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Marktcheck Volkswirtschaftslehre

Das Ideal der freien Marktwirtschaft ist simpel: Angebot und Nachfrage halten sich die Waage. Soweit die Theorie im Studium. Auf dem Arbeitsmarkt lernen Volkswirte das Ungleichgewicht kennen – Stellen in klassischen VWL-Domänen sind rar. Und die gute Nachricht: Ausreichend Jobs gibt es trotzdem.
Das Ideal der freien Marktwirtschaft ist simpel: Angebot und Nachfrage halten sich die Waage. Soweit die Theorie im Studium. Auf dem Arbeitsmarkt lernen Volkswirte das Ungleichgewicht kennen – Stellen in klassischen VWL-Domänen sind rar. Und die gute Nachricht: Ausreichend Jobs gibt es trotzdem. Wer betriebswirtschaftlich fit ist, kann auch außerhalb der traditionellen Einsatzgebiete punkten.

VWLer sind per se keine Generalisten. Das ist ihr Problem. Volkswirtschaftliche Abteilungen, in denen ihr spezielles Know-how gefragt ist, lassen sich an einer Hand abzählen – das können sich neben Banken, Versicherungen und Verbänden meist nur große Finanzdienstleistungsunternehmen leisten.

Die besten Jobs von allen


In diesen Abteilungen arbeitet inzwischen ein Viertel der 123.000 beschäftigten Volkswirte. Nur jeder Vierte ist laut Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) älter als 50 Jahre und wird in absehbarer Zeit Platz für Nachfolger machen.

Die Zahl der Stellenangebote, die explizit für Volkswirte ausgeschrieben sind, ist entsprechend überschaubar. Gerade mal knapp 1.000 Offerten liefen im vergangenen Jahr bei den Arbeitsämtern ein. Jeweils etwa 2.000 Stellen pro Jahr wurden zwischen 1994 und 1999 über Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften angeboten, stellte die Hamburger Personalberatung SCS fest.

Jedoch: ?Volkswirte können sich oft auf Stellen bewerben, die an Betriebswirte oder allgemein an Wirtschaftsakademiker gerichtet sind?, motiviert Sigmar Gleiser von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV), Bonn. ?Und das waren im vergangenen Jahr nach Stellenindex der Hamburger Personalvermittlung Adecco rund 60.000.?

Damit erweitert sich das Einsatzfeld der Volkswirte enorm. In Branchen wie Transport und Logistik beispielsweise wickeln Volkswirte Großaufträge ab, in der Telekommunikation sind sie als Analysten und Produktmanager gefragt.

Hier übernehmen Volkswirte ganz neue Funktionen: Sie analysieren und prognostizieren nicht nur wirtschaftliche Entwicklungen, sondern erledigen auch Verwaltungsaufgaben, arbeiten im Finanz- und Rechnungswesen, als Projektkoordinatoren, in der Weiterbildung, im Vertrieb und in der strategischen Planung.

Diplom-Volkswirt Michael Latta, 31, bewarb sich nach seinem Studium in Bonn vor allem auf Stellen im Projektmanagement. ?29 Bewerbungen habe ich losgeschickt, neunmal wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen.? Den Zuschlag gab er einer Versicherungsagentur, für die er als Assistent der Geschäftsleitung tätig ist. Für seine Kommilitonen sah es nicht schlechter aus: Gleich drei fingen bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft an. Immerhin sieben Prozent aller Wirtschaftsprüfer sind heute Diplom-Volkswirte.

?Wer als VWLer sein Studium betriebswirtschaftlich ausrichtet, hat ohne Zweifel größere Jobchancen?, sagt Dieter Schädiger, Vize-Präsident des Bundesverbands Deutscher Volks- und Betriebswirte. Gute Karten habe derzeit, wer sich auf Finanzwirtschaft, Controlling, Marketing oder Steuern spezialisiere.

Grundsätzlich gilt: BWL-Kenntnisse machen Volkswirte für den Markt attraktiv. ?In vielen Bereichen können Volkswirte auf diese Weise mit BWLern mitziehen. Bevorzugt werden sie aber nicht?, meint Susanne Culo, die bei Kienbaum Unternehmen bei der Auswahl von High Potentials berät.

Vor allem mit Branchenwissen können Volkswirte ihren Marktwert dann noch weiter steigern. ?Der Königsweg?, sagt Culo, ?führt wie überall über Praktika.? Und den müssen sich Volkswirte in ihrem oft theorielastigen Studium selbst ebnen.

Zu den Hauptarbeitgebern der Volkswirte zählt traditionell der öffentliche Dienst. Viele Volkswirte forschen und lehren an Hochschulen, oft mit befristeten Verträgen. Interessante Einsatzfelder entstehen auch bei internationalen Organisationen wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds oder der World Trade Organisation. Nach Angaben des ZAV-Büros ?Führungskräfte zu Internationalen Organisationen? – kurz BFIO – suchen diese mit Nachdruck junge Volkswirte. Schätzungsweise ein Viertel aller Stellen, die jährlich über das Nachwuchsförderprogramm ?Beigeordnete Sachverständige? vermittelt werden, richten sich an VWLer.

Gesucht werden Assistenten im Management genauso wie Volkswirte, die in Haushaltsfragen beraten und Projektstudien – zum Beispiel zu Folgen infrastruktureller Veränderungen – leiten. Die Anforderungen an diese Kandidaten sind hoch. Gefragt sind – logisch – Sprachen, aber auch Kulturkenntnisse und Detailwissen über die Organisationen. ?Manchmal bewerben sich 1.000 Leute auf 45 Stellen?, weiß Otmar Dreher vom BFIO. ?Deshalb wird kräftig gesiebt.?

Yvonne Globert



Welche Branchen suchen?

DV-Beratung/Software 2,3 %
Verbände/Vereinigungen 5,9%
Behörden 10,2%
Kreditgewerbe 11,3%
Wirtschafts-, Personalberatung 21,7%
Hochschule u.Forschung 22,4%


Welche Ressorts suchen?

Vertrieb innen 5,1 %
Unternehmensleitung 5,4%
Planung 5,9%
Aus- und Weiterbildung 7,5%
Allg. Verwaltung/Koordination 12,6%
Forschung und Entwicklung 15,8%
Finanz- und Rechnungswesen 25,6%


Basis: 876 Stellenangebote in 40 Printmedien im Jahr 2000

(Quelle: Adecco)


Dieser Artikel ist erschienen am 21.02.2001