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Mayday, Mayday ? Bombay!

Der Wiener Wolfgang Prock-Schauer hat die indische Jetairways saniert und ganz nach oben gebracht. Jetzt muss er sie trotz explodierender Treibstoffkosten und ruinösen Wettbewerbs oben halten. Außerdem sucht der 51-Jährige ein neues Drehkreuz in Europa.
Mit neuen Maschinen des Typs Airbus 330-200 greift Jetairways in Europa an. Foto: ap
ISTANBUL. Frank und frei ist Wolfgang Prock-Schauer nicht auf den Vorstandsvorsitz von Jetairways geflogen. Halb sank der Österreicher hin. Halb zog ihn Naresh Goyal, der Gründer und Chairman der indischen Fluglinie.Als der Wunschkandidat des etwa 1,55 kleinen wie listigen Selfmademillionärs aus Indien zu lange zögert, lässt der frank und frech eine indische Tageszeitung titeln: ?Prock-Schauer new CEO of Jet?. Die Nachricht überrascht nicht nur Prock-Schauer, sondern auch seinen damaligen Arbeitgeber Austrian Airlines ? und verselbstständigt sich.

Die besten Jobs von allen

Wolfgang Prock-Schauer weiß, warum er im Jahr 2003 zögert. Der Auftrag, Jetairways zu einer der führenden Fluggesellschaften der Welt auszubauen ? und zwar quantitativ wie qualitativ, ?in den Abläufen Lufthansa und im Service Singapore Airlines? ?, ist eigentlich ein Himmelfahrtskommando.Nach 22 Jahren Austrian Airlines etwas alpenmüde, startet Prock-Schauer dann aber bei der Bombayer Fluggesellschaft durch. Mit einem für das Geschäftsjahr 2008 (bis Ende März) erwarteten Umsatz von 2,6 Milliarden Dollar ist Jetairways heute die zweitgrößte Fluggesellschaft Indiens ? nach der staatlichen Air India ? und schreibt seit 2004 schwarze Zahlen. Für Pünktlichkeit und Service gibt es Preise. In Europa fliegt Jetairways nach London und Brüssel und hat bereits einen dritten Standort ? München, Mailand, Zürich oder Wien ? auf dem Radar.Aber entspannt zurücklehnen kann sich der 51-jährige Österreicher heute noch weniger als früher.In einem Wachstumsmarkt zu wachsen ist das eine. Bei explodierenden Ölpreisen, ruinösem Preiskampf und sinkender Nachfrage in der Luft zu bleiben ist das andere.?Jetzt ist der Zeitpunkt in meiner Karriere erreicht, an dem es gilt, die Nerven zu bewahren und meine Fähigkeiten zu beweisen?, sagt Prock-Schauer. Von kleiner Statur, mit lockigen, grauen Haaren und kleinen, braunen Augen sieht er aus wie der jüngere Bruder eines anderen österreichischen Luftfahrtmanagers von Weltrang: Wolfgang Mayrhuber, seit 2003 Vorstandschef von Lufthansa.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er ist kein Mann der großen Auftritte Der Rekordölpreis und der harte innerindische Konkurrenzkampf mit der fusionierten Air India/Indian Airlines und Kingfisher hat Jetairways ? aber im wahrsten Sinne des Wortes ? schon auf den Boden gebracht. Zwei der 20 nagelneuen Langstreckenmaschinen vom Typ B777 hat Prock-Schauer aus dem Verkehr gezogen. Und für das gerade begonnene Geschäftsjahr 2009 ist er am Rande der von Krisenszenarien geprägten Jahrestagung des Weltluftfahrtverbands IATA in Istanbul ?nicht mutig genug? oder, wie er sich verbessert, ?nicht übermütig genug, einen Gewinn zu prognostizieren?.Der Sinkflug ist eine neue Erfahrung für Prock-Schauer und für Jetairways ? nach einem nicht enden wollenden Steigflug. Der Turn-around gelingt dem gebürtigen Wiener, der nicht den übertriebenen Küss-die-Hand-schöne-Frau-Stil pflegt, sondern locker-herzlich auftritt, gleich in seinem ersten Geschäftsjahr bei Jetairways. Der Jahresgewinn von 41 Millionen Dollar bei einem Umsatzplus von 30 Prozent auf 789 Millionen Dollar im Geschäftsjahr 2004 ist die Basis für den Börsengang.Die zehntägige Roadshow, die er gemeinsam mit Jetairways-Gründer Naresh Goyal zum