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Marschall Vorwärts

Von Oliver Stock
Der Nachfahre eines hinterpommerschen Geschlechts, das auf die Linie des Generals von Blücher zurückgeht, wird Verwaltungsratspräsident des größten Schweizer Industrieunternehmens ABB. Kein Zweifel, das Gehirn dieses Mannes arbeitet wie die Hände eines Schlagzeugers: zwei Rhythmen gleichzeitig sind kein Problem. Der eine Teil kann ein Problem lösen, während der andere sich einer davon völlig verschiedenen Aufgabe widmet.
Das Gelände ist steil, der Schnee hier oben an diesem Dezember-Tag in Norwegen tief, der Weg voller Kurven. Am Steuer sitzt Hubertus von Grünberg, eine Windjacke über den braunen Anzug geworfen, der an seinem schlaksigen Körper immer anderthalb Nummern zu groß aussieht. Von Grünberg, seit Ende vergangener Woche designierter Verwaltungsratspräsident des größten Schweizer Industrieunternehmens ABB, ist zu dieser Zeit, in den neunziger Jahren, Chef des hannoverschen Reifenherstellers Continental. Da lässt er es sich nicht nehmen, seine Produkte selbst zu testen.Aber er wäre nicht von Grünberg, wenn er nicht nebenbei oder hauptsächlich, was eine Frage der Perspektive ist, ein Interview zur Strategie des viertgrößten Reifenherstellers der Welt führen würde. Das geht dann so: "Herr von Grünberg, wie viele Reifenwerke in Westeuropa können überleben?" Von Grünberg schaltet runter in den zweiten Gang, um den Mercedes, ohne bremsen zu müssen, auf niedrigere Geschwindigkeit zu bringen. "Die Schließungsstrategie ist eine Aggression in Richtung Menge", sagt er, kurbelt gefühlvoll am Steuer nach rechts, "kein Verzicht." Eine Schneewehe macht die Kurve enger als gedacht. "Ich muss mit arbeitslohnintensiven Produkten" - er bremst doch, das ABS-System hält den Wagen in der Kurve, über sein blasses Gesicht zuckt ein zufriedenes Lächeln - "in Billiglohnländer gehen. Dazu mag man stehen, wie man will: Ich brauche" - das linke Vorderrad rutscht doch noch knirschend in einen Schneehaufen - "die Investoren, weil ich auf einen hohen Aktienkurs" - er schaltet in den Rückwärtsgang - "angewiesen bin. Je höher der ist" - er dreht den Kopf, setzt einige Meter zurück, bis alle vier Räder wieder greifen -, "desto größer ist mein unternehmerischer Manöverraum."

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Kein Zweifel, das Gehirn dieses Mannes arbeitet wie die Hände eines Schlagzeugers: zwei Rhythmen gleichzeitig sind kein Problem. Der eine Teil kann ein Problem lösen, während der andere sich einer davon völlig verschiedenen Aufgabe widmet. Über Einsteins Relativitätstheorie hat der gelernte Physiker einst promoviert. "Ich wollte ein Studium, in dem nur zehn Prozent der Studenten einen Abschluss schaffen", sagt er. "Ich war fasziniert von den Zahlen, von den Formeln, von der Schönheit der Algebra, die für mich der Schönheit - nicht dem Reiz - einer Frau gleichkommt", diktiert er später einem Reporter in den Block. "Nach der Beschäftigung mit Einsteins Relativitätstheorie hatte ich beruflich vor nichts mehr Furcht."Furcht wäre damals 1991, als von Grünberg an die Spitze der hannoverschen Conti gelangt und damit in die Topliga der internationalen Manager aufsteigt, auch ein verdammt schlechter Ratgeber gewesen. Conti ist die Nummer vier im Reifengeschäft, zu klein, um Preise zu bestimmen, zu groß für Nischen. Die Hannoveraner haben sich mit Zukäufen in den USA verhoben. Pirelli plant eine unfreundliche Übernahme. Von Grünberg schließt Allianzen, zieht den niedersächsischen Ministerpräsidenten, der Gerhard Schröder heißt, auf seine Seite, wehrt den Angriff ab und richtet den Konzern neu aus: Er kauft seinen ehemaligen Arbeitgeber Teves und macht Conti damit mehr und mehr zum integrierten Autozulieferer. Im Sommer 1999 wechselt