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Matchball für Dieter

Von Martin-W. Buchenau
Als Heinz Dürr den jungen und branchenfremden Manager Ralf Dieter in sein Unternehmen holte, zweifelten viele an dieser Wahl ? zu Unrecht, wie sich nun abzeichnet. Dieter ist immer den anderen Weg gegangen, auch Umwege hat er in Kauf genommen, doch nie hat er sein Ziel aus den Augen verloren: Den Chefsessel des Weltmarktführers von Lackieranlagen.
STUTTGART. Beim firmeninternen Tennis-Turnier ist Ralf Dieter voll dabei. ?Hast du schon den Spielplan gesehen?? ruft er einem Kollegen auf dem Flur zu. Einige Tage später schafft es der Rechtshänder bis ins Viertelfinale.Nun bringt der Chef der Dürr AG gewisse Vorteile aus der Vergangenheit mit: Nach dem Abitur versuchte er sich zu Beginn der 80er als Tennislehrer durchzuschlagen. Sechs Monate dauerte das, dann hatte er genug und verpflichtete sich als Zeitsoldat für zwei Jahre bei der Bundeswehr.

Die besten Jobs von allen

Auch das Bauingenieurstudium an der TH in Karlsruhe war nicht die richtige Wahl: Er wechselte nach zwei Jahren in die volkswirtschaftliche Fakultät und ging zum Hauptstudium nach Freiburg. Die Hochburg der Ordoliberalen galt damals nicht gerade als Kaderschmiede für Topmanager.Bis dahin also war wirklich nicht abzusehen, dass sein Weg ihn steil nach oben führen sollte ? auf den Chefsessel des Weltmarktführers von Lackieranlagen.?Mir war bei Volkswirtschaft der Blick über den Tellerrand wichtig. Betriebswirtschaftliches Handwerkszeug kann man sich schnell selbst aneignen?, sagt er selbstbewusst. Noch heute ist der gebürtige Baden-Badener stolz, sein Studium selbst finanziert zu haben. Geld verdiente er als LKW-Fahrer und später als Werkstudent bei IBM. Im Auftrag der Deutschland-Tochter des US-Konzerns schrieb er seine später prämierte Diplomarbeit über computergesteuerte Industrieprozesse. Die anfänglich fehlende Zielstrebigkeit stellte sich in Freiburg schnell ein.Als er am 1. Januar 2005 in den Dürr-Vorstand wechselt, gilt er bei den Kunden aus der Autobranche als Nobody. Wenige trauen ihm zu, das durch eine überzogene Expansion in Schieflage geratene Familienunternehmen auf Kurs zu bringen.Etwas angegriffen sieht er kurz darauf, im Herbst 2005, aus. Vorstandschef Stephan Rohjahn wurde inzwischen bis zum Jahresende kaltgestellt, er führt bereits kommissarisch die Geschäfte und Dürr droht von Investoren übernommen zu werden: Die Commerzbank hat ihre Forderungen an Hedge-Fonds verkauft. Nur durch Notverkäufe kann das Unternehmen die Schulden verringern und die Banken beruhigen. Auch die Eigentümerfamilie des Unternehmers Heinz Dürr muss Kapital zuschießen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gutes Verhältnis mit dem eigenwilligen Familienoberhaupt Heinz DürrKonzentration auf das Kerngeschäft ist die Devise. Acht Jahre zuvor war der Konzern noch auf Einkaufstour gegangen. Der Neue muss das Rad mit aller Kraft zurückdrehen: 800 Stellen streicht Dieter innerhalb von 18 Monaten. Bis Jahresende läuft die Frist, 650 hat er schon geschafft. ?Das war schon eine knifflige Situation für das Unternehmen?, erinnert er sich. Schließlich hatte er so etwas zuvor auch noch nicht erlebt.Sein Verhältnis zum eigenwilligen Familienoberhaupt Heinz Dürr, 73, beschreibt Dieter als ?offen und gut ? wir haben ähnliche Gedanken?. Die Anteile der Familie des ehemaligen Vorstandschefs der AEG und der Deutschen Bahn liegen zwar inzwischen bei nur noch 40 Prozent, aber durch einen Poolvertrag mit der Landesbank Baden-Württemberg kommen die beiden Partner über 50 Prozent und haben das Sagen.Dieter kamen in seiner Karriere meist die Kenntnisse zugute, die er sich beim vorangehenden