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Marktcheck Jura

Hans-Martin Barthold
Sie starten mit dem Ziel, nach dem Studium höchste Ämter in Staat und Wirtschaft zu bekleiden - und landen immer öfter als Sachbearbeiter in einer Versicherung oder als Rechtsanwalt in einer Wohnzimmerkanzlei.
Sie starten mit dem Ziel, nach dem Studium höchste Ämter in Staat und Wirtschaft zu bekleiden - und landen immer öfter als Sachbearbeiter in einer Versicherung oder als Rechtsanwalt in einer Wohnzimmerkanzlei.

Juristen bleiben in den Berufen Richter, Rechts- und Staatsanwalt zwar konkurrenzlos. In der privaten Wirtschaft und mittlerweile auch in den öffentlichen Verwaltungen aber heißen ihre Mitbewerber Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Andererseits stehen Jura-Absolventen mit Prädikatsexamen alle Türen zu lukrativen Jobs offen; renommierte Anwaltssozietäten etwa locken mit sechsstelligen Einstiegsgehältern.

Die besten Jobs von allen


Ein Prädikat - mindestens befriedigend plus - ziert allerdings nur jede sechste Examensurkunde. Wer an dieser Auszeichnung vorbeigeschrammt ist, kann die Hoffnung auf eine Richterkarriere begraben. Deshalb bereiten sich neun von zehn Examenskandidaten mit Hilfe eines kommerziellen Repetitors auf die Abschlussprüfungen vor und zahlen dafür bis zu 350 Mark im Monat.

Streitvermeidung statt Streitentscheidung
Das Studium ist vom Grundsatz her auf eine Tätigkeit im Justizwesen zugeschnitten. Da Absolventen aber zunehmend in der Wirtschaft oder bei Verbänden anheuern, soll das Studium weniger justizlastig werden, heißt es von Seiten der Bundesrechtsanwaltskammer. "Auch bei den Rechtsanwälten spielt die außergerichtliche Tätigkeit längst die Hauptrolle", sagt Präsident Bernhard Dombeck. Im Berufsalltag der meisten Juristen gelte die Maxime "Streitvermeidung statt Streitentscheidung".

Studenten sollen sich daher künftig stärker mit Rechtsberatung und -gestaltung befassen. Fächer wie internationales Privatrecht, Rechtsvergleichung und europäische Rechtsgeschichte werden zum Pflichtstoff; die Nachbardisziplinen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften halten Einzug in den Lehrplan. Seminare in Rhetorik, Verhandlungsmanagement, Mediation und Vernehmungslehre sollen das angestaubte Curriculum außerdem aufpolieren. Die private Bucerius Law School in Hamburg geht den staatlichen Hochschulen bereits als Beispiel voran.

Weitere Eckpunkte, auf die sich die Justizminister der Länder geeinigt haben und die noch in dieser Legislaturperiode Gesetz werden sollen, betreffen die Prüfungsordnung. Vorgesehen ist zum einen eine studienbegleitende Zwischenprüfung: Sie ist bestanden, wenn Studenten nach dem vierten Semester die nötigen Leistungsnachweise beisammen haben. An Stelle des ersten Staatsexamens nach einer Regelstudienzeit von neun Semestern tritt eine so genannte erste Prüfung, die sich zum überwiegenden Teil aus einer staatlichen Pflichtfach- und einer universitären Wahlfachprüfung zusammensetzt. "Bisher kann ich nichts abwählen und mich dadurch auch nicht spezialisieren. Das zumindest wird durch die Reform ansatzweise möglich", erklärt Peter Betz, Jurastudent und Fachschaftsvertreter an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität.

Freischuss nach dem achten Semester
Nach zwei gescheiterten Anläufen zum ersten Staatsexamen ist Schicht. Als Anreiz, das Studium zu verkürzen, gibt es jedoch den so genannten Freischuss nach dem achten Semester: ein vorgezogener zusätzlicher Versuch.

Auf das erste Staatsexamen folgt ein zweijähriger Vorbereitungsdienst, auch Referendariat genannt. Hier ist es möglich, einen Schwerpunkt in Justiz, Verwaltung oder Anwaltsausbildung zu setzen, ohne dass der Referendar sich dadurch auf einen Beruf festlegt.

Nach diesem praktischen Abschnitt heißt es nochmals ochsen: Bundesweit besteht das zweite Staatsexamen aus einem Klausurteil und einer mündlichen Prüfung, in einigen Ländern kommt noch eine Hausarbeit hinzu.

Für Studienanfänger, die sich von vornherein für ein Berufsfeld entscheiden, in dem zwar fundierte, aber keine volljuristischen Kenntnisse verlangt werden, bieten zahlreiche Fachhochschulen den Diplomstudiengang Wirtschaftsrecht an. Die Uni Göttingen hat diese Möglichkeit aufgegriffen: Wer nicht im Justizwesen einsteigen möchte, verzichtet auf Referendariat und zweites Staatsexamen und tauscht seine Examensurkunde ohne zusätzlichen Prüfungsaufwand in ein Diplomzeugnis um.

Weltbewegende Neuerungen wird es durch die Ausbildungsreform nicht geben", sagt Johannes Riedel, Präsident des nordrhein-westfälischen Landesjustizprüfungsamtes und Sprecher des Koordinierungsausschusses. Die ursprünglich angestrebte einphasige Ausbildung war nicht mehrheitsfähig, und das Leitbild des Einheitsjuristen bleibt zur Genugtuung der Standesvertreter erhalten: "Die Justiz ist mit ihrem juristischen Nachwuchs sehr zufrieden", erklärt Professor Reinhard Böttcher, Vorsitzender des Deutschen Juristentages und Präsident des Oberlandesgerichtes Bamberg.

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www.hochschulkompass.de

www.jura-im-web.de

www.anwaltverein.de

www.djt.de
Dieser Artikel ist erschienen am 20.09.2001