er auf eigenen Wunsch an die Spitze des Conti-Aufsichtsrats. Es ist von Grünbergs Fundament, auf dem Conti im vergangenen Jahr zu dem Dax-Unternehmen geworden ist, dessen Aktie am besten abgeschnitten hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Keine Boheme""Keine Boheme"Regelmäßig lädt von Grünberg damals einen kleinen Kreis von Eingeweihten zu sich nach Hause in einen Stadtteil von Hannover, der eher einer Arbeitergegend als einem Bonzenviertel gleicht. "Keine Boheme", schärfte Grünberg dem Makler ein, der ihm bei der Häusersuche half. Wenn er dann die Gäste begrüßt, schnellt die Hand nach vorne. Seine Worte drehen sich niemals ums Wetter. Seine Sprache ist präzise, schnell, kompliziert, sich in Relativsätzen ergehend, zu Randthemen abschweifend, mit Anekdoten versehen, voller atemlos vorgetragener Details, kein Motiv im Dunkeln belassend und am Ende doch auf einen Abschluss, einen Punkt zulaufend. Er weiß das. Kokettiert mit seiner Wortgewaltigkeit und fragt freundlich: "Habe ich Ihre Frage in der letzten halben Stunde beantwortet?" Dann schreitet er zum Dessert, nicht weil er die Gäste danach loswerden will, sondern weil er Desserts liebt. Büfetts dürften für ihn nur aus Desserts bestehen. Der harte Mann mit der blassen Haut, den US-Magazine wegen seiner Unbarmherzigkeit den "Weißen Hai" getauft haben, mag das Süße."Der Grüne", wird er in der Konzernzentrale in Hannover genannt, wo sie den Adel nicht so mögen, den er als Nachfahre eines hinterpommerschen Geschlechts trägt - ein Geschlecht übrigens, das auf die Linie des Generals von Blücher zurückgeht, den seine Soldaten wegen seiner offensiven Truppenführung "Marschall Vorwärts" nannten. "Er ist ein Introvertierter, der den Extrovertierten gibt", lautet eine Einschätzung aus dem Kollegenkreis. Ein Linkshänder, der sich zwingt, rechtshändig zu schreiben und dabei all die, die das sowieso beherrschen, übertrifft.Er ist damit seinem Vorgänger bei ABB nicht unähnlich: Jürgen Dormann ist auch so ein Preuße, der seine Befriedigung daraus schöpft, sich zu Aufgaben zu zwingen, die sich andere nicht antun. So wie von Grünberg Conti, so hat Dormann ABB saniert, bevor er sein Amt als Chef vor knapp zwei Jahren an Fred Kindle abgab und sich bei dem Schweizer Industrieunternehmen auf den Verwaltungsratsvorsitz zurückzog. Dormann wechselt jetzt zum Zeitarbeitsunternehmen Adecco. Der 64-jährige von Grünberg, der durch sein Verwaltungsratsmandat beim Aufzughersteller Schindler in Luzern den Eidgenossen kein Unbekannter ist, soll ihm mit der Generalversammlung im Mai folgen. "Beides Menschen, die es immer wieder noch einmal wissen wollen", kommentiert ein ABB-Mitarbeiter, "eben beides keine Rentnertypen."Von Grünberg würde dem vermutlich etwas über die Relativität des Alters hinzufügen. Oder sich einfach noch ein Dessert nehmen und ABB auf die Überholspur manövrieren.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Hubertus von GrünbergVita von Hubertus von Grünberg1942 wird er im pommerschen Swinemünde geboren. Er studiert in Köln, wo er 1968 sein Diplom als Physiker erhält und über Einsteins Relativitätstheorie promoviert.1971 steigt von Grünberg beim Autozulieferer Teves in Frankfurt ein, für den er fünf Jahre später nach Brasilien und 1981 in die USA geht. Im Jahr darauf wird er Geschäftsführer für Entwicklung und Technik und 1984 Teves-Vorstandschef.1991 übernimmt er die Führung des Reifenherstellers Continental, bringt den Konzern aus der Krise und kauft Teves.1999 zieht er sich auf den Posten des Aufsichtsratschefs bei Conti zurück und übernimmt Mandate in den Kontrollgremien bei Schindler und der Deutschen Telekom.2007 wird von Grünberg Verwaltungsratspräsident der Schweizer ABB.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.02.2007