klettern aus dem Bus und stellen sich in einer Reihe auf. Den Atem der Ausbilder im Nacken rennen sie zu einem Haufen voller Ausrüstungsgegenstände und greifen sich ihre Gerätschaften für den nächsten Tag: einen Helm, Kochgeschirr und die Abdeckung dazu und den Gürtel mit Werkzeug für den Ernstfall. Jedes Zögern der Studenten wird mit einer unverblümten Verhöhnung der Ausbilder quittiert. Das Ergebnis: Es ist fast immer besser, etwas zu tun als nichts zu tun. Die neue Erfahrung brachte auch ans Tageslicht, wie gut die Studenten unter chaotischen Umständen die Selbstbeherrschung behielten. MBA-Studentin Stephanie Ralph räumt ein, dass sie "ausgeflippt" sei. Rahman Rezal, Student im ersten Jahr, fügt hinzu: "Jedes großspurige Ziel flog in dieser Nacht über Bord. Wir kamen uns richtig klein vor."
Im Geschäftsleben ist körperliches Durchhaltevermögen oft genauso wichtig wie geistige Scharfsinnigkeit, glaubt Professor Michael Useem, Direktor des Wharton-Center for Leadership and Change. Für die Studenten und Marine-Offiziere in der Ausbildung bedeutet das in der Praxis, den Kampfparcours von Quantico zu durchlaufen. "Der Parcours ist so angelegt, dass man seine selbst gesetzten Grenzen überschreitet", sagt Colonel George J. Flynn, Commanding Officer der OCS. Natürlich bekommen Wharton-Studenten nur einen Vorgeschmack auf die Anstrengungen, die Militäroffiziere während ihres zehnwöchigen Aufenthalts an der OCS aushalten müssen. Ein Offizier beschreibt die Situation "als eine der schlimmsten Erfahrungen in meinem Leben."

Beim ersten Einsatz der Studenten - eine verletzte Geisel soll befreit werden, bevor die feindlichen Truppen zurückkommen - instruiert Syed seine "Truppen" und entwirft einen Angriffsplan. Das wird sich als Grund für das Fehlschlagen der Mission herausstellen. Mit den fünf Minuten, die sie zur detaillierten Entwicklung ihrer Strategie brauchen, ist schon die Hälfte der ihnen zugestandenen Zeit verstrichen. Der einzige Weg, auf dem man die Geisel erreichen kann, führt durch ein Abwasserrohr in einem Bett von Minen. Die Aufgabe erscheint einfach genug: benutze ein Holzbrett, um dich damit hinunter zum Rohr zu schieben und es dann wieder einzusetzen, um an Land und zur Geisel zu kommen. Aber der 90 Kilo schwere Körper der Geisel ist kaum hochzukriegen, ihn durch das Rohr zu transportieren, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Mehr als zehn Minuten vergehen; im wirklichen Leben hätten sie versagt. "Die Studenten neigten dazu, den besten Plan zu suchen. Dagegen sind Marines eher bereit, einen guten Plan anzunehmen und seine Unzulänglichkeiten durch einen physischen Ansatz auszugleichen", urteilt Major Kelleher.

Den Corpsgeist der Elitesoldaten auf die Unternehmenswelt zu übertragen, kann schwierig sein, sagen einige Studenten. Jessica Mozeico, Studentin im zweiten Jahr, sagt, sie frage sich, wie man "jemandem diese emotionale Verbindung einflößen kann, da man in der Geschäftswelt keinen Sinn für Loyalität hat, wie er etwa im Marine Corps vorherrscht." Auf dem Kampfparcours stoßen die Studenten auf eine Menge von entmutigenden physischen Tests. Die Aufgaben umfassen das Ersteigen einer Steilwand mit einer Neigung von 18 Grad; das Entlanghangeln an einem Seil in sechs Metern Höhe - auf dem Bauch; mit dem Gesicht nach unten durch übel riechenden Schlamm zu kriechen, durch Rollen von Stacheldraht hindurch, nur unter Einsatz von Ellbogen und Knien. Oder das Durchwaten des Quigley, eines 1,20 Meter tiefen Streifens kalten und sumpfigen Wassers, um den Kampfparcours von 1,6 Kilometern Länge zu beenden. "Der Gestank des Quigley...daran werde ich mich noch wochenlang erinnern", sagt Andy Stack, Student im zweiten Jahr.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.06.2001