Jahreswechsel 2004/2005 durchzieht, um Investoren zu gewinnen, führt von Bombay nach Singapur und Hongkong, weiter nach Los Angeles, Boston und New York, schließlich nach London und zurück nach Bombay. Die ?Wahnsinnstour? zahlt sich aus. Die Aktien für 20 Prozent der Anteile sind im Februar 2005 mehrfach überzeichnet. Die erlösten 432 Millionen Dollar fließen in den Schuldenabbau und das Auslandsgeschäft.Der Mann der großen Auftritte ist Prock-Schauer, dessen Vertrag bis Mai 2009 läuft, bis heute nicht. Während der umtriebige Goyal in Istanbul im Veranstaltungsblatt ?Airline Business Daily? in großer Aufmachung vor ruinösen Preiskämpfen warnt (?The whole industry is in trouble. Basically we all have to behave and stop this irrational pricing?), wirkt Prock-Schauer im Hintergrund. Im Kongress-Saal in Istanbul ist er selten zu sehen. Er pflegt bei der Tagung des Weltluftfahrtverbandes IATA das Vieraugengespräch ? in der Lobby oder in der Bar im 14. Stock.Lesen Sie weiter auf Seite 3: München könnte sein neues Drehkreuz werden Mit dem direkten Einfluss des indischen Eigentümers hat er gelernt umzugehen. ?Wolfgang Prock-Schauer zeichnet seine Beharrlichkeit aus. Ohne die und eine gute Portion Gleichgültigkeit hätte er es nie so lange in Indien ausgehalten?, sagt Wolfgang Borchert, lange Jahre Chefpilot bei Jetairways und seit wenigen Monaten in führender Position bei Maximus Aircargo in Abu Dhabi.Der Österreicher vergisst trotz des ruinösen Preiskampfes und des Rekordölpreises nicht die internationale Expansion ? sollte er auch nicht.Indien ist ein riesiger Heimatmarkt mit einer Milliarde Menschen. Da gibt es immer mehr Geschäftskunden, die eine Fluggesellschaft für Langstreckenflüge ins Ausland brauchen. Das weiß Prock-Schauer. ?Für den Verkehr nach Europa und Nordamerika brauchen wir neben London und Brüssel noch einen weiteren Standort im Herzen von Europa?, sagt der Jetairways-Chef.Er interessiert sich für München, Mailand, Zürich und ? Wien. Direktflüge in die österreichische Hauptstadt hätten für Prock-Schauer nicht nur ihren privaten Charme. Seine Familie wohnt nahe Wien und mit Besuchen alle drei, vier Wochen ist das, so Prock-Schauer, ?nicht das ideale Familienleben?.Wien zeichnet sich zudem dadurch aus, dass mit Austrian Airlines ein kleiner, aber verlässlicher Partner für Zubringerflüge parat stehen würde wie in Brüssel mit Brussels Airlines. In München, Mailand und Zürich würde Jetairways hingegen auf den großen österreichischen Bruder von Lufthansa treffen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Lange arbeitet er bei Austrian Airlines WolfgangProck-Schauer 1956Er wird am 12. November geboren. Später studiert Wolfgang Prock-Schauer Wirtschaft an der Universität Wien.1981Seine Karriere startet er bei der Fluggesellschaft Austrian Airlines. Er arbeitet viele Jahre im Planungsstab, wo er schließlich zum Vice President der Konzernplanung aufsteigt.1999Prock-Schauer ist daran beteiligt, als Austrian Airlines dem Luftfahrtbündnis Star Alliance beitritt.2000Er wird Chef der Konzernplanung und des Managementteams für Marketing und Vertrieb von Austrian Airlines sowie Mitglied des Aufsichtsrats von Tyrolean Airways. Er wirkt an der Verschmelzung von Austrian Airlines, Lauda Air und Tyrolean mit.2002Er steigt an die Spitze des Managements der Star Alliance auf.2003Prock-Schauer wird Vorstandschef der indischen Fluglinie Jetairways. Er saniert sie, bringt sie an die Börse und baut das Auslandsgeschäft auf. In Indien ist er ein gefragter Manager. Ein Angebot des indischen Konkurrenten Kingfisher, über das die ?Times of India? groß berichtet hat, lehnt er 2008 ab.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.06.2008