Job angeeignet hatte. Nach dem Studium geht er 1989 nicht etwa zu einem der Großen der IT-Branche, sondern zur mittelständischen EDV-Beratung DAT-AG.Dort arbeitet er sich schnell hoch, vor allem, weil er sich in der Kooperation mit dem US-Partner und späteren Eigentümer bewährt. Als er spürt, dass die Konzernmutter beginnt, strategische Fehler zu machen, wechselt er 1995 zu IBM als Vertriebsleiter für Geschäftskunden. Inzwischen ist er zu einem absoluten Vertriebsprofi gereift. Er steigt als Direktor bis in die Europazentrale in Paris auf, verantwortet dort mit 38 Jahren ein Umsatzvolumen von 3,6 Milliarden Euro: ?Diese Zahlen hören sich toll an, aber der Verwaltungsjob wurde mir schnell langweilig.?Noch vor dem Platzen der Internet-Blase kehrt er der IT-Branche den Rücken und wechselt zu Carl Zeiss nach Oberkochen. Dort wird er Bereichschef der Industriellen Messtechnik GmbH mit 1 400 Beschäftigten und knapp 300 Millionen Euro Umsatz. ?Die Zukunft des Maschinenbaus ist die Dienstleistung?, wird Dieters Credo. Er kauft schnell ein Dienstleistungsunternehmen und formte die Messtechnik zum Komplettanbieter. Bei Zeiss ist er heute noch bekannt als ?pragmatischer Manager ohne Allüren, der einen guten Job gemacht hat?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Dieter nach oben kommtDort fällt er auch Heinz Dürr auf, der damals als Stiftungskommissar quasi Aufsichtsratschef des schwäbischen Unternehmens war. Und er erkennt Dieters Ambitionen, weiter nach oben zu kommen. Der Zeiss-Vorstand ist aber relativ jung, und Dieter sagt von sich selbst: ?Warten ist nicht mein Stil.? 2003 wechselt er als Chef zum Dürr-Unternehmen Carl Schenck. Nur ungern lässt ihn Zeiss ziehen.Dieter saniert das traditionsreiche Darmstädter Unternehmen, indem er die Randaktivitäten verkauft: 2004 schreibt es wieder schwarze Zahlen ? die Meriten, die ihn für den Dürr-Job qualifizieren.IT, Weltkonzern, Vertrieb, Sanierung: Der 45-Jährige, der erheblich jünger wirkt, hat schon viel hinter sich. Fast von jeder Station steht in seinem Arbeitszimmer ein kleines Andenken. ?Das ist die Zeiss-Ecke?, sagt er und hält ein Messtechnik-Modell hoch. Viel Zeit, sich mit der Vergangenheit aufzuhalten, hat der junge Vorstandschef allerdings nicht. Bei Dürr wartet mühevolle Kleinarbeit. Dieter will den Konzern auf Profitabilität trimmen, Arbeitsplatzabbau aber vermeiden: ?Ich will nicht wegrationalisieren, sondern intelligentere Prozesse.?Mit Offenheit und Information will er die Mitarbeiter überzeugen und zu mehr Flexibilität ermuntern. Bisweilen überrascht er schon mal Mitarbeiter mit der Einladung zum Frühstück mit Gedankenaustausch. ?Ich arbeite gern für Menschen?, sagt der verheiratete Manager.Erste Erfolge zeigte das Halbjahresergebnis. Seit dem zweiten Quartal arbeitet das Unternehmen wieder mit Gewinn. Die Aktie wird von Analysten inzwischen wieder empfohlen. Aber der Markt bleibt hart. Lackieranlagen zählen zu den Herzstücken eines jeden Autowerkes. Dürr ist immerhin mit seinen Anlagen in über der Hälfte der Automobilwerke in der Welt vertreten.Angesichts der Überkapazitäten bei den europäischen Herstellern werden aber kaum neue Werke gebaut. Umso wichtiger wird das Ersatz- und Modernisierungsgeschäft. Dieter braucht dafür eine schlagkräftige Vertriebsmannschaft. Eine neue einheitliche IT-Struktur für über 10 Millionen Euro soll für bessere Abläufe sorgen. IT- und Vertriebsexperte Dieter ist da in seinem Element.Doch wird er all das umsetzen? Schließlich hat er in seiner Karriere schon reichlich Wechsel hinter sich. Wann wird es in Zuffenhausen langweilig? Er lächelt: ?Es wird hier noch lange spannend sein.?
Dieser Artikel ist erschienen am 01.09.2006